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Kameras: Mehr als das Auge sieht

05.11.2009 | 19:18 |  von Uwe Fischer (Die Presse - Schaufenster)

Dunkelheit und hohe Kontraste sind eine Herausforderung für jeden Fotografen. Mit neuen Kameras sieht man mehr als das Auge.

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Bei strahlend blauem Himmel ein gestochen scharfes, farbkräftiges Foto zu schießen ist kein besonderes Kunststück – sogar mit einem Kamerahandy gelingen bei perfekten Lichtverhältnissen brauchbare Bilder. Anders sieht es jedoch aus, wenn der Himmel wolkenverhangen ist oder die Dämmerung hereinbricht. Das Auge täuscht hier: Wo der Mensch durchaus noch imstande ist, Farben und Kontraste zu unterscheiden, ­erscheinen Fotos oftmals grau in grau, verschwommen und unscharf. Professionelle Fotografen hellen in solchen Fällen die Szene mit künstlichem Licht und Reflektoren entsprechend auf, aber wer trägt im Alltag schon solches Equipment mit sich herum?

Während die Profis um die Wichtigkeit des richtigen Lichtes Bescheid wissen, dass man morgens und abends die besten Ergebnisse erzielen kann, ist der Hobbyknipser meist einfach nur frustriert, wenn die Bilder nicht dem Anblick entsprechen wollen, den er selbst vor seinen Augen hatte. Das menschliche Auge wird eben von einem Gehirn unterstützt, das viele Unregelmäßigkeiten ausgleicht, mit Erfahrungswerten ergänzt und eine Vielzahl von Augenblicken zu einem Gesamteindruck ­zusammenfasst. Dem Fotoapparat fehlt dieses Gehirn – oder besser gesagt: Es fehlte ihm bis jetzt. Dank immer schnellerer Prozessoren und neuer Sensortechnologien sind die Kamerahersteller langsam, aber sicher imstande, die Tücken der Physik durch technische Tricks auszugleichen.

Ein Motiv, mehrere Belichtungen. Ein typisches Beispiel ist der sogenannte Dynamikumfang eines Bildes: Wenn der Himmel sehr hell ist, erscheinen auf einem Foto entweder die Wolken richtig strukturiert, und der Vordergrund ist schwarz und unkenntlich. Oder aber das vordere Motiv ist perfekt belichtet, während der Himmel zu einer einzigen weißen Fläche verschwimmt. Auf dem PC kann dieser Effekt schon seit einiger Zeit ­bereinigt werden: Man nimmt einfach mehrmals dasselbe Bild mit unterschiedlichen Belichtungseinstellungen auf und lässt den Computer dann aus den einzelnen ­Fotos ein durchwegs perfekt belichtetes Bild errechnen. Bisher brauchte man dazu ein Stativ – und ein ruhendes Motiv. Aktuelle Kameramodelle sind jedoch schon so schnell, dass sie selbstständig eine solche Belichtungsreihe schießen und diese noch in der Kamera zu einem fertigen Bild zusammenfügen können. Zwei der ersten Geräte mit dieser Option waren die CX1 von Ricoh und die Pentax K-7, die heuer im Frühjahr gelauncht wurden. Auch die neue Alpha A500 von Sony beherrscht diesen Kunstgriff, der von Profis High Dynamic Range (HDR) genannt wird.

Sony setzt zusätzlich auf einen neuen Bildsensor ­namens Exmor, der nicht nur in den neuen Spiegelreflexkameras und kompakten Digicams zum Einsatz kommt, sondern auch bei den jüngsten Camcordern Verwendung findet. Der große Vorteil dieses Chips: Er ist laut Hersteller doppelt so lichtempfindlich wie ­andere Sensoren. ­Erreicht wird dies unter anderem ­dadurch, dass die Leiterbahnen auf dem Chip hinter die Fotodioden verlegt wurden und so die „Verdrahtung“ des Chips möglichst wenig Licht wegnimmt. Gleichzeitig wird das Bildrauschen bei höheren ISO-Werten reduziert. Ein mit ISO 800 aufgenommenes Bild lässt sich von der Schärfe und Gleichmäßigkeit her nun durchaus mit einem ISO-400-Foto vergleichen. Sony will die Exmor-Technologie in Zukunft auch anderen Kameraherstellern anbieten, ­allerdings unter anderem Namen.

Fujifilm hat ebenfalls einen neuen Bildsensor entwickelt, der auch bei ungünstigen Lichtverhältnissen perfekte Bilder hervorzaubern soll. Der „Super CCD EXR“ fasst bei Bedarf mehrere Bildpunkte auf dem Sensor zu einem Pixel zusammen, um die Lichtempfindlichkeit zu steigern. Auch auf diese Weise wird das unschöne ­Farbrauschen bei dunklen Motiven reduziert.

Kamera übertrifft Auge. Im Bereich der Profi­kameras, wir sprechen von der 5000-Euro-Klasse, ist es den Entwicklern gelungen, die Lichtempfindlichkeit der wegen ihrer Größe ohnehin schon wesentlich sen­sibleren Sensoren weiter zu steigern. So lässt sich der ISO-Bereich bei der neuen EOS-1D Mark IV von Canon und der Nikon D3S – beide Geräte sollen in den nächs­ten Wochen in den Handel kommen – auf unglaubliche ISO 102.400 erweitern. Damit hält die Kamera bei Dunkelheit noch Details fest, die mit bloßem Auge bereits nicht mehr wahrnehmbar sind.

Diese Verfahren haben übrigens nichts mit dem ­sogenannten Nightshot-Modus zu tun, der es schon seit ­geraumer Zeit ermöglicht, mit einem Camcorder auch bei absoluter Finsternis zu filmen. Dort wird für das menschliche Auge unsichtbares, infrarotes Licht ausgestrahlt, das der Bildsensor der Kamera sehr wohl aufnehmen kann. Somit kann die Kamera im Dunklen so „sehen“, als würde das Motiv mit einer Taschen­lampe ausgeleuchtet werden. Der Nachteil: Das infrarote Licht erlaubt keine Farbaufnahmen, sodass die Night­shot-Videos nur Schwarz-Weiß bieten.

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