Jörg Wörther kocht im Stift Geras? Der Sternekoch a. D. beweist seine Genialität in einem zum Waldviertler Stiftkomplex zählenden Hotel? Die Nachricht klang ähnlich sensationell wie absurd.
Vergleichbar: Heinz Reitbauer rührt bei einem Würstelstand in Amstetten den Senf an. Oder: Sohyi Kim bügelt bei Akakiko den Seetang für das Tekkamaki auf. Oder: Helmut Österreicher kocht im Keller unter dem Rathaus. Gut, es könnte also der Wahrheit entsprechen. Bei freundlicher Nachfrage im Hotel ist zu erfahren, dass Jörg Wörther an bestimmten Tagen tatsächlich anwesend ist, ansonsten als Berater und Lehrmeister für die Küchenmannschaft fungiert.
In einem Haus, in dem rund um die Uhr Kunst- und andere Kreativseminare abgehalten werden, sollte das doch funktionieren. Das Hotel, das gleichzeitig die Akademie Geras ist, beweist beim Betreten der Lobby – das klingt hier ein bisschen dick aufgetragen – und des Restaurants, dass man einen Schüttkasten optisch vollständig und eindrucksvoll verschandeln kann. Holz und Einbaukastendepression, wohin man schaut, die Dame am Empfang – wie sagt man so schön – raucht sich einmal eine an.
Aber ich bin wegen der Wörther-Küche hier, den nebenan probenden Jazzgesangkurs überhöre ich und den Schreiblehrgang im Seminarraum störe ich auch nicht. Nun denn: Ich starte mit einem Gericht, das jede Ikea-Kantine zieren würde. Im Winter. Dick geschnittener Saibling liegt auf einer warmen, fetten Sauerrahm-Erdäpfel-Geschichte, das hält auch
im Juni warm. Das Rindfleisch-Sülzchen schmeckt nach nicht viel, das werte ich positiv. Man merkt, dass es lange im Kühlschrank gelegen ist, das beweist doch Sorgfalt im Umgang mit dem Produkt.
Dem Zweierlei vom Waldviertler Lamm sieht man die Handschrift eines Meisters an, so hübsch, wie da zwei kleine Fleischteile am Teller liegen. Und sie schmecken sogar! Wie es ihnen auch ergehen hätte können, beweist das traurige Schicksal des Waldviertler Karpfens. Der wurde in der Küche offenbar zu Mus geprügelt, bevor er auf dem Teller als und mit Püree aufgebahrt wurde. Angeblich soll ein großer Name auf ein solches Lokal abfärben. Es geht auch umgekehrt.
Geschmacksfrage: Seminarhotel Geras
25.06.2009 | 19:33 | von Rainer Nowak (Die Presse - Schaufenster)
Essen im Stift Geras, wo Jörg Wörther die Linie vorgeben soll. Hungern wäre bei den Mönchen manchmal gar nicht so schlecht.
INFO
Kunst Kultur Seminarhotel Geras, Vorstadt 11, Geras, Tel.: 02912/300, tägl. 11–14.30 u. 18–22 Uhr
1 Kommentare
Seminarhotel Geras
Sehr geehrter Herr Nowak,ich kann Ihrem Artikel nur voll und ganz zustimmen, wir gehen seit Jahren hier nur mehr vorbei.
......aber dann haben Sie noch nie im Stift Göttweig gegessen. Man fragt sich wo die gute Klosterküche hin verschwunden ist.
mfg
Rita Dinstl


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