Schlanke Betonpfeiler recken sich in den Abendhimmel von Kapstadt, als wollten sie die Sterne vom Himmel holen. „Noch in diesem Jahr wird das neue Stadion fertig!“, schwärmt Sizwe, ein quirliger, junger Fußballfan. Bereits im Sommer 2010 sollen hier die besten Kicker der Welt gegeneinander antreten, vor 60.000 begeisterten Zuschauern. Neun WM-Spiele sind im Greenpoint-Stadion geplant, darunter ein Halbfinale.
Doch interessieren sich die Südafrikaner selbst für Fußball? Ist dieser Sport hier nicht ähnlich exotisch wie eine fliegende Untertasse aus dem Weltall? Sizwe lächelt und schüttelt den Kopf. „Ich selbst bin ein gutes Gegenbeispiel“, sagt er. Als Mittelfeldspieler war er so torgefährlich, dass ihn Talentscouts aus dem fernen Deutschland entdeckten und zum Probetraining einflogen. Bei den Schleifern vom SV Werder Bremen verlor Sizwe
jedoch schnell den Spaß. Inzwischen, zurück in Kapstadt, arbeitet er als Sportjournalist und führt auf „Soccer-Safari“ Urlauber aus aller Welt durch seine Heimat.
„Wie ein Junge!“ Ein großes Foto an der Wand hinter dem Stadionmodell zeigt Nelson Mandela, wie er den WM-Pokal küsst. „Ich fühle mich wieder wie ein kleiner Junge“, schwärmte der Staatsmann, als sein Heimatland vor fünf Jahren den Zuschlag für die Weltmeisterschaft 2010 bekam. Mandelas Ergriffenheit hat auch politische Gründe, glaubt Sizwe. „Fußball ist in Südafrika der Sport von uns Schwarzen“, erzählt er. „Die Weißen stehen auf
Cricket und Rugby.“ Im Zuge der WM-Vorbereitungen würde aber endlich auch diese Grenze aufgeweicht – 15 Jahre nach der Abschaffung der Apartheid.
Im Athlon-Stadion, in einem anderen Teil der Stadt, spielt an diesem Nachmittag der Santos FC Kapstadt gegen die Free State Stars. Am Eingang brutzeln Würste auf einem Grill. Die meisten Fans entscheiden sich an der Imbissbude jedoch für frischen Fruchtsalat. Bier ist im Stadion streng verboten. Die Fans grölen ihre Hymnen, schwingen goldgelbe Santos-Fahnen, tröten in Plastikhörner. Auch einige hellhäutige Fußballfreunde haben sich unter die schwarzen gemischt. „Ganz am Anfang war es ja auch ein Sport der Weißen“, erzählt Sizwe: Britische Kolonialisten haben den Fußball im 19. Jahrhundert nach Südafrika gebracht. Damals wurde in Bundfaltenhosen gespielt und mit Beret auf dem Kopf. Erst Jahrzehnte später haben die Schwarzen den Sport für sich erobert. „Kicken ist billig“, sagt Sizwe lakonisch. „Man braucht nur einen Ball.“
Johannesburg ist anders. Die beiden Teams auf dem Feld kämpfen um den Anschluss an die Tabellenspitze der südafrikanischen First Division, wollen den Abstand zu den Starmannschaften aus Johannesburg verringern. Doch das Match dümpelt vor sich hin. „Ultradefensiv“ spiele der Santos FC mal wieder, ärgert sich Sizwe: „Schneller! Schneller!!“ Endlich wacht die Heimmannschaft auf, erarbeitet sich Chance um Chance. Der überragende Goalie der Free State Stars pariert jedoch jeden Schuss. Das Spiel ist fast zu Ende. Da setzt ein Santos-Stürmer zum Sololauf an, lässt vier Gegner stehen – und schiebt den Ball ins lange Eck. 1:0. Die Ehre von Kapstadt ist gerettet!
Und dennoch: „Jo’burg“, seuft Sizwe später in der Kneipe bei einem Black-Label-Bier. „Johannesburg ist ein anderes Pflaster.“ In der Hauptstadt waren schon immer die besten Klubs des Landes beheimatet. Und besonders in den Townships, wo die ärmere schwarze Bevölkerung lebt, tobe das Fußballfieber, sagt Sizwe: „Sogar zu Freundschaftsspielen kommen in Jo’burg 20.000 Leute.“
Zielstrebig schlängelt sich der Johannesburger Taxifahrer in einem verbeulten Kleinbus durch den Verkehr. Wie ein Weltklassestürmer beim Dribbling. Er fährt zum Mandala-Hostel-Stadion im Township Alexandria, wo an diesem Wochenende der große „Alex-Cup“ ausgetragen wird. Auf einem mit Abfall übersäten Betonplatz, direkt an der Hauptstraße, jagen Kinder einem Ball hinterher. Als Tore haben sie Bierkisten aufgestellt.
