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Weinfieber

22.10.2009 | 19:12 |  von Gerhard Hofer (Die Presse - Schaufenster)

Für Österreichs Winzer ist der Klimawandel kein abstrakter Begriff. Sie füllen ihn in Flaschen ab. Kaum ein Naturprodukt ist so sensibel wie der Wein.

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Jetzt ist es kalt geworden. Gott sei Dank. Die Rieslingtrauben oben auf dem Heiligenstein strahlen goldgelb, kleine braune Flecken auf der Schale sagen: Es ist Zeit. So mag es Hannes Hirsch. Die Natur ist im letzten Augenblick doch noch zur Vernunft gekommen. Noch einmal zur Vernunft gekommen. Aber wie soll das weitergehen? 30 Grad Celsius bis Mitte Oktober. Für den Spitzenwinzer aus Kammern im Kamptal ist das Wort Klimawandel kein abstrakter Begriff mehr. Klimawandel manifestiert sich für ihn nicht in Fernsehbildern von Naturkatastophen, die sich ohnehin irgendwo in einer scheinbar anderen Welt  ereignen. Hirsch und seine Kollegen fühlen ihn nicht, sie füllen ihn ab. In Flaschen. Denn der Wein ist der Spiegel seiner Umwelt. Kaum ein Naturprodukt reagiert so sensibel auf die geringsten Veränderungen im Boden, im Wasser und in der Luft.

„Die Intensität der Sonne hat merklich zugenommen“, sagt Karl Stierschneider vom Kartäuserhof in Weißenkirchen. Dies sei für den Riesling schlimm, für den Grünen Veltliner hingegen „kein Problem“. Aber die Wachau steht nun einmal für Riesling von Weltrang. Dieser Riesling macht sich seit Jahrhunderten eine großartige Laune der Natur zunutze. In diesem  schmalen Landstrich zwischen Donau und Waldviertel herrschen ganz sonderbare Wetterbedingungen. Untertags heizt die Sonne die Böden auf den Terrassen auf.

In der Nacht saugt die Donau diese heiße Luft regelrecht ab, aus dem Waldviertel strömt kühler Wind nach. Dieser ewige Kreislauf ist dafür verantwortlich, dass sich die Weine so großartig entwickeln. Sie sind auf das Zusammenspiel zwischen heißen Tagen und kühlen Nächten angewiesen. „Anfang Oktober hatten wir in der Nacht 19 Grad“, sagt Stierschneider. Das mache ihm Sorgen. Denn die Hitze lasse den Riesling zu schnell reifen. „Die Trauben sind zwar süß, aber noch nicht reif“, erklärt er. Nur wenn die Rieslingtrauben lange am Rebstock hängen, bekommen sie von der Natur all das mit, was am Ende einen großen Wein ausmacht.

Aber vielleicht meint es die Natur ohnehin nur gut mit den Winzern? Südländisches Klima, das klingt ja direkt verlockend. Das Burgenland, die Toskana der Zukunft, Sangiovese statt Zweigelt, Tempranillo statt Blaufränkisch. Pinot Grigio im Kamptal.

Alles nur Einbildung? Betrachtet man die Daten der Meteorologen, dann ist von steigenden Temperaturen ohnedies keine Rede. Rein statistisch hat sich das Klima in den österreichischen Weinbaugebieten in den vergangenen Jahrzehnten nur marginal verändert. Alles nur Einbildung? Die Mär vom Armageddon im Weingarten ein Gespinst vinophiler Weltuntergangsprediger? Österreichs Weinbaupräsident Josef Pleil meint: „Wir Winzer haben eine Hand im Ofen und  die andere im Tiefkühlregal.“

Im Durchschnitt ergebe dies freilich eine angenehme Temperatur. Es sind die extremen Ausschläge, die der Landwirtschaft im Allgemeinen und den Weinbauern im Speziellen zusetzen.
Klimaerwärmung bringt demnach keine mediterrane Weinseligkeit, sondern teuflische Witterung.

Launische Natur. Und noch etwas trug in den vergangenen Jahren zur gesteigerten Wetterfühligkeit in der österreichischen Weinbranche bei: das Qualitätsstreben. Früher wurde Mitte Oktober geerntet. Bei jedem Wetter, egal, ob die Trauben reif waren oder nicht. „Heute segeln wir alle ziemlich hart am Wind“, sagt Winzer Bertold Salomon vom Undhof bei Krems. Topwinzer seien gefordert, jedes Jahr Spitzenweine zu produzieren. Qualitätseinbußen wirken sich mittlerweile schlimmer aus als weniger Ertrag. Denn die Krise mag die Börsen erschüttern. Salomons „Riesling Pfaffenberg“ kennt keine Rezessionsängste.

Für diese kleinen Mengen an Überdrüberweinen wird es immer einen Markt geben. Und diese Weinfreaks drehen den Euro nicht zweimal um. Salomons Riesling hat andere Sorgen: Hagel und Frühjahrsfrost, Hitzestress und Dauerregen.
Salomon macht vor allem zu schaffen, dass die Übergangszeiten immer kürzer werden. Der Winter schlägt unvermittelt in den Sommer um. Und umgekehrt. Im Frühjahr steigt die Frostgefahr. Es wird zu schnell warm, die Pflanzen treiben aus – dann kommt der Kälteeinbruch, und die Ernte ist zerstört, bevor es richtig losgegangen ist.

„Die Wetterkapriolen machen großen Winzerbetrieben weniger Probleme als den kleinen“, meint Bertold Salomon.  Die Großen können das Risiko auf mehrere Lagen verteilen. „Wir werden bestimmt nicht beginnen, Syrah und Cabernet Sauvignon auszupflanzen“, betont Hannes Hirsch. Der Boden sei geschaffen für Riesling und Grünen Veltliner, betont er. Seine Antwort auf Klimawandel und Erderwärmung lautet biodynamischer Weinbau. Auch Bertold Salomon ist überzeugt, dass die launische Natur beherrschbar ist. „Wir haben uns längst auf diese Dinge eingestellt“, meint er.
Und wenn es anders kommt? Wenn die Fieberkurve des Weins doch dramatisch ansteigt?
„Dann haben wir halt unsere Weingärten künftig in Zwettl“, scherzt Hirsch.

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