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Die Angst der Eltern vor den Ferien

28.07.2012 | 17:16 | von Eva Winroither (Die Presse)

Die Sommerferien stellen Jahr für Jahr viele Eltern vor Probleme – wohin mit den Kindern? Nicht alle können auf einen Hort oder einen Kindergarten zählen, der das ganze Jahr offen hat.

Eigentlich sollte es die schönste Zeit im Jahr sein. Es ist die Zeit der Eisstanitzel, über die geschmolzenes Erdbeereis läuft. Es ist die Zeit des Planschens im See und die Zeit der aufgeschlagenen Kinderknie – das gehört nun einmal dazu, wenn man viel Zeit im Freien verbringt. In Wahrheit ist die Sache allerdings eine andere: Sommer und Ferien bedeuten für viele Eltern, den Spagat zwischen Arbeit und Kinderbetreuung zu schaffen. Heute bei Oma und Opa (wenn es sie überhaupt in der Nähe gibt), morgen zwei Tage bei den Freunden, und am dritten Tag kann man die Kinder vielleicht in einem Ferienspiel unterbringen. Bleibt noch immer ein Tag offen. So geht das Dilemma manchmal über die gesamte Ferienzeit – fast neun Wochen lang.

„Als eine echte Herausforderung“ beschreibt etwa die 43-jährige Patricia Käfer aus Wien die Ferienbetreuung ihrer beiden Töchter, sieben und elf Jahre alt. Während die Siebenjährige noch in den Hort gehen könnte, gibt es für die elfjährige Gymnasiastin überhaupt kein Angebot wie Hort oder Nachmittagsbetreuung mehr. Sowohl Käfers Mann als auch sie selbst arbeiten jeweils 30 Stunden die Woche. Wohin also mit den Kindern? „Sechs Wochen Ferienlager, das kann sich doch niemand leisten“, sagt sie. Eigentlich findet sie auch 200 Euro pro Kind in der Woche zu teuer.

So wie Patricia Käfer geht es jedes Jahr tausenden berufstätigen Eltern in Österreich. Sie alle haben ihre Kinder unter 14 Jahren über die Sommermonate zu versorgen. Nicht alle können dabei auf einen Hort oder einen Kindergarten zählen, der das ganze Jahr offen hat. Durchschnittlich 18 Tage sind Kindertagesstätten wie Hort oder Kindergarten österreichweit im Sommer geschlossen. Das sind rund drei Wochen. Wobei hier die Steiermark mit 40 Schließtagen, also acht Wochen, die Statistik anführt und Wien mit 1,9Tagen am Ende steht.

Unterschiedliche Verträge. „In den Bundesländern gelten für die Horte unterschiedliche Gesetze, die meisten schließen daher wie die Schulen“, sagt Raphaela Keller vom Dachverband der Berufsgruppe Kindergarten- und Hortpädagogen. Insgesamt sei die Betreuung in den Landeshauptstädten aber jedenfalls besser als auf dem Land.

Gemeinsam haben alle, dass die Sommerferien „eine Extrazeit“ sind, ein kleiner Ausnahmezustand. Manche Gruppen werden kleiner, manche größer, auch die Pädagogen müssen einmal auf Urlaub gehen – und jeder kommt mit Menschen zusammen, die er vorher nicht gekannt hat. Andere erhalten überhaupt keine Betreuung, weil es keine gibt – oder weil sie zu alt sind. Kaum ein Hort im Land, der noch Kinder über zehn Jahre nimmt.

Eltern müssen daher kreativ sein, wenn sie ihre Kinder betreuen wollen. Oder sich einfach „durchjonglieren“. Patricia Käfer setzt mit ihrem Mann etwa auf die tageweise Betreuung ihrer Töchter. Einen Tag macht ihr Mann Homeoffice, einen Tag passt der Großvater auf, und die restlichen drei Tage „versucht man, sich halt irgendwie zu arrangieren“, sagt Käfer. Manchmal sind die Kinder bei ihren Freunden, manchmal bei Freunden der Eltern – meistens beginnt Käfers Mann aber bereits um sechs Uhr zu arbeiten, damit er am frühen Nachmittag wieder zu Hause ist.

