Eva Reiter spielt Viola da Gamba und Blockflöte, Philipp Quehenberger bedient den Synthesizer. Eva Reiter hört man in Barockkonzerten und Aufführungen Neuer Musik. Philipp Quehenberger hört man in avantgardistischen Elektronik-Performances. Beide stehen sie im Fokus des heurigen „Wien Modern“-Festivals. Und im Gespräch zeigt sich, dass sie doch gar nicht so unterschiedlich sind.
Quehenberger: Ja sicher.
Reiter: Absolut.
Aber normalerweise unterscheidet sich Ihr Publikum schon, oder?
Quehenberger: Ja, ich würde sogar sagen, dass es sich ausschließt. Im Rock- und Popbereich gibt es viele, die sich in einer Szene bewegen, sich darüber definieren und sich gegen anderes abschotten. Genauso gibt es die, die von der Klassik kommen und sagen (überlegt) . . .
. . . das ist Krach.
Quehenberger: Genau.
Reiter: Aber genau das find ich das Spannende an diesem Festival, dass so etwas parallel existiert. Dabei steht unsere Arbeit gar nicht so weit auseinander.
Aber ist das, was Sie machen, nicht E-Musik und das, was er macht, Popkultur?
Reiter: Ich finde es schwierig, mit diesen Begriffen zu hantieren. Ich versuche immer, die Genregrenzen zu erweitern oder zu übertreten. Ich arbeite mit Klängen, die mit dem klassischen Kontext nichts zu tun haben, die rau und schmutzig sind. Das ist auch etwas, wobei wir uns treffen.
Quehenberger: Ich habe Kontakte mit verschiedenen Szenen, früher die sogenannte Underground-Szene, die heute mehr mit Popkultur zu tun hat. Ich will auch nicht verleugnen, wo ich herkomme. Aber es interessiert mich nicht, auf ein Genre fixiert zu werden. Im Grunde löst sich für mich immer mehr auf, was meine Zugehörigkeit ist.
Reiter: Es ist wichtig, nicht zu verleugnen, wo sozusagen die musikalische Sozialisation stattgefunden hat. Bei mir ist das ganz klar die Neue Musik.
Haben sich diese Kategorisierungen überlebt?
Quehenberger: Es liegt auch daran, dass wir hier keine gefestigte Tradition in der Popkultur haben. In den USA hat man da ein ganz anderes Verständnis, da kann man sich viel leichter inspirieren lassen, ohne gleich einen ideologischen Überbau mit sich zu schleppen.
Aber es wäre leichter für Philipp Quehenberger, an einem Abend im Fluc zu spielen und am nächsten im Konzerthaus, als umgekehrt für Eva Reiter?
Reiter: Nein, ich spiele ja auch oft auf sogenannten Rockbühnen. Das Wien-Modern-Konzert im Semperdepot mit dem Ictus Ensemble, das ist auch wie ein Rockfestival inszeniert. Da gibt es drei Bühnen, es wird ständig gespielt, die Leute können rausgehen, Bier holen. Ich arbeite auch mit Improvisationsgruppen, die nichts mit E-Musik zu tun haben, da komm ich als Gast, lass mich verführen.
Sie haben beide mit klassischen Instrumenten begonnen, warum haben Sie, Philipp Quehenberger, damit aufgehört?
Quehenberger: Ich spiele halt den Synthesizer wie ein Klavier, es kommen nur andere Töne heraus.
Reiter: Spielst du da auch manchmal Bach?
Quehenberger: Ja, aber ich würde nie auftreten damit.
Sie haben Jazz studiert?
Quehenberger: Nicht fertig. Ich hatte keine Lust, bis ich 30 Jahre alt bin, Charlie Parker zu üben und dann irgendwo in der ORF Bigband mitspielen zu dürfen, weil ich . . .
Reiter: . . . einen Abschluss in Charlie Parker habe.
Quehenberger: Ich möchte einfach versuchen, bei mir zu bleiben und mich nicht zu viel beeinflussen zu lassen von Dingen, die an mich herangetragen werden.
Reiter: Das ist zwar ein Klischee, aber doch das, auf was es ankommt. Ich gehe beim Komponieren immer durch: Was will ich wirklich, welche Gedanken sind fremdbestimmt? Die Musik, die ich mache, ist auch ein Stück weit Widerstand. Das ist keine gefällige Musik. Es gibt manche, die sind begeistert, und manche, die sind persönlich beleidigt. Das hat mich am Anfang belastet, aber mittlerweile denke ich, die Musik erreicht etwas, wenn jemand sich so berührt fühlt, ob positiv oder negativ.
Quehenberger: Wenn sich der Richtige ärgert, ist es eh gut.
Ist Ihnen das Publikum schon davongelaufen?
Reiter: Ich merk das nicht, wenn ich spiele. Ich glaube aber nicht. Die trauen sich nicht.
Quehenberger: Bei mir ist einmal das halbe Publikum unter Buhrufen gegangen. Ich habe es erst gegen Ende mitgekriegt, dass kaum mehr Leute da sind. Aber ich habe das Gefühl gehabt, dass ich schon irgendwie etwas richtig gemacht habe. Sonst wären sie ja geblieben . . .
Reiter: . . . die falschen (lacht). Es gibt immer Leute, die das befremdlich finden, und das ist gut so, sonst wäre das eine verkehrte Welt.
Quehenberger: Ich wollte eigentlich schon immer, dass den Leuten gefällt, was ich mache. Ich habe aber auch das Gefühl, dass ich meine Musik gegen etwas mache.
Gegen was?
Quehenberger: Alles, was mich fertigmacht.
Herr Quehenberger, was fällt Ihnen zur Blockflöte ein?
Quehenberger: Das ist das erste Instrument, das ich gelernt habe.
Reiter: Das sagen alle. Oder: das erste Instrument, mit dem ich wieder aufgehört habe.
Quehenberger: Ich spiel sie gern zwischendurch. Wenn ich ein Instrument spiele, das ich nicht wirklich beherrsche, dann fällt mir wieder was anderes ein.
Also gut, die Blockflöte hat nicht das beste Image . . .
Reiter: Aber nur bei Nichtkennern! Das Blockflötenrepertoire hat ja nichts mit der Schulblockflöte zu tun. Die Flöte, die ich bei meinem nächsten Konzert verwende, so ein eckiges Teil, wird meistens nicht mal als Flöte erkannt.
Was ist Ihr liebstes nichtmusikalisches Geräusch?
Reiter: Motoren, Maschinen, aber damit arbeite ich, das ist meine Musik. Ich war einmal in einer Druckerei aufnehmen für meine Klangbibliothek. Und der Besitzer, als der gesehen hat, wie irre ich bei dem Klang werde, hat mich in den Keller mitgenommen zu seiner handbetriebenen Heidelberger Druckmaschine aus den 50er-Jahren. Und hat sie selbst mit funkelnden Augen für mich eingespielt. Das sind meine besten Aufnahmen.
Quehenberger: Züge mag ich gern.
Reiter: Schlafende Menschen. Und alles was brennt. Zigarette, Wunderkerze.
Quehenberger: Wasser ist auch nicht schlecht.
Würden Sie jetzt noch immer zum anderen ins Konzert gehen?
Reiter: Nein, jetzt nimmer (lacht).


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