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Möbeldesign: Schöne Verschwendung

29.10.2009 | 19:51 |  von Marlene Mayer (Die Presse - Schaufenster)

Warum man sich ein Möbel erst einmal erobern muss und ein Kratzer in der Tischplatte für Luxus steht. Der Designer Jan Armgardt im Gespräch.

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Er gehört nicht gerade zu den Lauten der Branche. Zu jenen, die aufmerksam machen auf sich. Mit provokanten Thesen und sorgsam gepflegtem Image. Obwohl Jan Armgardt seit knapp 40 Jahren zu den meistbeschäftigten deutschen Designern gehört – er produziert sowohl Unikate als auch für namhafte Hersteller wie Wittmann, Nils Holger Moormann oder Seefelder –, ist sein Name eigentlich nur Branchenkennern ein Begriff. Bereits seit 1970 konzentriert er sich auf ein Gebiet, das mittlerweile in den Blickpunkt der Branche gerückt ist: Nachhaltigkeit. „Der Begriff ist populär, ja, aber nicht umgesetzt“, sagt Armgardt. Für den Designer geht es dabei nämlich auch ein gutes Stück weit um Verschwendung, Überfluss und um Luxus, den „Luxus der Langsamkeit“ nämlich. Schwarzott ehrte den Designer, der nicht nur Möbel, sondern auch „die Gesellschaft gestalten“ will, dieser Tage mit einer Sonderschau seiner Möbel für Wittmann in Wien.

Sie propagieren die Vielfalt, den Überfluss.

Ja, wir brauchen Vielfalt und keine Einfalt. Einfalt wäre schrecklich. Da braucht man sich ja nur in der Natur umsehen. Die ist verschwenderisch. Und diese Verschwendung tut allen gut. Der Knackpunkt ist nur: Die Natur produziert bei aller Verschwendung keinen Müll. Das müssen wir uns noch von ihr abschauen.

Sie versuchen sich als Designer an einer gewissen Langlebigkeit Ihrer Produkte. Nachhaltigkeit ist wohl das Stichwort. Wie passt das mit Verschwendung zusammen?

In der Arbeit geht es klarerweise erst einmal um eine sehr gute Verarbeitungs- und Materialqualität und natürlich auch um die passende Gestaltung, die darf nicht innerhalb von zwei Jahren langweilig werden. Trotzdem bin ich für modische Produkte. Da haben die frühen Ökos meiner Meinung nach etwas falsch verstanden, deren Möbel waren langweilig, wurden mit der Zeit grau. Und wenn ich eine acht Zentimeter dicke Massivholzplatte hernehme, dann ist das auch nicht ökologisch. Die Mode
ist ja da, um Begehren zu erzeugen. Gäbe es keine
Mode, also keine Veränderung, würden auch keinerlei Begehrlichkeiten entstehen. Und keine Vielfalt. Nur durch diese Vielfalt kann ich ein Möbel aber anders, reicher gestalten. So ein Möbel kann dann auch ruhig teuer sein. Im besten Fall sitzt man da ja auch 20 Jahre drauf.

Aber warum sollte man es so lange behalten? Im Überfluss tausche ich Dinge doch einfach aus.

Sehen Sie, die äußere Welt, die Schnelligkeit können Sie nicht ändern. Entweder Sie gehen mit, oder Sie bleiben stehen. Aber in Ihrer privaten Welt, in Ihrer Wohnung, da können Sie die Geschwindigkeit bestimmen. Langlebige Möbel signalisieren Langsamkeit. Ein Beispiel: Ein Kunststoffstuhl reflektiert Schnelligkeit, ein handwerklich gearbeiteter, vielleicht geflochtener Stuhl aus Naturmaterialien signalisiert Langsamkeit. Es dauert nun einmal seine Zeit, bis man ihn hergestellt hat.
Möbel aus solchen ursprünglichen „langsamen“ Materialien haben eine eigene Qualität, die immer mehr Bedeutung erfahren wird. Das ist auch eine atmosphärische Sache. Ein Kunststoffstuhl, der ist kalt. Und er sieht auch nach einer gewissen Zeit schäbig aus. Er kann nicht in Würde altern. Das muss ein Möbel aber können.

