Zukunftsforscher sind überzeugt: Die nächsten Schritte im Kampf um junge Haut sind individuell gemixte Cremes. Eine Bestandsaufnahme des heutigen Angebots zeigt indes: Es gibt Anti-Aging-Cremes für jedes Geschlecht, jedes Alter (Early Ager bis Postmenopause), jedes Hautbedürfnis (Straffung, Verbesserung des Hautbildes), jeden Geschmack (Verpackung, Duft), jede Ideologie (Hightech, Bio, Pflanzenkosmetik) und jede Geldbörse. Damit jeder Kunde die Creme findet, die momentan zu ihm passt, ist Beratung ein Muss. Denn der Anti-Aging-Dschungel ist dicht. Jede Kosmetikfirma hat einen anderen Wirkstofffavoriten – aus verschiedenen Gründen.
Erstens stehen uns heute mehr Inhaltsstoffe zur Verfügung als je zuvor. Durch moderne pharmakologische und chemische Untersuchungen ist es möglich, die Wirkung von Naturstoffen auf den menschlichen Organismus auch wissenschaftlich nachzuweisen. Große Kosmetikmultis schicken auf der Suche nach immer neuen pflanzlichen Wirkstoffen ihre Forscher in In-
diana-Jones-Manier um den ganzen Globus. Die Auswahl, die diese vorfinden, ist groß: Von 250.000 Pflanzen und Algenarten sind erst 10.000 chemisch vollständig entschlüsselt . . .
Schwere Wahl. Zweitens will sich jede Marke von der anderen unterscheiden. Drittens hängt die Art des verwendeten Wirkstoffes immer auch vom Wissensstand über die Haut ab, und dieser steigt mit jedem Forschungsjahr. Ein Blick zurück zeigt: Als man die Bedeutung des Feuchtigkeitsgehalts der Haut erkannte, kamen die ers-ten Moisturizer auf den Markt. Die Entdeckung der Hautbarriere führte zur Entwicklung der Liposome, und als man die Bedrohung durch freie Radikale wahrnahm, wanderten erstmals Antioxidantien in den Tiegel.
Heute werden immer neue Mikrovorgänge erkannt, was dazu führt, dass verschiedene Cremes ganz unterschiedliche Lösungsansätze bieten: Die eine versucht etwas gegen die Verzuckerung der Zellen zu tun, die das Gewebe verklebt, eine andere will für eine optimale Zellteilung sorgen, die dritte stimuliert körpereigene Enzyme im Körper, die die Zellregeneration anregen sollen. Da es für einen Laien nicht möglich ist, zu beurteilen, welche dieser Problemlösungen Vorrang hat, ist die Wahl der richtigen Creme schwierig. Tatsächlich hat man beim Lesen der Beipacktexte oder Kosmetikanzeigen oft das Gefühl, Äpfel mit Birnen vergleichen zu müssen.
Fakt ist: Praktisch alle wichtigen Wirkstoffe, die man in den letzten 100 Jahren fand, werden noch heute in Kosmetikprodukten verwendet, egal ob Lanolin, Vaselin, Collagen, Hyaluronsäure, Liposome, Retinol oder die diversen Vitamine. Schon vor 6000 Jahren suchten Menschen nach Methoden, länger jung auszusehen, und schreckten dabei vor fast keiner Methode zurück: von Eselsmilch über Mäusedreck bis zu Jungfrauenblut. Geholfen hat’s freilich wenig.
Weil unser Alterungsprozess unaufhaltsam ist? Mitnichten! Zwar stimmt es, dass unsere Gene den Alterungsprozess bestimmen, allerdings nur zu 30 Prozent. Den Rest erledigen äußere Einflüsse. Jeder hat also die Möglichkeit, den Alterungsprozess durch bestimmte Maßnahmen hinauszuzögern. Dazu gehört neben Sonnenschutz und einem gesunden Lebenswandel auch die passende Hautpflege. Und diese gibt es in ihrer heutigen Form erst kürzer, als man denkt.