Ihrer Arbeitskollegin Patricia Lindner geht es nicht besser. Die 33-Jährige ist Mutter eines neunjährigen Sohnes, der unter dem Jahr die Nachmittagsbetreuung in seiner Schule besucht. Im Sommer fällt diese natürlich weg. „Ich hätte ihn vermutlich in einen Ausweichhort geben können. Aber erstens bin ich von der Schule darüber nicht einmal informiert worden, und zweitens wäre der in einem anderen Bezirk gewesen“, sagt sie. Und das Geschrei jeden Morgen in der Früh, dass der Sohn nicht hinwill, weil er niemanden kennt – das wollte sie sich nicht antun.

Großeltern nicht fit genug. Jetzt passen die Großeltern der Angestellten tageweise auf das Kind auf. „Aber so viel kann ich ihnen nicht zumuten, mein Vater ist ja auch nicht mehr der jüngste“, sagt sie.

Angela Geoghegan, Elternberaterin bei der Kinderdrehschreibe Wien kennt solche Probleme. Der Verein hilft, private Betreuungsplätze für Kinder zu finden: Tagesmütter, Kinderkrippen, Kindergärten und Horte sowohl unter dem Jahr als auch den Sommer über. Auch jetzt würden sich jede Woche „einige“ Eltern bei ihr und ihren Kolleginnen melden. „Das sind einerseits Mütter, die kurzfristig eine Schulung vom AMS bekommen und deswegen nicht auf die Kinder aufpassen können. Andererseits oft Eltern von Volksschülern, die unter dem Jahr versorgt sind, weil ein Elternteil nur halbtags arbeitet.“

Meistens, „also in 70 Prozent der Fälle“, können Geoghegan und ihre Kollegen den Eltern helfen. Und die anderen 30 Prozent? „Die müssen auf private Alternativen wie Babysitter ausweichen.“ Nachsatz: „Aber unser Verzeichnis ist nicht immer komplett. Nicht jeder Kindergarten meldet seine Sommerplätze.“

Im zuständigen Büro des Wiener Jugendstadtrats Christian Oxonitsch sieht man dennoch keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. Insgesamt gebe es 22.000 Hortplätze in Wien, die ganzjährig – also auch im Sommer – geöffnet sind. Für Schüler von Ganztagsschulen (die im Sommer natürlich schließen) seien zusätzlich 105 Standorte geschaffen worden, wo derzeit 1600 Kinder betreut werden. Dieses Jahr hat die Stadt Wien zusätzlich eine Million Euro in die Sommerbetreuung investiert.

Einen Versorgungsengpass kann auch die zuständige Mediensprecherin Michaela Zlamal nicht feststellen: „Wartelisten für Horte gibt es nicht. Und wenn der Platz an einem Standort dennoch knapp wird, wird Eltern mit dringendem Betreuungsbedarf (Berufstätigkeit) der Vorzug am Wunschstandort gegeben.“

Zu weit weg, zu unbekannt. Die Eltern von Kindern nehmen das freilich anders wahr. „Ich glaube nicht, dass es an der Quantität der Plätze liegt, eher an der Qualität“, sagt dazu Raphaela Keller, Vorständin im Dachverband der Kindergarten- und Hortpädagogen. In den Ferien seien manche Hort- und Kindergartengruppen besonders voll. Hinzu komme, dass die Gruppen völlig neu zusammengewürfelt werden. Kinder müssten vom regulären Hort in den Ausweichhort übersiedeln. „Die Kinder müssen sich dort orientieren, die Betreuerinnen wissen nicht, wie sich die Kinder bei Ausflügen verhalten. Die ganze Bildungsarbeit findet nicht statt.“ Das sei anstrengend, „und zwar für alle“. Oft würden die Pädagogen im Sommer an ihre Grenzen gehen.

Abgesehen davon weiß Angela Geoghegan von der Kinderdrehscheibe auch von finanziellen Hürden zu berichten. Sommerbetreuung muss nämlich extra bezahlt werden. „Da kommt man bei Privaten schon auf 100 bis 350Euro die Woche.“ Die Betreuung in städtischen Einrichtungen gibt es billiger, nämlich um 80 Euro die Woche.

Dafür ist dort nicht sichergestellt, dass die Einrichtung auf dem Weg zur Arbeit gut erreichbar ist. Denn die Angabe eines Wunschstandortes ist im Anmeldeformular nicht möglich. „Manchmal können die Eltern den Platz auch gar nicht in Anspruch nehmen, weil die Öffnungszeiten nicht passen oder für die Anfahrt ein großer Umweg notwendig ist“, sagt Geoghegan.

