Er springt er aus seinem Jaguar und sprintet in sein Atelier am Ufer des Flusses Moskwa. „Entschuldigung“, sagt er, „für die Verspätung“, dann drosselt er seinen Puls wie ein Yogi im Handumdrehen auf 60. Mit eiserner Disziplin hat der 39-jährige russische Designer in der Zeit des postsowjetischen Chaos seine Marke etabliert. 1992 zeigte er erstmals ein Kleid in Paris, seit 2005 nimmt er als erster russischer Modedesigner kontinuierlich an den Shows teil. Und beweist, dass sich Russlands Verständnis von Luxus langsam ändert und das Land mitunter auch jenseits von Gas und Öl etwas zu bieten hätte. Vorausgesetzt, der Westen verabschiedet sich von den Klischees.
Als Sie den Schritt nach Paris setzten, fragte die Modewelt: Braucht Herr Chapurin das fürs Image in Russland, oder will er seine Marke im Ausland entwickeln?
Letzteres. Wir hatten ja zuvor schon vieles in Russland erreicht. Und wir hätten wie viele amerikanische Designer, die nicht auf den europäischen Markt gehen, aber zu Hause Stars werden, auch genug Erfolg haben können. Aber irgendwann haben wir kapiert, dass wir uns mit der Marke irgendwohin entwickeln müssen. Und wenn du Luxusprodukte schaffst, dein Land aber nicht in der besten wirtschaftlichen Entwicklungsphase ist, beginnst du unwillkürlich, auf eine andere Ebene zu schauen. Nach Hause als Star zurückzukehren funktioniert dann von selbst.
Nun gilt der Prophet auch im eigenen Land etwas?
Die russische Mentalität ist in vielem der japanischen ähnlich. Ein großes Territorium, ein . . .
. . . nun, Japan hat fast so viele Einwohner wie Russland, aber von der Fläche her ist es eher eng . . .
. . . stimmt, aber wie die Russen verlieben sie sich ohne Ende in alles, was nicht japanisch, also einheimisch, ist. In der postsowjetischen Periode wurde alles Russische als alt oder schlecht aufgefasst. Genau damit habe ich gekämpft, als ich zu dieser Zeit als Designer begann. Der Erfolg in Paris hat auch die einheimische Presse aufgeweckt und die Kunden zum Kaufen stimuliert.
Warum hat dann der Verkauf in Westeuropa noch nicht sehr aktiv eingesetzt? In Ostasien läuft er gut, selbst in den USA, auch in Italien.
Wahrscheinlich wird unsere Expansion in großen europäischen Ländern dadurch behindert, dass wir eine russische Marke sind.
Weil sich der Westen Mode aus Russland schwer vorstellen kann?
Das war am Anfang. Unser erstes Auftauchen im Westen wurde von der internationalen Presse aufgenommen wie ein Balletttänzer aus Vietnam. Im Sinne von: Das ist zwar möglich, aber doch seltsam. Russisches Ballett ja, auch russische Waffen oder russische Soldaten konnte man sich vorstellen. Von russischer Mode hat man sich wohl eine gewisse Brutalität wie Wodka und grelle Farben erwartet.
Traut man Russland keinen Fortschritt zu?
Ich kann nur für mich sprechen. Obwohl ich in der Sowjetunion zur Welt kam, habe ich mich schnell zu einem Weltbürger entwickelt. Und mein minimalistischer Stil ist vielleicht nicht dem westlichen nahe, aber doch auf dem derzeitigen internationalen Niveau. Natürlich tragen wir unsere kulturelle Individualität, aber für mich ist Russland eine sehr komplexe Substanz und nicht die Folklore, die auch im Westen im Überfluss vorhanden ist. Jedenfalls konnten wir die Skepsis im Westen relativ schnell zerstreuen, weil wir von der ersten Show an eine sehr feine Vorstellung von der modernen Frau gezeigt haben. Die erste Kollektion war einem modernen Ballett gewidmet, die zweite der Tochter Nikolajs II., die angeblich im Westen landete. Dann kam eine Kollektion über Nabokovs Lolita, eher in der Auffassung von Stanley Kubrick.