Gestalten Sie Möbel also als eine Art Ruhepol in
einer schnelllebigen Welt?


Ich nehme den Begriff „Gestalter“ ernst, ich möchte auch die Gesellschaft ein Stück mitgestalten. Und ich glaube, dass man diese Pole zwischen innen und außen, zwischen Schnelligkeit und Ruhe braucht. Man muss sich auf die Dinge einlassen, statt ständig zu flüchten. Das muss man verinnerlichen. Gestaltung ist ja kein luftleerer Raum, man gestaltet für den Menschen. Und der will Geborgenheit, Poesie und Freundschaft. Das sind die wichtigsten Attribute.

Sie sagen, Möbel haben eine Seele.

Produkte fangen erst an zu leben, wenn sie benutzt werden. An einem Sofa, einem Stuhl, da machen sich Geschichten fest. Mit der Zeit wird das Möbel zu einem Komplizen, es entwickelt eine Aura. Dabei entwickeln sich natürlich auch Gebrauchsspuren, es ist wichtig, damit stressfrei umzugehen, jeder Kratzer macht das Möbel zum Unikat. Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch – das sind Dinge, an denen man jeden Tag ganz nah dran ist, die man lieb gewinnt.

Will man sich mit der Einrichtung nicht auch ein Stück weit nach außen hin repräsentieren?

Immer weniger, es geht vielmehr um Gegenstände, die der eigenen Haltung und dem eigenen Leistungsanspruch entsprechen. Ich will doch keine Wohnung haben, in die jeden Tag ein Fotograf kommen könnte, der seinen Job, ohne umzustellen oder umzuräumen, machen könnte. Das wäre ja katastrophal, da könnte man sich ja gar nicht bewegen.  In der Wohnung, da passiert die ganz starke Individualisierung. Da gibt es neue Möbel, aber auch ganz alte mit Spuren dran. Das ist doch das Schöne daran. Wenn Sie einen Esstisch haben, und da passiert alles Mögliche – Kinder, Besuch und so weiter –, und Sie bemerken, dass dieser Tisch eine Patina bekommt, dann wird er langsam ein interessantes Ding. Und ein hochindividuelles. Diese Werte muss man erkennen.

Man muss sich die Möbel also erst einmal erobern?

Genau. Man muss sich mit ihnen befassen. Sie zu verinnerlichen, die Qualität zu spüren – das ist Luxus.

Die Kratzer in der Tischplatte sind Luxus?

Ja. Luxus ist eine soziale Konstruktion. Luxus verändert sich ständig. Früher war ein Auto Luxus oder ein Telefon. Es ist noch gar nicht so wahnsinnig lange her, da war auch ein Stuhl Luxus, ein Privileg eben. Der König hatte einen Stuhl, der Stammesfürst, die anderen nicht. Heute haben wir das alles, heute bedeutet der Rückzug Luxus. Und Langsamkeit. Die Wohnung, die eigenen vier Wände, sind in der heutigen Zeit das letzte Refugium, der einzige Ort, über den man noch selbst bestimmen kann. Das ist ein großes Zukunftsthema für Design.

Design wird ja als Zukunftsbranche gehandelt.

Es ist eine Zukunftstechnologie. Ich glaube, die Hauptaufgaben für künftige Designergenerationen sind Ökonomie und Ökologie. Da geht es nicht mehr um bloße Ästhetik. Es wird darum gehen, die Dinge intelligent zu planen. Sich etwas von der Natur abzuschauen, das gängige Produktionsprinzip – also, wenn auch auf Umwegen, eine Transformation von Rohstoffen in Müll – zu durchbrechen. Verschwendung ist eine Konstante der Natur. Aber Vergeudung ist falsch. Es gibt mittlerweile Millionen Produkte, die man darauf prüfen muss, ob sie intelligent genug sind, ob sie, mit kleinen Adaptionen vielleicht, weiter bestehen können. Da haben die jungen Industrial-Designer gut zu tun. Die Ästhetikstars braucht man dabei nicht ganz so dringend.

