Das Ding ist übermannsgroß. Aus zusammengesteckten Rohren. Und rot. Kein transparenter Glanz, keine glatten Flächen, keine scharfen Kanten – und doch: ein Kristall. Dasselbe Prinzip noch einmal, aber in Draht und so groß, dass es in eine Hand passt. Am Boden und an den Wänden wieder, diesmal sind es Lichtlinien oder Wollfäden, die die Struktur des für den Swarovski-Kristall typischen Chatonschliff nachzeichnen. Im hinteren Eck des Raums ein begehbares Objekt, das den abstrakten Gedanken von außen nach innen stülpt: Facetten, allerdings gepolstert, ein weicher Kristall und idealer Rückzugsort. Arik Levy liebt das Spiel mit der Verwandlung, der Neu- und Umbewertung. Er macht Gold zu Stein (Tische, die aussehen wie Felsen, aber golden schimmern und in Galerien zu Preisen verkauft werden, die solides Edelmetall vermuten ließen) und Draht zu Diamanten (die Kristallstrukturen, die sich vor dem geistigen Auge des Betrachters in den Ring der Großmutter verwandeln). Seine Kristallobjekte sind während der Vienna Design Week auch in Wien zu sehen.
„Bling“ hat es immer schon gegeben, seit Ludwig XIV., und es wird immer da sein. Im richtigen Zusammenhang ist es harmonisch, im falschen eben „bling“. Aber, ja, in der Ausstellung ist kein „bling“. Die Leute allerdings, die danach suchen, werden es auch sehen. Es ist wie die Geschichte vom Kaiser und seinen neuen Kleidern.
Können Sie das genauer erklären?
Es ist wichtig, die Objekte als Idee zu begreifen. Man kann Kristalle zeigen, ohne dass es glitzert. Sie sind nur in unserer Vorstellung da, nicht physisch. Wir wissen nicht, welche Verbindungen dabei im Hirn aktiv werden, das ist das Spannende. Wenn ich Ihnen jetzt zum Beispiel den Begriff „Diamantring“ hinwerfe, dann sehen Sie vor Ihrem geistigen Auge vielleicht Ihren Diamantring, den Sie im Kasten verstaut haben, oder Sie sehen den Ring, den Sie nie bekommen werden von dem Liebhaber, den Sie nie haben werden. Oder was auch immer. Sie folgen jetzt vielleicht stundenlang Ihren Vorstellungen, oder aber Sie sagen: „Wovon, zur Hölle, spricht dieser Mann?“
Ich sehe den Diamantring sehr klar.
Das ist so wichtig. Die menschliche Vorstellungskraft ist so viel stärker als das, was wir tatsächlich sehen. Aber wir haben verlernt, das wahrzunehmen, schon in der Schule trainieren sie es den Kindern ab. Deshalb ist es schön, dass sich die Leute die Ausstellung anschauen. Vor zwei Tagen hatte ich zum Beispiel 40 Mitarbeiter von Swarovski hier, Menschen, die einiges aus der Schau umgesetzt haben und die seit Generationen mit Kristallen arbeiten. Auf einmal konnten sie in einen Kristall hineingehen, das war fantastisch, sie sind Schlange gestanden dafür. Und alle haben von Spiritualität gesprochen, von Kraft, einer emotionalen Kraft. Es war wirklich ein schöner Moment für mich.
Sie malen, fotografieren und filmen, entwerfen Skulpturen, Bühnenbilder, Möbel und Ausstellungen. Was halten Sie von der Diskussion um die Grenzen zwischen Design und Kunst?