Nicht zimperlich. Denn die Geschichte der Kosmetik ist zwar alt, entwickelte sich jedoch lange Zeit kaum weiter. Vor gerade mal 119 Jahren legte man mit der Entdeckung des Lanolins den Grundstein für moderne Kosmetika. Die erste Anti-Aging-Pflege gab es überhaupt erst in den 40ern. Waren vormals nur Wasser und Fett im Tiegel, wurde nun eine Creme lanciert, die Hormone aus der Placenta enthielt. Marika Rökks Nachkriegs-TV-Werbeklassiker für die „Hormocenta“-Schönheitscreme ist legendär. Und auch beim Einsatz anderer tierischer Produkte war die Generation unserer Großmütter nicht zimperlich: Vor Hyaluronsäure aus Hahnenkämmen oder Kollagen aus Rinderaugen schreckte niemand zurück. Um zu beweisen, dass diese tierischen Kollagenmoleküle wirkten, markierte man sie in Tests radioaktiv. Als tatsächlich Radioaktivität in tieferen Hautschichten gemessen werden konnten, feierte man dies frenetisch als Riesenerfolg. Erst später bemerkte man, dass zwar die radioaktive Markierung tiefer gewandert war, das Kollagen aber an der Hautoberfläche zurückgeblieben war, weil es zu groß war, um die Haut zu penetrieren.
Hauterneuerung. Ihre Blütezeit erlebten die tierischen Wirkstoffe in den 60ern und 70ern, verschwanden jedoch durch den ersten BSE-Skandal 1986 nahezu vollständig vom Markt. Zum Glück gab es mittlerweile bereits effektivere Inhaltsstoffe, die bis heute ihre Berechtigung haben. Erstes Highlight war der Boom der Fruchtsäuren. Die AHAs (Alpha Hydroxy Acids) lockern die Hornschicht der Haut auf, lösen sie in höherer Konzentration sogar ab. Die neue, rasch nachwachsende Oberhaut ist deutlich straffer und feiner strukturiert. Verhornungen und Pigmentflecken werden gemildert. Ein weiteres Plus: Die Säuren sind leicht zu gewinnen – aus Äpfeln, Zitronen oder Ananas. Noch sanfter als Fruchtsäuren regt eine andere wichtige Wirkstoffgruppe die Bildung neuer Hautzellen an: Retinoiden. Lancaster führte 1978 Retinol in einem Kosmetikprodukte ein. Lange Zeit war die Haltbarkeit ein Problem, da sich Vitamin A unter Licht- und Lufteinfluss schnell zersetzt. Heute ist das kein Problem mehr, Retinolprodukte gelten als wirksamste Anti-Aging-Pflege.
Tiefenwirksam. Ein weiteres großes Kapitel der Hautpflege wurde mit Einführung der Transportsysteme aufgeschlagen. Die ersten waren die Liposome: winzige Fettverbindungen, in denen der Wirkstoff eingeschlossen wurde. Sie sind sehr geschmeidig und können besser in die tieferen Hautschichten dringen. 1983 nahmen zwei Pflegeprodukte zur gleichen Zeit die gleiche Innovation für sich in Anspruch: Capture von Dior und Niosôme von Lancôme. Beide enthielten die berühmten Liposome. Es folgten Anagénèse von Orlan, Intercell von Rubinstein, Hydra Swiss von La Prairie, BioPerformance von Shiseido, Myosphère von Roc, die Crème Multiactive von Clarins – nur einige Beispiele von über zweihundert. Ende der 80er tauchte auch erstmals das Schlagwort ,,oxydativer Stress“ auf. Fortan warb fast jede Antifaltencreme mit Radikalfängern, die den zellzerstörenden Freien Radikalen Parole bieten sollten. Freie Radikale sind natürliche Stoffwechselprodukte, die bei Stress oder ungesundem Lebenswandel überhand nehmen können und dann Zellen zerstören. Welche Feindbilder wohl als Nächstes entdeckt werden?
Anti-Aging-Pflege: Zeichen der Zeit
15.10.2009 | 18:16 | von Martina Parker (Die Presse - Schaufenster)
Von Jungfrauenblut bis Stammzellen: Die Entwicklung der Anti-Aging-Pflege und auf welche Cremes wir künftig setzen sollen.


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