Das alte Mühlrad klappert schon seit den 1960er-Jahren nicht mehr. Und auch der kleine Mühlbach, die Lengel, fließt heute nicht mehr am Haus, sondern 50 Meter weiter unten vorbei. Anstelle des auffallend großen Rades stehen auf einer gemauerten Terrasse zwei gemütliche Sonnenbetten, ein Holztisch, eine Bank und vier Stühle dazu. An einem davon steht Vivie Thonet und fühlt sich unwohl. Die Mühle ja, aber sie selbst will nicht so gern fotografiert werden, das merkt man.
Die Kuchenmühle – sie liegt zwölf Kilometer östlich der hessischen Kleinstadt Frankenberg – hat eine bewegte Geschichte. Schon im 16. Jahrhundert stand hier die Mittelmühle. Der Lohnmüller Simon Kuche kauft sie 1856 und legt den Grundstein zum heutigen, größeren Gebäude. Etwa zur gleichen Zeit, 1859, ging Michael Thonet in Wien mit seinem Konsumsessel Nr. 14 in Serienproduktion. Der Stuhl ist nicht Thonets erstes, aber sein bei Weitem erfolgreichstes Bugholzprodukt. Über 60 Millionen Stück wurden davon bis heute verkauft.
Kleinzoo. Mittlerweile führen Thonets Urururenkel das Unternehmen (bzw. das, was nach dem Zweiten Weltkrieg davon übrig war und bis heute in Familienbesitz ist). Einer davon, Peter, lebt seit 15 Jahren mit Vivie und dem gemeinsamen Sohn Moritz in Simon Kuches Mühle. Weitere Bewohner: Kater Anton und draußen im Garten Pony Sam, Heidschnucke Frida sowie die deutsche Edelziege Lucky. Zwei Zwergziegen und zwei Jack-Russell-Terrier haben schon das Zeitliche gesegnet. Bevor die Familie die Mühle bezogen hat, lebte sie in Düsseldorf (ohne Kleinzoo), und davor wiederum war Vivie, damals noch unverheiratet, für drei Jahre in New York. Sie liebt die Stadt und würde sofort wieder zurückgehen: „Long Island!“ Im ganzen Haus finden sich Souvenirs: eine Fußmatte mit aufgedrucktem Sternenbanner, ein kleines Tischchen, das eine Freundin auf einem New Yorker Flohmarkt gefunden hat, ein Plakat vom Hampton Classic 2004, einem traditionellen Pferderennen in Upstate New York. „Es ist ganz schwierig, das zu bekommen, ich habe es dort rausgeschmuggelt“, sagt Vivie Thonet.
Aber die Thonet-Zentrale liegt nun mal nicht in New York, sondern in Frankenberg. „Und wenn schon Land, dann richtig.“ Ohne Nachbarn also, dafür mit besagtem Kleinzoo, Gummistiefeln und Geländewagen. Im Haus selbst sieht es allerdings durchaus urban aus, klassisch urban freilich: Das Thonet-Erbe ist allgegenwärtig. Im Speisezimmer stehen um einen Tisch aus der aktuellen Kollektion originale Bugholzstühle aus der Serie Nr. 4. Michael Thonet hat damit das Wiener Kaffeehaus Daum ausgestattet – sein erster Auftrag für ein öffentliches Lokal – und dafür bei der Weltaustellung 1851 eine Goldmedaille gewonnen. Im Wohnzimmer findet sich ein weiteres Stück Designgeschichte: ein Stahlrohrsofa aus den 1930ern. Damals ließen Designlegenden wie Marcel Breuer, Mart Stam und Mies van der Rohe ihre Stahlrohrmöbel von Thonet produzieren.
Neue Generationen. Ist so ein Erbe auch Belastung? „So würde ich es nicht nennen“, sagt Peter Thonet, der im Unternehmen für Marketing, Vertrieb und die Produktentwicklung verantwortlich ist. „Man hat natürlich eine gewisse Verantwortung, weil man das Unternehmen den nächsten Generationen weitergeben will, und man hat auch den Ehrgeiz, an die Meilensteine anzuknüpfen. Das ist Herausforderung, aber auch Ansporn.“ Die nächste, nämlich die sechste Thonet-Generation steht schon am Start. Peter Thonets Neffe und sein ältester Sohn sind bereits im Unternehmen tätig, sein Jüngster, erzählt er lachend, fragte neulich: „Papi, was muss ich machen, damit ich später Geschäftsführer werde?“ Und in der siebenten Generation ist auch schon jemand da: die vier Monate alte Georgina.
Ihre Geburtsanzeige hängt neben vielen Familienfotos in der Wohnküche, dem ehemaligen Kornspeicher der Mühle. Am Herd steht ein großer Topf mit Kartoffelsuppe. „Nehmt euch!“, ruft Vivie Thonet und saust zur Tür hinaus, denn am Abend findet in der Firma ein Empfang statt, und es ist noch viel zu tun. Eine Stunde später ist sie wieder da, mit Kuchen und einem großen Topf Erdbeeren. Auch in der Küche, rund um einen großen Holztisch mit Granitplatte, stehen Thonetstühle, die Reedition eines Entwurfs aus 1930. Daneben ein Biedermeierkasten, er ist allerdings wie der alte Bauernschrank im Speisezimmer eines der wenigen Erbstücke im Haus, die nicht von Thonet sind. Beide gehörten ursprünglich Vivies Großmutter. „Wissen Sie, wir hatten nämlich auch schöne Möbel zu Hause.“
Wohnen in einer Mühle: Thonets Erben
27.08.2009 | 20:04 | von Amelie Znidaric (Die Presse - Schaufenster)
Der Urururenkel von Sesselpionier Michael Thonet lebt mit Frau und Kind – und jeder Menge altem Bugholz – in einer rund 150 Jahre alten Mühle in Hessen. Das "Schaufenster" hat die Familie besucht.


Impressionen: Kuchenmühle
Yigg
Webnews
Mr. Wong
Delicious
Facebook
Scoop
Google
Feine Stoffe: Home-Design von H&M
Wallsticker: Wand, wechsel dich!
Kompakt: Das kleinste Designhaus der Welt
Schöner Essen: Architektur in der Gastronomie
Seaside Interiors: Wohnträume am Wasser