„So ähnlich haben wir alle einmal begonnen“, sagt
Tuli, während sich das Taxi in eine scharfe Kurve wirft. Die Fußballerin lebt in Alexandria – „wir sagen Alex“ – ist 28 Jahre alt und will ebenfalls zum Fußballturnier beim Mandala-Stadion. Sie ist klein, dunkelhäutig, durchtrainiert – und als Feldspielerin genauso begabt wie im Tor.
„Mein Vorbild ist Lucas Radebe“, erzählt sie: Der stammt ebenfalls hier aus der Gegend und konnte sowohl Verteidiger als auch Goalie spielen. Bis vor wenigen Jahren war Radebe Profi bei Leeds United in England. „David Beckham brachte er in der Premier League mit seinen Paraden im Tor oft zur Verzweiflung“, erzählt Tuli. Sie selbst spielt bei einer der besten südafrikanischen Frauenmannschaften.
Erdbeertrinkjoghurt und Bier. Das Madala-
Hostel-Stadion – benannt nach einer Minenarbeiter-
baracke – ist ein graubrauner, sandiger Acker, umgeben von schütterem Gras. Die Zuschauer sitzen auf Kartonscheiben. Tuli ist die einzige Frau, die den Alex-Cup sehen will. Fast alle Männer aus der Gegend haben sich jedoch im „Stadion“ versammelt, vom Kleinkind bis zum Greis. Ein fliegender Händler preist Erdbeertrinkjoghurt und Bier an.
Auf dem Feld machen sich bereits die Spieler warm: anfersen, Steigerungsläufe, dehnen. „Die in den gelben Shirts sind die Tigers“, erklärt Tuli. „Sie trainieren dreimal in der Woche.“ Der Captain mit imposanter Rasta-frisur lächelt verlegen. „Leider haben wir kein Geld für neue Trikots“, nuschelt er und zeigt die Löcher und Risse in seinem Shirt. „Könntet ihr nicht einen Sponsor für uns finden?“ Das Spiel in der glühenden Mittagshitze ist schnell und hart. Als einer der Tigers-Stürmer im Kampf um den Ball umgestoßen wird, raspelt er mit seinem Oberschenkel über den Boden, zieht sich eine Schürfwunde zu. Es tut bereits beim Zuschauen weh.
Immer wieder verschwinden die Akteure in einer Staubwolke. „Penalty!“, brüllt Tuli plötzlich. Ein Verteidiger des Panorama FC hat den Captain der Tigers im Strafraum von den Beinen geholt. Der Mann mit den Rastalocken schießt selbst. Und locht ein. 1:0! Die Tigers-Fans tröten begeistert in ihre Vuvuzela-Plastiktrompeten.
Unter Druck. Prompt gerät ihre Mannschaft unter Druck. Der Torwart der Tigers muss zweimal in letzter Sekunde klären. Ausgerechnet jetzt, in der entscheidenden Phase des Matchs, rennt plötzlich ein Geißbock quer übers Feld. Der Schiedsrichter lässt weiterspielen. Ein Flügelstürmer des Panorama FC hat sich freigelaufen, erhält den Ball, und schlenzt ihn ins Lattenkreuz. Doch der Schiri entscheidet auf Abseits.
Die Tigers-Fans atmen erleichtert auf. Ein Weitschuss des Rastalocken-Captains: 2:0! Ein Fan läuft aufs Feld, umarmt den Torschützen. Der Tigers-Goalie macht vor Freude Klimmzüge an der Querlatte seines Tors. Nach dem Schlusspfiff reißen sich die Tigers die Trikots vom Leib und spritzen sich mit einem Gartenschlauch ab. Aus dem alten VW-Bus neben dem „Stadion“ dröhnt Technomusik. Die Spieler beginnen zu tanzen, feiern
ihren Sieg mit einer Kiste Bier. „Südafrika 2010 kann kommen!“, ruft Tuli.
Nur in einem Punkt bremst sie die allgemeine Euphorie: Von der südafrikanischen Nationalmannschaft dürfe man beim Turnier keine Wunder erwarten. „1996 waren wir die Nummer 18 der Welt“, sagt sie und lächelt treuherzig. „Momentan jedoch sind wir die Nummer 18 in Afrika.“
Beim Veranstalter Andu-lela Experience können Fußballsafaris durch Kapstadt gebucht werden: Die Safaris dauern jeweils rund vier Stunden. Inbegriffen sind der Transfer zu den einzelnen Stationen der Tour in einem Kleinbus sowie eine warme Mahlzeit in einem Township. Termine: samstags jeweils von 10 bis 14 Uhr – Mindestteilnehmerzahl zwei Personen – und von Montag bis Freitag jeweils von 14–18 Uhr, (minimale Teilnehmerzahl: vier Personen). Die Fußballstadtführungen kosten umgerechnet rund 45 Euro pro Person.
Treffpunkt: Waterfront Tourism Office (Voranmeldung: obligatorisch);
Buchung unter: +27(0)21/ 790 25 92, oder +27(0)76/ 40 22 579 (abends) sowie per E-Mail: info@andulela.com.
Unter www.andulela.com finden sich auch Informa-tionen zu weiteren thematischen Stadtsafaris.


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