Eine gewisse Skepsis gegenüber der russischen Marke aber blieb?
Ja, aber nicht weil ich Igor heiße, sondern weil in der Modeindustrie bislang die Angst existierte, dass der Russe nicht vertrauenswürdig ist, etwas nicht einhält oder einen reinlegt. Da hilft auch die Autorisierung durch Paris nichts. Und auch der Käufer ist nicht das Problem. Denn dem Käufer ist es im Prinzip schon längst egal, ob die Kleidung in Korea, China oder Russland gemacht wird. Das Problem sind die zwischengeschalteten Einkäufer, die bislang aus Übervorsicht oft nicht gehandelt haben.
Dem gegenüber widmen westliche Designer wie Chanel oder Galliano ihre Kollektion der russischen Tradition . . .
Viele gebrauchen Russland als Exerzierfeld für ihre Kreativität.
Was suchen sie dort?
Russland ist interessant durch seine seltsame Mischung an Kulturen. Slawen, Byzantiner, Tataren, Sibirien, kleine Nationalitäten, die Gott weiß wo leben. Und alle vermischt. Wie bei den Leuten: Am schönsten sind die aus einem Mix von Rassen. Die russische visuelle Kultur ist eine riesige Explosion unterschiedlicher Emotionen, die einander ablehnen oder lieben; dieser Eklektizismus in seinen komplizierteren Erscheinungsformen ist für mich interessant. Und ich liebe Moskau über alles. Diese pulsierende Stadt gibt mir die Lebensenergie, die mir Paris oder Mailand nicht bieten können.
Ist der russische Kunde weniger modebewusst als der westliche?
Wahrscheinlich ist er komplizierter. Der westliche Kunde fasst die Mode mehr mittelbar, etwas entfernt von sich selbst, auf. Wie das Ballett und die Oper. Und er kauft komfortabler, mehr rational. Der russische Käufer hat weniger Rationalität. Er versucht immer etwas zu vermischen, zu kombinieren. Die russische Konsumentin denkt noch täglich neu, wie sie am Morgen und wie sie am Abend aussehen wird. Wahrscheinlich ist das auch in einigen Jahren vorbei, aber noch kauft die Russin am provokantesten und will verwundern. Aber sie wird eine Frau mit einem sehr guten Geschmack werden, denn es besteht eine riesige Menge an Information über Mode. Zum Beispiel steigt das Interesse an kleineren Indie-Labels. Die Zeit, als sie das Geld massenhaft für Marken ausgegeben hat, die auf den ersten Seiten der Magazine stehen, geht vorüber. Wir mögen das gutheißen oder nicht, es geht vorüber.
Schreitet die Welt also immer mehr auf einheitliche Standards zu?
In gewisser Weise ja. Es ändert sich einfach das Verhältnis zur eigenen Individualität. Es wird vielleicht menschlicher, daher erlauben sich die Hollywood-Stars die meiste Zeit, casual zu tragen. Wahrscheinlich werden die Leute und auch die Russen immer minimalistischer bei ihrer Garderobe, dafür aber qualitätsbewusster. Wenn man mich fragt, was im 21. Jahrhundert Luxus ist: keine finanzielle Kategorie, sondern Qualität – ob beim Essen, bei der Kleidung . . .
. . . oder beim Auto: Sie haben einmal mit Jaguar gearbeitet und fahren seither nur noch Jaguar.
Die Liebe zu ihm gründet auf dem visuellen Komfort, der für mich als Designer sehr wichtig ist. Ich vertraue ihm. Modelle ändern sich, ja. Auch Farben. Aber das Gefühl ist doch immer das wie gegenüber einem alten Freund. Einmal war er weiß, einmal schwarz, dann dunkelgrün, jetzt kommt wieder ein schwarzer. Wie ein Freund, der die Kleidung wechselt – und manchmal die Größe.
