Irgendwas kann jeder, meint der Chefredakteur in den seltenen Momenten, in denen er loben muss. Bei mir ist das Auf-blöde-Ideen-Kommen. Als sich mehrere österreichische Sterneköche wegen der ungerechten Einstellung des Guide Michelin Österreich meldeten und Protestaktionen ankündigten, schlug ich ein Fotomotiv für die „Presse“ vor. Man könnte doch die Köche mit Michelin-Auszeichnung in einer Sternwarte abbilden – zwecks Symbolisierung des Protests. Ausnahmsweise wurde eine meiner Ideen auch realisiert, die Wiener Urania überredet. Mehrere Köche sagten sich an, darunter Silvio Nickol und Simon Taxacher, beide jung, beide mit zwei Sternen.
Das telefonische Schneeballsystem traf auch ein paar Journalisten, und plötzlich war die Idee nicht mehr so gut, sondern ein dummes Gerücht. „Sie organisieren eine Pressekonferenz gegen Michelin“, sprach ein Kollege. „Nein, ich vergebe sie ab sofort“, antwortete ich. Und prompt wurde ein kleiner Fototermin zur großen Pressekonferenz.
Bevor ich ein Jobangebot von Wolfgang Rosam oder einem anderen Lobbyisten bekomme, einige Klarstellungen: Der Guide Michelin lag zwar oft daneben, ist aber international der einzige Maßstab. Das wissen alle jungen Köche, die auf einen Stern hinarbeiten und somit die Küche eines Landes voranbringen. So gesehen wird der Michelin-Ausstieg, den manche mit Nieder-mit-der-Dekadenz-Rufen beklatschen, in ein paar Jahren bemerkbar sein, wenn wir kulinarisch ein osteuropäisches Land hinter Tschechien sind. (O. k., das ist jetzt übertrieben, wir haben Skihütten!) Bis dahin sollten wir die Ex-Zweisternerestaurants besuchen. Hier eine kleine subjektive Auswahl: Eselböck kocht noch besser als vor zwei Jahren, als der dritte Stern nahe war. Lisl Wagner-Bacher und Schwiegersohn Thomas Dorfer schaffen eine spannende, abwechslungsreiche Generationenküche.
Silvio Nickol gelingen wahre Geschmacksveredelungen, er kehrt hoffentlich nicht so bald nach Deutschland zurück, wo die Sterne noch strahlen. Entschuldigung an Simon Taxacher: Ich war noch nie dort essen, was die schlimmste Sünde darstellt. (Kritiker, die nicht in Spitzenrestaurants gehen, sind wie ein Land ohne Guide Michelin: leicht provinziell.) Außerdem vergebe ich ja ab sofort die Sterne. Joachim Gradwohl bekommt heute seinen ersten. Gratuliere!
Wien 1, Graben 19, Tel.: 01/532 33 34/6000, Mo–Mi 8.30–24, Do–Fr 8–24, Sa 9–24


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