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Geschmacksfrage: Süssi

05.11.2009 | 16:55 |  von Rainer Nowak (Die Presse - Schaufenster)

Ich folge entgegen meinen Prinzipien einer Empfehlung und erlebe mein süßes Wunder.

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Prinzipien sollst du nie brechen. Eines meiner wenigen ist es, nie über Lokale zu schreiben, die mir jemand empfiehlt. Denn in neun von zehn Fällen finde ich das Lokal nicht so toll, was mich nicht beliebter macht. Aus unerfindlichen Gründen ging ich dann aber doch in den Teesalon Süssi. Zwei eupho­rische Hinweise hatten mich neugierig gemacht auf den entzückend kitschig-plüschigen Minisalon, der aussieht, als hätten Birgit Sarata, Hans Staud und Gery Keszlers Hund gemeinsame Designsache gemacht. Der Name Süssi soll offenbar eine Referenz an Sissi sein, die Gute kann sich nicht mehr wehren. Meine Dreijährige wäre begeistert, ich trinke guten Jasmintee und begutachte das Angebot: Unzählige Moussecremen und Joghurts gibt es – sowie Makronen! Die gibt es in Wien selten, kommen zum Glück aber wieder in Mode.

(c) Julia Stix Hier werden sie leider mit zu süßer Creme gefüllt, womit wir beim Hauptproblem wären: Die Preziosen sind so unerträglich süß, wie das Lokal aussieht. Auf den lustigen, leicht bröckeligen Frucht­joghurt(?)-Cremen findet sich nicht nur ein bisschen Obst, sondern viel Sirup. Die ähnlich hübschen Cremegläschen, die im Schwarzen Kameel serviert werden, schmecken viel besser. In dem Puppenlokal, das japanische Touristen glücklich machen müsste, wird auch Quiche serviert. Ich bestelle eine klassische, der Kellner murmelt: „Also Lorraine.“ Ich höre das „Ping“ des Mikrowellenherds, der wohl hinter der Tapetenwand neben meinem Kopf steht. Dann wird mir ein feucht-labbriges Ding auf Salat und Krautteilen serviert. Mit getrockneten Tomaten drinnen. Zwar habe ich von nichts eine Ahnung, in die Lorraine gehört aber Schinken, dachte ich immer. Als Fugenmaterial sollte das Nationalgericht auch nicht verwendet werden können. 1789 sind Leute aus nichtigeren Gründen auf der Guillotine gelandet. Macht alles nichts, der Jasmintee beruhigt mich sofort. Ich nehme noch ein paar Stück Jourgebäck mit, das nur zum Teil steinhart ist, und zahle eine Unsumme. Irgendwo habe ich gelesen, dass es vor der Sperrstunde Rabatte auf alles Verderbliche gibt. Der Chef aber offenbar nicht. Ist auch egal, vielleicht braucht er das Geld, um sich solche Lokalbesuche leisten zu können. Falls Sie mir ein Lokal empfehlen wollen:
rainer.nowak@diepresse.com




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2 Kommentare
Gast: dame pipi
09.11.2009 18:16
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en français

ich meide ja das etablissement wie die pest, seit mir der zuckerschleim sämtlichen zahnschmelz auflöste und ein loch ins börsl brannte. aber, was noch gesagt gehört:

vor lauter frankophilie ist chez süssi (die japaner lieben bekanntlich nicht nur wien, sondern auch paris) alles auf französisch angeschrieben, und alles mit fehlern. wenn schon, dann richtig. es gibt schließlich nicht nur koch-, sondern auch wörterbücher.

doris1170
09.11.2009 12:29
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..was auch nicht uninteressant ist:

Haben Sie auch zufällig den Satz über die "Mindestkonsumation" (ich glaub' mich an 7,5€ zu erinnern) in der Karte gelesen?
So etwas hab' ich noch nirgendwo gesehen!
Einerseits fast amüsant, andererseits - abgesehen von der Qualität der Ware (Verwendung von Fertigprodukten bei der Produktion der "Kuchen in Gläsern" beobachtet) - für mich ein Grund, dieses Lokal nach zwei, durchaus wohlwollenden Besuchen zu meiden (beim ersten kam ich ohnehin über diesen Betrag, beim zweiten wollte ich nur einen Tee und wurde auf diesen Satz -wohlwissend, dass er in der Karte steht - darauf hingewiesen).
Ich bleib' lieber beim (Alt)Wiener Kaffeehaus bzw. der Konditorei bei mir im Grätzl!