Da war er wieder, der junge, dünne Mann. Er ging mit einem klobigen Triangeleisen durch die Straßen. Alle fünf bis zehn Meter hielt er inne und drosch auf sein Eisen: Es gab ein unangenehm lautes Geräusch von sich. Wieso tut er das?, grübelte ich. Was für einen Job übt er aus? Ich saß auf einem vietnamesischen Hocker, knapp über dem Boden, gebaut für Zwerge. Vor mir stand ein Korb mit getrocknetem Fisch. Das war der Gastgarten eines Straßenlokals im Pham-Ngu-Lao-Bezirk, wo sich der Backpacker-Lebensstil mit dem Kleinhandel mischt. Alle Sitzhocker waren zur Straßenmitte hin ausgerichtet: ein ideales Wohnzimmer für habituelle Voyeure.
Zwei Stunden später saß ich noch immer da, trank jetzt Bia Hoi, Zapfbier, das aus einem Schlauch eingeschenkt wurde. Ungefähr jede
Viertelstunde kam der dünne Triangeljunge vorbei und schlug – ja, was nur? Die Uhrzeit?
Noch vor zehn Jahren bevölkerte ein Heer von Bettlern die Straßen von Ho Chi Minh City. Wenn man auch nur im Entferntesten so aussah wie jemand, der Amerikaner sein könnte, kamen oder rollten sie einem damals mit ausgestreckter Hand entgegen, hinkend, verzerrt, halb kaputt, oder Rumpfmenschen auf Skateboards. Ich hatte einen Stapel mit dem niedrigsten Geldschein dabei, von dem ich pro Bettler einen ausgab. Nie war jemand unwirsch wegen eines geringen Betrags. Diese Agent-Orange-Behinderten sind jetzt alle von der Straße weg. Angeblich beschwerte sich aber Bill Clinton nach seiner Vietnamreise 2000 über die tourismusfeindlichen Zustände – und die Bettler verschwanden völlig. Heutzutage gibt es Führungen in Behindertenwerkstätten, wo Kriegsopfer Eierschalenmosaikvasen und sogenannte traditionelle Gegenstände herstellen und bemalen – eine Seite der Wahrheit.
Ich ging vom Trockenfisch auf Baguette mit einer Paste über, die wie Hundefutter (oder Inzersdorfer) aussah, die aber hervorragend schmeckte. Die Kellnerin stellte mir, dem treuen Gast und Straßenvoyeur, ein Glas mit in Öl eingelegtem Knoblauch hin, was meine Laune hob. Nun beobachtete ich, wie der Triangeljunge vom Schuster zu sich gewinkt wurde. Der Schuster gab ihm ein paar Geldscheine. Der Junge verschwand und kam kurz darauf mit einer vollen Reisschale zurück.
Plötzlich, nach vier Stunden Beobachtung, hatte ich den Job des Triangeljungen begriffen! Ein freier Dienstmann, ein Bote ohne Fahrrad, den man für Erledigungen herumschickte –und der seine Arbeitswilligkeit durch das Schlagen auf ein Eisenstück kundtat.


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Fort Mustang: Atemberaubend