Wir gehen zu sehr nach dem Äußeren, nach dem Look. Wer zur „Art Basel“ fährt, folgt der Kunstwelt. Wer nach Mailand fährt, folgt der Designwelt. 1985 hatte ich meine erste Skulpturen-ausstellung in Mailand, und als ich mit etwas in der Galerie ankam, das in der Designwelt als Möbelstück gälte, haben sie mich gefragt: „Was sollen wir damit?“ Vor zehn Jahren war das noch ein richtiger Kampf, heute verschwimmen die Grenzen. Das Problem haben eigentlich nicht die, die mittendrin sind, sondern die rundherum: die Journalisten, die Vertriebskanäle. Es ist unglaublich: Jemand, der über Kunst schreibt, kann nicht über Essen schreiben. Und einer, der über Essen schreibt, kann nicht über Skulpturen schreiben. Obwohl Ferran Adria (katalanischer Starkoch, Anm.) Skulpturen macht, die er in den Tiefkühler stellt, wird er nicht als Künstler wahrgenommen. Man muss nicht alles in Schubladen stecken. Für mich selbst und meine Arbeit sehe ich jedenfalls absolut keine Unklarheit. Kunst ist natürlich freier als Design. Wenn ich eine Leuchte kaufe, die in einer Schachtel mit Firmenlogo steckt, dann erwarte ich mir, dass sie funktioniert. Wenn ich dieselbe Leuchte in einer Galerie kaufe und sie funktioniert nicht, dann sage ich: Aha, das Licht ist Finsternis, das ist die Idee – fein, das ist Kunst.
Apropos Licht und Finsternis: Sie haben einmal erwähnt, dass der Verlust für Sie etwas Inspirierendes ist, die Leere, das Abwesende, Nichtexistente.
Das ist ein ganz wesentlicher Punkt in meiner Arbeit und in meinem Leben. Es ist so, als würde ich jemandem ein zweites Paar Augen schenken. Sie sehen nicht, was jetzt gerade hinter Ihrem Rücken vorgeht, aber ich sehe es, es ist eigentlich wunderschön. (Die Interviewerin dreht sich um, Levy lacht) Jetzt sehen Sie mich nicht mehr, das ist genau das Thema.
Sie zeigen also das, was ist, und zugleich das, was nicht ist?
Genau. Aber wichtig ist, was ich wegnehme, nicht, was übrig bleibt. Der verbleibende Rest ist nur eine Folge. Diamanten etwa bekommen ihren Wert durch ihre Abwesenheit, sie wiegt fast stärker als alles andere. Der Finger, den ich verloren habe (bei einem Arbeitsunfall, Anm.), ist integraler Bestandteil meiner Arbeit. Wissen Sie, wie viele Leute keine Finger haben? Sie sehen das nicht, und ich habe es auch nie gesehen, bevor ich meinen verloren habe, aber jetzt habe ich dafür ein Radar. Aus 20 Meter Entfernung ist es das Erste, was ich sehe. Aber ich sehe nicht, dass derjenige keinen Finger hat. Ich sehe den Finger, den er nicht hat.
Dasselbe habe ich hier in der Ausstellung gemacht:
Ich habe die Struktur des Kristalls in Draht nachgebildet und ihm alles weggenommen, was Kitsch und bling und uninteressant ist. Damit ist der Kristall plötzlich so wertvoll wie ein Diamant, das ist doch fantastisch.
In einem Interview haben Sie gesagt, dass Nachhaltigkeit ein Modewort ist, dass Leute heute alles wegwerfen und nichts mehr vererben. Dabei wäre es doch gerade im Sinn der Nachhaltigkeit, Dinge zu entwerfen, die so schön sind, dass die Menschen sie bewahren, weil sie wissen, dass ihre Nachkommen sie gerne erben möchten.
Ja. Aber Tatsache ist, dass das keiner mehr tut. Wir erinnern uns doch alle an die Vitrinen unserer Großmütter, gut verarbeitet, aus solidem, gut getrocknetem Holz. Brüder und Schwestern und alle anderen Familienmitglieder haben sich gegenseitig fast umgebracht, um diese Vitrine zu erben.
Aber heute haben sich die Werte in der Herstellung verändert. Niemand fragt sich mehr: Habe ich gut produziert? Habe ich etwas produziert, das es wert war, produziert zu werden? Dabei wäre das im Interesse aller. Das Einzige, was aus 40.000 Jahren Menschheitsgeschichte übrig bleibt, sind Innovation und Kunst. Das ist, was wir aufgehoben haben und heute im Museum finden.


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