Es geht nichts über ein gepflegtes Vorurteil. Zwei davon vielleicht. Wenn ein Restaurant M-Art heißt, weil dort nette bunte Kunst hängt, kann die Küche nicht besonders sein. Die Kunst meist auch nicht, sonst würde sie in einer Galerie oder einem Museum hängen. Aber vielleicht läutet der Volkshochschulen-Aquarellkurs-Alarm zu Unrecht. Das sagen zumindest einige Kritiker, die das M-Art als spannende Adresse mit einer ausgeflippten Küche eines ebensolchen Kochs loben. Womit wir beim zweiten Vorurteil wären: Gerichte, deren Zusammensetzung klingt, als hätten ein paar Küchenlehrlinge mit einem Zauberkasten gespielt, machen mich nervös. So hören sich die kolportierten Kompositionen von Michael Baumgartner nämlich an: panierter Kalbskopf und Jakobsmuschel mit Erdbeeren und Vanille. Warum nicht gleich saltoschlagender Kabeljau auf Preiselbeer-Sushi-Schaum, gefrorenem Rindermarkgelee und Algenchlorophyll? Wem darf ich die dauerhafte Lähmung meiner Geschmacksnerven in Rechnung stellen?
Aber so schlimm ist das dann überhaupt nicht! Erstens kann man draußen sitzen, dann sieht man Kunst und Inneneinrichtung nicht. Zweitens schmecken die Kreationen nicht so wüst, sondern fast harmlos. Geräucherte Rohrer-Ente trifft Wiener Weinbergschnecke und Vanille im Kräuterbeet (13,90 Euro) entpuppt sich als außerordentlich gutes Stück Fleisch mit kleinen Schnecken und, nur im geschmacklichen Untergrund, die Vanille. Dezent und gut. Dem Schwarzauer Alpenlachs (23,50) hingegen hätte mehr Schonung gutgetan; er wurde mit Steinpilzen und Kräutern in einem Sackerl gegart, das schafft ein unglaublich wuchtiges Pilzaroma. Der gefeierte blasse Alpenlachs ist zwar noch zu sehen, am Gaumen leider nicht mehr zu bemerken. Genau da zeigt sich das Problem der wilden Aromahunde: Ein Geschmack ist stets zu dominant. Dass der Mann sein Handwerk versteht, beweisen übrigens einfache Gerichte wie der lustige kleine Pastrami-Burger (12,90) oder die Rindssuppe (4,90) mit Wiener Einlagenpartie (guten Leberknödeln!).
Genau, wenn ich jetzt schreibe, der Mann sollte sich mehr an einfacher Küche orientieren, klingt das vermutlich nicht nur konservativ. Auch ich werde mit Vorurteilen leben lernen müssen.
Geschmacksfrage: M-Art
03.09.2009 | 17:50 | von Rainer Nowak (Die Presse - Schaufenster)
Essen beim jungen wilden Aromakoch. Er ist dann gar nicht so wild. Zum Glück.
INFO
M-Art, Wien 1, Börseplatz, Tel.: 01/535 98 61, Mo bis Fr, Küche von 11 bis 15, 18 bis 23 Uhr


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