Apropos Stars: Sie arbeiten seit 1970 als Designer, wie sehr hat sich das Image des Designers in diesen Jahren verändert?

Früher, da gab es nur wenige Designer. Da hab ich noch sagen können, was Design eigentlich ist. Das ist heute anders. Klar, die Begrifflichkeit Design hat sich total durchgesetzt. Da macht einer einen neuen Anstrich auf ein Objekt, gibt so eine Art Sahnehäubchen dazu und sagt: Das ist Design. Das ist natürlich Blödsinn, weil alles, was produziert und planmäßig hergestellt wird, Design ist. Es gibt also Designer, und es gibt Möbel – aber es gibt keine Designermöbel. Natürlich kann man auch bewerten. Da geht es dann um Geschmack, und der ist ambivalent. Jede soziale Schicht hat einen Anspruch auf gute Gestaltung. Der einewill einen Stuhl, der schon fast eine Illusion ist, der andere braucht  Masse, um sich zu begeistern. Da gibt es eine ganz schöne Spannbreite, und das ist gut. Ich denke aber auch, dass wir diese Paradiesvögel, die Popstars unter den Designern brauchen. Das macht die Sache bunter. Und nichts ist erfolgreicher als der Erfolg.

An der Raumaufteilung, am eingelernten Wohnbereich hat sich eigentlich nicht viel verändert.

Es hat sich schon etwas getan. Die Freiheit des Sitzens ist mittlerweile da. Wobei, wenn man eine meiner Polstermöbelgruppen von 1970 mit einer von 2005 vergleicht, muss man zugeben, dass sich da nicht viel geändert hat. Die Materialien und Oberflächen, aber sonst nicht viel. Die Entwicklungen passieren langsam. Nur ein Beispiel: Im Gestaltungsprozess, da stellt man sich die Menschen vor, die das Möbel benutzen. Wenn jetzt drei auf einer Bank sitzen und kommunizieren wollen, dann müssen sich zwei immer zu dem in der Mitte drehen, die verschränken sich. Da kam mir der Gedanke, dass man eigentlich die Rückenlehnen einknicken müsste, so könnten die zwei diagonal zueinander sitzen. Solche kleinen Innovationen haben natürlich wieder Potenzial für andere. Die Industrie, andere Designer nehmen die Veränderung her, und dann kann sich etwas entwickeln. Kultur ist ja flüssig. Langsam entstehen so die Dinge, die auch die Zeit überstehen, Stück für Stück schlägt sich das nieder. Aber es stimmt schon, es bleibt nicht viel übrig. Ich hab einige Produkte, die schon 25 Jahre auf dem Markt sind. Die haben dann halt gewisse Attribute und verändern ihre Jugendlichkeit nicht.

Wenn Sie sich Ihre Arbeit der letzten 40 Jahre anschauen, wo erkennt man den roten Faden?

Wenn ich etwas mache, ist der erste Gedanke die Frage nach der Sinnhaftigkeit. Natürlich bewegt man sich da auch auf einem schmalen Grat: Wenn man mit einem Hersteller zusammenarbeitet, ein kommerzielles Produkt gestaltet, dann muss man auch auf die Firma zugehen, schließlich geht es um deren Glaubwürdigkeit. Trotzdem muss der Gestaltungsprozess Sinn machen, das gelingt vielleicht nicht immer, aber das versuche ich. Und das Tolle an der Vielfalt ist ja auch, dass ständig neue Dinge dazukommen und alte verschwinden. Es
wäre langweilig, gäbe es einen besten Stuhl, ein bestes Sofa, das wäre ja wie im Kommunismus, total gleichgeschaltet. Ich denke, man muss einfach sehr viel machen, dann bleiben am Ende auch genug gute Dinge über.

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