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Ein Österreicher in Bangkok: Krisengewinner

05.11.2009 | 17:37 |  von Judith Jenner (Die Presse - Schaufenster)

Florian Gypser lässt futuristische Möbel von Autozulieferern bauen, deren Auftragsbücher momentan leer sind.

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In den engen Gassen von Bangkoks China Town kennt ihn jeder, den gro­ßen Weißen mit den braunen Locken und den graugrünen Augen. „Gypsy“ nennen ihn mit asiatischem Singsang in der Stimme der ­ölverschmierte Automechaniker, die Köchin mit ihrer improvisierten Nudelküche am Straßenstand, die Verkäuferin im kleinen Zeitungs- und Gemischtwarenladen, der Concierge seines Wohnhauses. Seit fast fünf Jahren lebt der Wiener Florian Gypser in der Millionenmetro­pole und fühlt sich schon fast wie ein Einheimischer. „­Meine Freunde sagen, ich sehe zwar aus wie ein ­Europäer, aber der Seele nach bin ich ein Thai.“

Ein Umstand, der ihm auch in der Geschäftswelt hilft. Seit Ende letzten Jahres werden seine modernen Möbelentwürfe von einer großen Firma gebaut, die als direkter Zulieferer Autoverkleidungsteile wie Tuning-Parts, Stoßstangen und Dacheinleger für die Formel-1- und Racing-Abteilungen von Mitsubishi, Toyota oder Honda herstellt. Mit der Wirtschafts- und Finanzkrise brach dieser Produktionszweig ein. „In dieser Situation kam mein Vorschlag, vorhandene Materialien und Produktionsmethoden für meine Möbel zu verwenden, genau richtig“, so Gypser.

Zaha Hadids Einfluss. Als Erstes ging der Sessel „Panta Rhei“ in die Herstellung. Der von ­einer Blüte inspirierte Entwurf ist ein dreieckiges Loungemöbel, das sich modular an verschiedene Raumsituationen ­anpasst und einen schwebenden Eindruck hinterlässt. Die glatte Oberfläche wird dabei, wie im Automobilbau üblich, ­lackiert. Wer einen wohnlicheren Bezug wünscht, kann das Möbel auch in Leder oder Stoff ordern. Sehr edle Varianten des Sessels sind aus Aluminium und Messing. „Mittels Wachsausschmelzverfahren kann das Möbel in einem Guss hergestellt werden.“ Diese Arbeit setzen Firmen um, die normalerweise Buddhastatuen aus Messing oder Bronze herstellen. Während einer Ausstellung im Rahmen der Bangkok Design Week im edelsten Shoppingcenter von Bangkok, dem Siam Paragon, schmissen sich ganze Schulklassen auf den Sessel, um auszuprobieren, wie es sich auf dem bunten Möbel sitzt. „Die Menschen sind begeistert, aber um sich einen solchen Stuhl zu leisten, fehlen in Thailand Platz und Geld. Ich bin zwar im richtigen Land zum Produzieren, aber nicht zum Verkaufen“, sagt Gypser. ­Zumindest, wenn es um private Kunden geht. Interesse zeigen aber ­Architekten, die den „Pantha Rei“ im halb­öffentlichen Raum einsetzen.
Den Entwürfen von Florian Gypser sieht man klar den Einfluss seiner Lehrerin an: Zaha Hadid, die weltbekannte Architektin und Produktdesignerin irakischer Abstammung, unterrichtete ihn an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Sie ist bekannt für die fließenden, organischen Formen ihrer Bauten und Produkte. Die Vorlesungen des Designers und Dozenten ­Paolo Piva brachten Gypser dann aber schließlich zu seiner Spezialisierung auf Produktdesign. 

Als Gypser während des Studiums zum ersten Mal als Tourist nach Bangkok reiste, faszinierte ihn die Lebendigkeit, die Spontaneität der Stadt. Er beschloss, sich für ein Auslandssemester zu bewerben. An der Silpakorn University sprach er beim Direktor vor, bereits zum nächsten Semester begann er sein Studium. Die tradi­tionsreiche Universität hat viele thailändische Architekten und ­Maler ausgebildet, aber Florian Gypser war ein Exot. „Meine Kommilitonen waren super freundlich und haben mich sofort sehr herzlich aufgenommen“, sagt er. Von ihnen bekam er auch seinen Spitznamen „Gypsy“.

