Geduld ist überhaupt etwas Eigenartiges: Hat man sie, weiß man nichts von ihr, erst wenn sie einem abhandengekommen ist, spürt man, dass sie vorher da war. Ich jedenfalls fahre seit einiger Zeit geduldmäßig auf Reserve durch mein Leben. Warum, weiß ich nicht (da erweist es sich als großes Glück, dass immerhin das Papier vor mir geduldig ist). Ich merke das zum Beispiel, wenn ich meinem Jüngeren erklären muss, warum er seine Pokémon-Karten nicht zum Tauschen zur Erstkommunion seines Freundes mitzunehmen braucht. Solche Debatten hätte man sich freilich sparen können, wenn man seine Kinder taufen hätte lassen und damit beizeiten in den Kirchenkreislauf eingeschleust hätte. Damals war allerdings noch nicht abzusehen, dass meine Geduld so unvermittelt zu Ende gehen würde.
Wenig geduldig bin ich derzeit auch, wenn ich mit dem Älteren über Schülerstreiks mit dem Ziel der Beibehaltung der schulautonomen Tage reden muss. Sie ahnen nicht, wie radikal die schulautonome Szene ist. Dabei bin ich prinzipiell immer dafür, wenn sich eine Gruppe auf die Hinterfüße stellt, aber bitte doch nicht für noch mehr Ferien, in denen ich dann wieder im Stau irgendwo hinreisen muss, nur weil aus einem Feiertag, einem Wochenende und zwei schulautonomen Tagen ruck, zuck ein Kurzurlaub konstruiert wurde. Da fahre ich schon lieber in den Baumarkt, um mich über Fertigrasen zu informieren, da ich momentan auch nicht die Ausdauer habe, den Grassamen beim Wachsen zuzuschauen. Und ja: herzlichen Dank auch für Ihre . . . Sie wissen schon.
In der schulautonomen Szene
30.04.2009 | 19:53 | von Florian Asamer (Die Presse - Schaufenster)
Geduld gehört zu jenen Dingen (wie etwa auch ähnlich Essenzielles wie Haltung, Hirn und Humor), die man sich leider nicht zwischendurch im gut sortierten Baumarkt besorgen kann.


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