Wenn alles auf einheitliche Standards zusteuert, so auch die Gesellschaften als Ganzes? Nimmt der Westen in Ihren Augen die schnellen Fort- und Rückschritte in Russland zu hysterisch auf?
Natürlich. Ich habe die Sowjetunion noch erlebt. Und von ihr aus konnte es keine Zukunft geben. Jetzt aber sehe ich eine große Zukunft. Im Land finden sehr komplizierte politische und ökonomische Prozesse statt. Aber das Land bewegt sich trotz allem nach vorn.
Evolution nach oben wie in Ihrer Familie: Ihr Großvater gründete Betriebe zur Leinenverarbeitung, Ihre Mutter und Ihr Vater arbeiteten in einem Werk für Trikotagen. Gibt es Vorherbestimmung?
Nun, wenn ein Kind in einer Bäckerfamilie groß wird, lernt es vielleicht eher das Backen, verliebt sich in den Geruch von Brot und hat ein Gefühl für den Teig.
Was nervt Sie am Modebusiness am meisten?
Die Subjektivität. Wie in der Parfumindustrie. Die Bewertung des Geruchs ist subjektiv. Du schaffst etwas, und nicht nur zum Vergnügen. Du teilst ja mit den Menschen die eigene Professionalität, die Fähigkeiten. Und nicht nur die Menschen beurteilen das einzigartige Produkt unterschiedlich, sondern auch die Fashionindustrie – und zwar oft unsachlich nach äußeren Faktoren wie dem Model oder dem Medienecho. Wir leben in einer Zeit der PR. Wir Designer müssen einen Weg suchen, um uns selbst richtig zu beurteilen.
Subjektiv, objektiv. Sie wurden getragen von Cher, Whitney Houston und Naomi Campbell. Wen würden Sie gern in Ihrer Kleidung sehen?
Als ich jünger war, war ich in Berühmtheiten verliebt. Jetzt, nach zehn Jahren Berührung mit dem westlichen und russischen Showbusiness, bin ich glücklich darüber, dass ich den Wert des Menschen im Menschen selbst erkenne. Dem Ruhm gegenüber bin ich vielleicht indifferent, aber ich habe unendliche Achtung vor Leuten, die etwas im Leben erreicht haben.
In welchem Zustand befindet sich die russische Fashionindustrie?
Sie steht völlig am Anfang. Es bestehen einige strukturierte Marken, die wahrscheinlich ein Fundament für die nächste Generation werden. Zweige der Textilindustrie, die schon zur Zeit des Zaren bestand haben, sind zerstört. Wir sind gezwungen, uns in Experimenten ökonomisch und technologisch nach vorn zu bewegen.
Wie wurden Sie und der Luxussektor von der Wirtschaftskrise getroffen?
Ich denke, Russland hat abbekommen, was alle abbekommen haben. Und möglicherweise hat es den Luxussektor am stärksten erwischt. Nicht weil unsere Kunden viel Geld verloren hätten, aber wenn sich die Welt in einem negativen Emotionszustand befindet, ist der Kauf als Unterhaltungshandlung mit seinen positiven Emotionen gestört.
Sie gelten als Perfektionist: Waren Sie schon jemals mit Ihren Kreationen ganz zufrieden?
Ich denke, wenn die Stunde kommt, in der ich mit allem zufrieden bin, bin ich tot. Solange wir zweifeln, leben wir und bewegen uns weiter.
Igor Chapurin: Russen-Schick
29.10.2009 | 20:20 | von Eduard Steiner (Die Presse - Schaufenster)
Moskaus Vorzeigedesigner Igor Chapurin wagte als Erster den Sprung nach Paris. Mit uns spricht er über guten Geschmack, Markenwahn und den provokanten Stil im Osten.


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