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"Erziehung ist nicht Vorbereitung auf das Leben"

01.08.2012 | 10:31 | Von Rosa Schmidt-Vierthaler (DiePresse.com)

Familienberater Jan-Uwe Rogge spricht im DiePresse.com-Interview über das "große Trotzalter" und erklärt, warum gute Erziehung keine Problem-Prophylaxe sein kann.

Die Presse: Anne-Marie Slaughter leitete den Planungsstab im US-Außenministerium, bis sie kündigte, um mehr Zeit für ihre Kinder zu haben. Mit ihrem Essay "Why women still can't have it all" hat sie Diskussionsstoff geliefert. Das Ungewöhnliche daran: Ihre Söhne sind bereits Teenager. Wie sehr brauchen denn Kinder in der Pubertät ihre Eltern?

Jan-Uwe Rogge: So ein Fall ist immer auch individuell zu sehen. Aber grundsätzlich hat Erziehung mit Beziehung zu tun. Wenn man glaubt, die Erziehungsverantwortung sei mit dem 11. oder 12. Lebensjahr vorbei, dann ist das ein ganz gewaltiger Irrtum. Wenn ich mich in dieser Zeit aus der Erziehung zurückziehe, dann ziehe ich mich auch aus der Beziehung zurück - und dann reagieren Pubertierende wie Kleinkinder. Sie wollen diese Beziehung haben. Der Unterschied zum Kleinkind ist nur, dass sie selbst entscheiden, wann sie Nähe haben wollen und wann sie allein gelassen werden wollen. Das heißt, ich muss abwarten und zulassen.

Was vereint die Teenager?

Viele Eltern assoziieren mit Pubertät den Kampf um Unabhängigkeit, aber der kann völlig unterschiedlich aussehen. Der eine revoltiert ganz heftig, der andere hat das im Trotzalter schon hinter sich gebracht. Es ist auch zeitlich stark versetzt: Mädchen kommen in der Regel früher in die Pubertät, dadurch stellen sich auch die Auseinandersetzungen anders dar. Wichtig ist, dass man jedes Kind für sich so nimmt, wie es ist.

Kann ich den Problemen mit einer guten Erziehung vorbeugen?

Nein. Ich finde das immer lustig, wenn Leute zu meinen Vorträgen über Pubertät kommen, die kleine Kinder haben, im Sinne einer Prävention und Prophylaxe. Erziehung ist ja nicht Vorbereitung auf das Leben, Erziehung muss immer im Hier und Jetzt bleiben. Natürlich: Es ist wichtig, in jeder Entwicklungsphase in Beziehung zu seinem Kind zu sein. Es soll das Gefühl haben, dass es so angenommen wird wie es ist. Wenn diese Basis gelegt ist, dann können die Zumutungen, die die Pubertät zwangsläufig mit sich bringt, auch ausgehalten werden.

Das heißt, ein sehr folgsames Kind wird in der Pubertät nicht weniger rebellieren?

In der Regel ist es sehr wohl so, dass dieses Kind rebelliert um auszutesten: Werde ich auch dann noch gemocht, wenn ich mal eine Zeit lang anders bin als gewünscht?

Kommen Kinder in der Pubertät noch zu ihren Eltern, wenn sie einen Erwachsenen brauchen, oder suchen sie sich nicht häufig eine andere Bezugsperson?

Wenn Heranwachsende sich andere Gesprächspartner suchen, hat das nichts mit Vertrauensverlust zu tun, sondern mit Nähe und Distanz. Häufig gibt es eine andere Person, etwa eine Patin, die emotional nah dran ist, aber distanziert genug, um Probleme gelassener zu sehen. Ich denke, dass es ausgesprochen wichtig ist, Erziehungsaufgaben auch mal zu delegieren, wenn die Beziehung sehr belastet ist. Viele Probleme heute hängen damit zusammen, dass man sich zu nahe ist. Man spricht in Amerika auch von Hubschrauber-Eltern, die ständig im pädagogischen Einsatz sind und sogar Schulhöfe belagern. Es geht ja so weit, dass sie auch in den ersten Semestern ihre Kinder an der Uni begleiten wollen. In der Zeit der Pubertät machen nicht nur die Kinder eine Entwicklungsphase durch, sondern auch die Eltern. Für die Eltern stellt sich die Aufgabe, wieder Mann und Frau zu sein und für sich selber verantwortlich zu sein.

Ist das Nicht-Loslassen der häufigste Fehler, den Eltern machen?

Das ist in der Tat ein Problem. Es ist ein zentrales Ziel in der Familienberatung, die Eltern zu ermutigen, gut für sich selbst zu sorgen. Es kommt auch nicht von ungefähr, dass in dieser Zeit viele Partnerschaften zerbrechen. Weil einige es nicht schaffen, aus der Elternschaft wieder eine Partnerschaft werden zu lassen.

Was können Eltern machen, wenn ihr Teenager sich ihnen komplett verschließt?

Zunächst einmal ist das eine vollkommen normale Reaktion und muss nicht heißen, dass etwas falsch gelaufen ist. Es ist wichtig, diesem Kind jemand an die Hand zu geben, der mit ihm redet. Wichtig ist aber, dass diese Person nicht als Undercover-Agent tätig ist und Informationen an Mutter oder Vater weitergibt. Pubertierende haben nach meiner Erfahrung auch ein Gefühl dafür, wer das sein kann: Vielleicht der Ausbildner, der Lehrer, der Trainer im Sportverein. Es gibt aber auch viele Pubertierende, die nicht reden wollen, die in die Welt der Bücher abtauchen oder in der Musik Kompensation finden. Da ist jeder Teenager einzigartig. Auch in der Gleichaltrigengruppe kann es absolute Vertraute geben. Aber bei den großen Themen, die für die Biographie wichtig werden, sind vor allem Eltern und andere Erwachsenene wichtig. Auch wenn die Teenager die Eltern ablehnen: Sie haben eine Erziehungs-Verantwortung und müssen diese auch wahrnehmen.

Pubertät oder Trotzalter: Wann gibt es denn mehr Konflikte?
Zur Zeit von Charlotte Bühler (namhafte Entwicklungspsychologin, gestorben 1974, Anm.) gab es den Begriff Pubertät noch nicht, man sprach vom großen und vom kleinen Trotzalter. Das finde ich viel schöner, weil es eine biographische Kontinuität herstellt. Charlotte Bühler sagte einmal, je heftiger das kleine Trotzalter, umso ruhiger das große und umgekehrt. Beide Lebensabschnitte haben mit Abgrenzung und sich auf den Weg machen zu tun. Wenn ich im kleinen Trotzalter einmal erlebt habe, dass ich gehen darf, dann stellt sich das große anders dar, weil ich schon gelassen worden bin. Und die Eltern sind dann auch gelassener. Das heißt nicht Laissez-faire, sondern Ich-lasse-zu. Beim Kind und bei mir.

Faktbox (5e99d65)


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