Für Patricia Käfer ist das alles keine Option. Ihre siebenjährige Tochter wollte partout nicht in einen Hort, in dem sie niemanden kennt. Und für ihre Elfjährige gibt es sowieso nichts. Jetzt sind die Mädchen am Vormittag öfter allein daheim. Das Bauchweh nimmt die Mutter dafür in Kauf. „Natürlich habe ich ständig ein blödes Gefühl dabei.“ Vor allem, weil sie weiß, dass die Kinder häufiger fernsehen als sonst. „Aber da weiß ich wenigstens, dass nichts passiert.“

Aufsichtspflicht verletzt. Rechtlich gesehen begibt sie sich damit auf Glatteis. „Es ist schwer, im Voraus zu sagen, wann jemand die Aufsichtspflicht verletzt“, sagt die Wiener Kinder- und Jugendanwältin Monika Pinterits. An sich ende die Aufsichtspflicht erst mit Erreichen der Volljährigkeit. Davor können Eltern im Prinzip nach Entwicklungsstand des Kindes und den weiteren Umständen selbst entscheiden, was sie einem Kind zutrauen und was nicht. „Es ist ein Graubereich. Wenn dann aber etwas passiert, dann sind oft schnell die Eltern schuld.“ Sie selbst würde ein elfjähriges Kind jedenfalls nicht zu Hause lassen.

Das müssen aber die meisten Eltern tun, denn auch in Wien hört die Hortbetreuung grundsätzlich mit zehn Jahren auf. „Die Nachfrage dafür ist aber gar nicht so groß“, sagt dazu Michaela Zlamal vom Stadtratbüro. Ansonsten gibt es für Kinder das städtische Ferienspiel. Dass das nur tageweise eine Option ist und nicht für mehrere Wochen – und viele Aktionen erst zu Mittag beginnen –, sagt sie nicht.

Elke Panny aus dem 1800-Seelen-Ort Reichraming in Oberösterreich musste ohnehin nach einer ganz anderen Lösung für ihren neunjährigen Sohn suchen (die Tochter geht noch in den Kindergarten). Den Juli hat er am Vormittag allein zuhause verbracht, ausstaffiert mit einem Handy, damit er die Mutter jederzeit anrufen kann – sie arbeitet nur drei Minuten entfernt als Buchhalterin.

Die Lösung funktioniere eigentlich ganz gut. Zumindest besser als im Vorjahr, denn da hätte er noch jede Stunde angerufen. „Dann bin ich sofort nach Hause gerannt.“ An Arbeit war nicht zu denken. Dabei arbeitet Panny sogar in der Firma ihres Mannes. Auch die Schwiegermutter wohnt im selben Haus. „Die ist aber auch nicht immer da und will auch irgendwann auf Urlaub fahren.“ Wenn sie sich etwas wünschen könnte, dann würde sie daher sofort einen Sommerhort in Anspruch nehmen. Allein, den gibt es in ihrer Umgebung nicht.

Alternative Lösungen.
Manche Eltern hätten für die Ferien eine ganz simple Lösung: eine Verkürzung von neun auf sechs Wochen. „Die Kinder brauchen doch keine neun Wochen, um sich zu erholen“, heißt es dann. Andere wie Barbara Kupfinger, Mutter zweier Töchter und ebenfalls aus Reichraming, hätten hingegen am liebsten eine Leihoma für die Ferien. Die gibt es in Kupfingers Nähe allerdings auch nicht.

Sie nimmt diesen Sommer drei Wochen Urlaub, in denen sie auf ihre Töchter aufpasst, ihr Ehemann übernimmt ebenfalls drei Wochen. Bleibt eine Woche, in der sie gemeinsam wegfahren. Die restlichen Tage der Sommerferien werden tageweise abgedeckt. Nicht unbedingt eine sehr familienfreundliche Lösung. Allerdings: „Es gibt halt nichts anderes.“ Was das für das Sozialleben in ihrem kleinen Dorf bedeutet: „Ich glaube ja, dass das der Grund ist, warum so wenige Frauen hier im Ort arbeiten gehen“, meint Kupfinger. „Wer soll denn dann in den Ferien auf die Kinder aufpassen?“

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