Als Zweiradfahrer in der Stadt zum Beispiel dann, wenn man sich nach langem kunstvollen Schlängeln an die Stauspitze vorgearbeitet hat und dort neben einem anderen Zweirad an der roten Ampel zu stehen kommt. Denn anders als im Auto, das einem trotz minimaler Abstände zwischen den Karosserien so etwas wie Privatsphäre verschafft – selbst bei offenem Fenster käme man kaum in Verlegenheit, mit einem anderen Autofahrer plaudern zu müssen –, ist man auf dem Zweirad völlig unabgegrenzt.
Kommen so zwei Männer nebeneinander zu stehen, gibt es so etwas wie einen ungeschriebenen Verhaltenskodex. Man mustert einander kurz, dann eingehender das Fahrzeug des anderen, allerdings beides, ohne es sich anmerken zu lassen. Das geht dank Vollvisierhelm und Sonnenbrille recht gut. In seltenen Fällen nickt man sich knapp zu. Schaltet die Ampel auf Orange, versucht man, den anderen zu verblasen. Männer, was soll ich Ihnen sagen!
Neulich also bleibt wieder ein Motorrad neben meinem stehen, und der Fahrer mustert zuerst mich und dann mein Motorrad. Allerdings ganz offen. Erst durch diese Etiketteverletzung merke ich, dass es sich um eine Fahrerin handelt. Worauf ich auch sie genauer unter die Lupe nehme, ihr Motorrad interessiert mich offen gestanden weniger. Sie lächelt mich an, sagt: „Geiles Gerät“ – leider meint sie ganz offensichtlich mein Motorrad –, und als ich gerade antworten will, „Du auch“ (originell, gell?), ist sie schon dahin. Da ich die Ampel den einen abgelenkten Moment aus den Augen gelassen habe, werde ich prompt von einem alten Golf per Hupe zum Weiterfahren aufgefordert. Null Verständnis für die besonderen Momente, diese Autofahrer.
Geiles Gerät
16.04.2009 | 19:47 | von Florian Asamer (Die Presse - Schaufenster)
Ab und zu gibt es sie, diese unerwarteten intimen Momente mitten im Alltag.


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