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Randerscheinung: Her mit den Vorzugsstimmen

17.06.2009 | 19:36 |  von Florian Asamer (Die Presse - Schaufenster)

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Was Berufe angeht, gibt es kaum einen, der mich weniger anzieht als der des Politikers. Jüngst erst wieder die Bestätigung: Im Wes­tern hat der Böse den schwarzen Hut auf, in der Politik trägt immer der farbloseste Typ die bunteste Brille. Trotzdem hat die EU-Wahl meine Skepsis verringert. Es sind aber nicht die Dienstwagen, Mehrfachbezüge und Delegationsleitungen, die mich zum Quereinsteigen bringen könnten (gut, Mehrfachbezüge vielleicht schon). Nein, es sind Vorzugsstimmen. Wie schön muss es sein, wenn man so ganz und gar direkt gewählt wird. Fast intim in der heimeligen Wahlzelle, nur die Wählerin und man selbst, verborgen vor den Wahlhelfern und der Welt, ein süßes gemeinsames Geheimnis versteckt im versiegelten Kuvert, anvertraut nur der Urne. Das kann uns – anders als die Delegationsleitung – niemand mehr nehmen.

Ich schleppe in Sachen passives Wahlrecht nämlich ein ausgewachsenes Trauma mit mir herum. In der ersten Klasse Gymnasium trug ich mich mit dem Gedanken, das Amt des Klassensprechers anzustreben. Zu mehr kam es nicht, da ich nach dem informellen Ausloten der Mehrheitsverhältnisse und unbeholfenen Versuchen gezielter Wahlwerbung („Geh, bitte, wähl mich, tu weiter, sei net so“) schnell zur Kenntnis nehmen musste, dass mein Rückhalt bei den Kollegen sich in engen Grenzen hielt. Da es allerdings zu diesem Zeitpunkt schon zu spät war, um die Kandidatur noch zurückzuziehen, endete die Abstimmung mit der größtmöglichen Schmach für mich: Ich wurde Stellvertreter. Seither habe ich mich nie wieder einer Wahl gestellt und hatte auch nicht vor, das jemals wieder zu tun. Bis mich nun die Vorzugsstimmen ins Wanken gebracht haben. Geh, bitte, jetzt seien Sie halt nicht so. Ich setze auch eine bunte Brille auf.

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