Keine Frage: Papier ist sinnlich, der Mensch ein haptisches Wesen, die Buchform ist ein jahrhundertealtes, perfektes, optimal ausgereiztes Kulturgut, die Badewannen- und Freibadtauglichkeit hoch, der Internet-Nerd ein Literaturbanause. Und überhaupt. Doch dann kommt ein hochverehrter Autor, Gerade-mal-wieder-nicht-Nobelpreisträger und vermeintlicher Bücherprophet wie Philip Roth („Portnoys Beschwerden“) um die Ecke gebogen. Und erklärt das Buch zum Auslaufmodell: „I think, always people will be reading them, but it will be a small group. Maybe more people than now read Latin poetry, but somewhere in that range.“
Branche im Umbruch. Roth hat mit seiner pessimistischen Prognose nicht speziell die neue Konkurrenz zwischen papierenem und elektronischem Buch im Sinn, aber gegen einen Bildschirm, in welcher Form auch immer, so der Autor, hätte die Schriftform generell wenig Chancen. An einer Tatsache kommen jedenfalls Buchhandel, Verlagssektor und Konsument dieser Tage kaum vorbei: Im Literaturbereich spielt’s sich bald genauso heftig ab wie in jeder anderen Industrie und Branche, deren Handelsgüter sich in Nullen und Einsen zerlegen lassen – und die sich ob der Entwertung durch unendliche Kopierbarkeit und unkontrollierbare Verbreitung jeglichen „Contents“ ihres Geschäftsmodells beraubt sehen.
Zudem muss die herkömmliche, auf jahrhundertealte Traditionen und Strukturen bauende Allianz von Autor, Verleger und Leser neue Mitspieler gewärtigen: Der Internetversender Amazon hat mit dem hauseigenen „Kindle“ seinen ersten E-Book-Reader am Start. Seit wenigen Tagen gibt es das schicke Gerät, das eine ganze Bibliothek in sich tragen kann, in einhundert Ländern weltweit zu kaufen, auch in Österreich. Zunächst sind es nur englischsprachige Titel, die zum Download per UMTS-Netz bereitstehen – ein Umstand, der nicht lange anhalten wird.
Auch Sony und Co. wollen die Lesegewohnheiten der Österreicher umkrempeln – von Google ganz zu schweigen: Der Plan des Internetkonzerns, jegliche erdenkliche Vorlage in digitalisierter Form auffindbar, verfügbar und für jedermann (teilweise gar gratis) lesbar zu machen, stößt auf erbitterten Widerstand von Autoren, Verlagen und Urheberrechtsgesellschaften. Perspektivisch ein Minenfeld: Da Wissen, Information und Copyrights als „Öl des 21. Jahrhunderts“ gelten und das Internet generell als größte Medienrevolution seit Gutenberg, ist die standardisierte Verpackung der „Ware Literatur“ in Form putziger Textfiles und schnuckeliger Lesegeräte nachgerade ein fast schon naiver Ansatz, die Zukunftsmusik eher in Dur als in Moll zu stimmen.
Die Medien- und Verlagsbranche macht gerade dieselben Fehler (oder auch nicht?) wie vor wenigen Jahren die Musikindustrie: Sie kann sich nicht auf ein einheitliches Datenformat à la MP3 einigen – der Konsument zeigt sich ob der Inkompatibilität von Files mit Endungen wie .prc, .lit, .chm, .opf, .pdb, .tr3, .epub, .azw, .rtf, .xml oder .pdf tendenziell verwirrt – zurecht. Und die Buchindustrie forciert einmal mehr restriktives Digital Rights Management – zuungunsten unkomplizierter Austauschbarkeit, rascher Etablierung und weiter Verbreitung der E-Books. Abgesehen davon, dass sich allmählich die Erkenntnis durchsetzen sollte, dass sich jeder Schutzmechanismus aushebeln lässt, kommt es natürlich auch zu bezeichnenden Pannen: Amazon etwa löschte im Sommer 2009 im Nachhinein diverse legal erworbene Texte von den Readern seiner Kunden, weil der Vertrieb vermeintlich keine Rechte daran besaß. Doppelt peinlich: Es handelte sich ausgerechnet um die digitalen Ausgaben von George Orwells Anti-Utopien „Farm der Tiere“ und „1984“.
Keine Vorurteile. Dennoch: Ein paar Vorurteile muss man dringend loswerden in puncto E-Books. Die Lesbarkeit ist dank pixelreichem „elektronischem Papier“ (E-Ink) unter Normalumständen hervorragend. Die Reader sind mittlerweile leicht, praxisgerecht, elegant. Und verbrauchen, da die Displays nicht hell leuchten, wiewohl sie einen guten Kontrast bieten, frappant wenig Strom. Die Vergrößerbarkeit der Schrift ist ein von älteren Lesern gern in Anspruch genommener Aspekt der Usability.
Wie lange werden wir noch die alten, unveränderlichen Handke-, Bernhard-, Jelinek-Ausgaben ehrfürchtig aus dem Bücherregal fischen? Und Zeitungen und Magazine aus dem Briefkasten? „Haptik hin, Haptik her – lese gerade den 1200-Seiten-Bolaño und fluche über diesen untrag- und unhaltbaren Ziegel des Abends im Bett auf meiner Brust“, lautet das Urteil eines „early adaptors“ auf „Facebook“. Er findet die elektrischen Taschenbücher inzwischen „sehr praktisch, brauchbar und cool“. Die Bibel oder „Das Kapital“ an der Steckdose: schon bald eher Alltag als Science-Fiction-Entwurf?
E-Books: Elektroschock
05.11.2009 | 19:19 | von Walter Gröbchen (Die Presse - Schaufenster)
Das gute, alte Buch ist kein unveränderliches Kulturobjekt. So erobern e-Books samt "E-Book Readern" Buchhandlungen, Bibliotheken und Leser.


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