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Amanshausers Welt: 160 Vietnam

22.10.2009 | 19:03 |  von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

In Ho Chi Minh City muss man nur lange genug am gleichen Ort sitzen, um plötzlich die kompliziertesten Berufsbilder zu verstehen

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Da war er wieder, der junge, dünne Mann. Er ging mit einem klobigen Triangeleisen durch die Straßen. Alle fünf bis zehn Meter hielt er inne und drosch auf sein Eisen: Es gab ein unangenehm lautes Geräusch von sich. Wieso tut er das?, grübelte ich. Was für einen Job übt er aus? Ich saß auf einem vietnamesischen Hocker, knapp über dem Boden, gebaut für Zwerge. Vor mir stand ein Korb mit getrocknetem Fisch. Das war der Gastgarten eines Straßenlokals im Pham-Ngu-Lao-Bezirk, wo sich der Backpacker-Lebensstil mit dem Kleinhandel mischt. Alle Sitzhocker waren zur Straßenmitte hin ausgerichtet: ein ideales Wohnzimmer für habituelle Voyeure.

Der dünne Triangeljunge, wem gab er Zeichen? Er war offensichtlich kein Musiker – deprimierend, wenn das der Ausdruck einer vietnamesischen Volksmusik wäre –, aber er war auch sicher kein Bettler. Mich, auf meinem winzigen Hocker weithin als Nichtvietnamese identifizierbar, würdigte er keines Blickes. Ich saß, trank zum Trockenfisch eiskalten Schwarzkaffee aus einem hohen, dickwandigen Glas.

Zwei Stunden später saß ich noch immer da, trank jetzt Bia Hoi, Zapfbier, das aus einem Schlauch eingeschenkt wurde. Ungefähr jede
Viertelstunde kam der dünne Triangeljunge vorbei und schlug – ja, was nur? Die Uhrzeit?

Noch vor zehn Jahren bevölkerte ein Heer von Bettlern die Straßen von Ho Chi Minh City. Wenn man auch nur im Entferntesten so aussah wie jemand, der Amerikaner sein könnte, kamen oder rollten sie einem damals mit ausgestreckter Hand entgegen, hinkend, verzerrt, halb kaputt, oder Rumpfmenschen auf Skateboards. Ich hatte einen Stapel mit dem niedrigsten Geldschein dabei, von dem ich pro Bettler einen ausgab. Nie war jemand unwirsch wegen eines geringen Betrags. Diese Agent-Orange-Behinderten sind jetzt alle von der Straße weg. Angeblich beschwerte sich aber Bill Clinton nach seiner Vietnamreise 2000 über die tourismusfeindlichen Zustände – und die Bettler verschwanden völlig. Heutzutage gibt es Führungen in Behindertenwerkstätten, wo Kriegsopfer Eierschalenmosaikvasen und sogenannte traditionelle Gegenstände herstellen und bemalen – eine Seite der Wahrheit.

Ich ging vom Trockenfisch auf Baguette mit einer Paste über, die wie Hundefutter (oder Inzersdorfer) aussah, die aber hervorragend schmeckte. Die Kellnerin stellte mir, dem treuen Gast und Straßenvoyeur, ein Glas mit in Öl eingelegtem Knoblauch hin, was meine Laune hob. Nun beobachtete ich, wie der Triangeljunge vom Schuster zu sich gewinkt wurde. Der Schuster gab ihm ein paar Geldscheine. Der Junge verschwand und kam kurz darauf mit einer vollen Reisschale  zurück.

Plötzlich, nach vier Stunden Beobachtung, hatte ich den Job des Triangeljungen begriffen! Ein freier Dienstmann, ein Bote ohne Fahrrad, den man für Erledigungen herumschickte –und der seine Arbeitswilligkeit durch das Schlagen auf ein Eisenstück kundtat.

TIPP
Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele, www.amanshauser.at, Bestellinfo: Online oder per Fax: 01/514 14-277.


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1 Kommentare
Gast: kirk2000
13.11.2009 10:34
0 0

Hoi Bier aus dem Schlauch

Abgesehen davon das dieses Bier quasi nix kostet, war es auch für mich und meine Begleiter sehr amüsant auf Plastik Sesseln die kleiner als in unseren Kindergarten sind Bier aus einem Faß mit Schlauch zu konsumieren und das Treiben auf der Straße zu beobachten, es waren auffallend wenig Bettler in der Stadt - ich habe in 4 Tagen 3 gezählt - Generell waren die Leute im Norden des Landes viel mehr distanziert als im Süden, aber man darf die politische und damit auch die sozialle Situation der Bevölkerung nicht außer Acht lassen.
wir wurden z.B auch von Spitzeln und politischen Offizieren in Zivil begleitet, das erklärt warum man als Tourist auch nicht so schnell mit Einheimischen in Bruderschaft Hoi Bier trinken wird, grüsse kirk