Für die Diplomarbeit kehrte er noch einmal nach Wien zurück, aber gedanklich blieb er in Thailand. Sein ­Thema: eine stadtplanerische Arbeit über Bangkok mit dem Namen „Bangkok Spine“, in der er darstellt, wie die Verkehrswege von U-Bahn, Skytrain, Brücken und Schiffsverkehr entlang des Flusses Chao Phraya zusammenspielen könnten. Das Kernstück sind zwölf bewohnbare Brücken mit Geschäften, Wohnungen und Freizeitangeboten. In den „Swarovski Gem Visions 2010“, einem umfassenden Architekturtrendbuch, wird seine Vision gerade erneut veröffentlicht.

Wie im Design-Magazin. Von seiner Wohnung im 15. Stock überblickt Gypser die Elf-Millionen-Einwohner-Metropole bequem. Diese Wohnung hat auch damit zu tun, dass in Magazinen wie der thailändischen „­Elle Deco“, der „Bangkok Post“ oder der deutschsprachigen „Thaizeit“ regelmäßig mehrseitige Features über ihn zu lesen sind. Direkt am Chao Phraya, dem breiten Fluss, der Bangkok wie ein schillerndes Band durchzieht, hat er ein Appartement gemietet und es nach seinen Vorstellungen in ein Loft umgebaut. „Das wäre in Europa unmöglich“, sagt er. Die Fenster reichen bis zum Boden, die Küche ist wie eine Insel ins Wohnzimmer eingebettet. Bad und Schlafzimmer sind nicht mehr durch eine Tür getrennt. Alles wirkt sehr modern und offen, Ventilatoren sorgen für einen angenehmen Windzug in dem feuchtwarmen Klima. Seine eigenen Entwürfe findet man in Florian Gypsers Wohnung nicht. Er hat sie mit traditionellen Thaimöbeln ausgestattet. Gegessen wird an einem niedrigen Tisch auf Sitzkissen mit einer dreieckigen Rückenlehne. Eine Hängematte schaukelt mitten im Raum. „Materialien wie Bambus und Rattan gefallen mir sehr“, sagt Florian Gypser. Momentan experimentiert er mit den flexiblen Tropenhölzern für einige ­Möbelentwürfe.

Grünes Herz. Wieder blickt Gypser aus dem Fenster. Der Feier­abendverkehr steht eher, als dass er rollt. Florian Gypser bewundert die Geduld der Thais. „Trotz des Staus sind die Menschen meist freundlich und gut gelaunt“, sagt er. „Dass man hupt oder gereizt ist wie in Europa, ist ganz selten.“ Er selbst hat kein Auto, fährt mit dem Taxi oder Skytrain. Die klimatisierte Magnetschwebebahn ist mit Abstand das schnellste Transportmittel der Stadt – und das umweltfreundlichste. Überhaupt: Ökologische Themen liegen Florian Gypser am Herzen. In den vergangenen zwei Jahren hat er als Dozent an der staatlichen Kasetsart University „Advanced Architectural ­Design“ unterrichtet. Weil er viele Fabriken besucht hat, wusste er, wie viele Industrieabfälle dort jeden Tag ­anfallen: ausgestanzte Lederflicken, Gummi­schnüre oder Holzscheiben. Mit seinen Studenten rief er das Projekt Scrap Lab (www.scraplab.org) ins Leben: Aus den Abfällen sollten sie Möbel und Gebrauchsgegenstände bauen. Gypser hofft, dass dieses Projekt weitere Designer und Institutionen inspiriert und dass die Entwürfe in ­Serie gehen können.

Vom Luxus, die eigenen Entwürfe professionell herstellen zu lassen, können seine einstigen Kommilitonen nur träumen. Die meisten arbeiten inzwischen für Architekturbüros in Dubai, London oder den USA. „Der normale Prozess ist, dass man als Designer seine Entwürfe gro­ßen Firmen anbietet und sie dann nach einem langen Abstimmungsprozess in Produktion gehen“, sagt er. Wer sich in diesem Geschäft einen Namen machen will, muss einen langen Atem haben. Oder selbst aktiv werden, wie Florian Gypser. Wenn sich die Zusammenarbeit mit seinem Produzenten weiter bewährt, will er noch mehr ­europäische Designer nach Bangkok holen, um die ­Möbel dann gemeinsam weltweit zu vermarkten.

Neben dem Sessel „Panta Rhei“ wird jetzt auch die ­japanisch inspirierte, stapelbare Sitzkombination „Smikasane“ von den Autozulieferern hergestellt. Inzwischen haben sie eine eigene Möbelabteilung gegründet – mit Angestellten, die sich ausschließlich der Herstellung von Gypsers Produkten widmen.

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2 Kommentare
Gast: HI
06.11.2009 16:36
0 0

Alles gute zum Geburtstag

Bravo, grosser. Nur weiter so ;)

Gast: .
06.11.2009 12:45
0 0

.

hut ab flo, weiter so !!