Sie sind jetzt seit März Professorin für Entwicklungspsychologie an der Uni Wien. Wie steht Österreich in der Debatte über frühe Fremdbetreuung da?
Lieselotte Ahnert: Die Zögerlichkeit gegenüber staatlichen Einrichtungen und Kinderkrippen ist in Ihrem Land so groß wie in Deutschland, wenn nicht sogar noch größer. Was ich hier aber kennengelernt habe, ist ein wunderbares System der Tagesmütter. Das haben wir in Deutschland nicht. Dort gibt es einen unregulierten und unüberblickbaren privaten Markt, der professionalisiert werden müsste. In Niederösterreich etwa ist das hingegen ein wirklich gut überlegtes und gut geführtes System. Mich beeindrucken da auch die formellen Regulative, mit Schulung und Kontrolle.
Gibt es ein ideales Alter, in dem man ein Kind in die Fremdbetreuung schickt?
Da gibt es nach wie vor ein großes Fragezeichen in der Forschung. Wir haben die großen Studien aus den USA. Die sagen aber nichts zum Eintrittsalter, weil die Mütter dort eine sehr kurze Karenzzeit haben und das Kind mehr oder weniger vier Wochen nach der Geburt schon in irgendeiner Weise zusätzlich betreuen lassen müssen, wenn sie zurück zum Arbeitsplatz wollen. Wenn diese Kinder dann in einen Kindergarten kommen, haben sie schon ganz andere Erfahrungen mit Fremdbetreuung. Im Wiener Krippenprojekt, das Wilfried Datler und ich verantworten, wollen wir jetzt schauen, ob es einem zwei- oder dreijährigen Kind emotional etwas nützt, wenn es besser versteht, dass die Mama jetzt ein paar Stunden nicht da ist.
Aber aus anderen Kulturen wissen wir, dass Kinder keinen Schaden nehmen, wenn sie ziemlich früh von mehreren Personen betreut werden. Die soziale Natur des Menschen ist auf soziale Kontakte ausgerichtet. Diese vielen Menschen müssen jedoch eine Zuwendung und eine Fürsorgebereitschaft zeigen, die dem Kind auch guttun. Ein Kind braucht ein bestimmtes Muster der Kommunikation.
Was heißt das?
Ein Kind braucht ein Grundmuster: ein ruhiges Gesicht, das aber dennoch lebendig ist, das kohärente Information transportiert, nicht gleichzeitig lächelt und eine böse Stimme aufsetzt. So eine Situation würde schon ein Kind irritieren, das nur wenige Monate alt ist. Genauso wie ein Gesicht, das das Kind nur anglotzt, ohne Mimik, ohne Sprache. In der Interaktion muss es Pausen geben, in denen sich auch das Kind einbringen kann, mit Gesten oder Grimassen. Wenn Erwachsene das nicht berücksichtigen, wird die soziale Entwicklung des Kindes stark beeinträchtigt. Also: Viele Menschen an sich irritieren kaum ein Kind. Aber wenn diese Menschen sich merkwürdig verhalten, dann wird es schwierig. Wenn das fünf Monate alte Kind in der Krippe keine Möglichkeit hat, mit fürsorglichen Betreuungspersonen eine gute Kommunikation aufzubauen, und diese Leute nur hier mal wickeln, dort mal eine Rassel reichen, dann ist das nicht gut.
Ist das System in Österreich darauf vorbereitet, dass es in Zukunft mehr Kinder ab 14 Monaten aufnehmen soll?
Nein. Das ist ja auch in Deutschland das Thema. Dort haben wir jetzt eine heiße Qualitätsdebatte. Wir wollen auf keinen Fall, dass Kindergärten einfach ihre Plätze nach unten öffnen. Das Erziehungspersonal müsste insgesamt besser ausgebildet und mit entwicklungspsychologischen Sachverhalten aus der Psychologie der frühen Kindheit vertraut gemacht werden.
Gibt es genug Betreuer für Kinder um die 18 Monate?
Der Betreuungsschlüssel ist eine Katastrophe. International reden wir ja über ein Verhältnis Erzieher:Kind von 1:3 oder 1:4. Denn wenn die Kinder zu laufen beginnen, wird der Aufwand ja nicht gerade geringer, ganz im Gegenteil. Auf jeden Fall braucht das Kind bis zum 18.Lebensmonat diese individualisierte Betreuungsform, bei der die Kinder mit den Erwachsenen die Umwelt erkunden und lernen. Danach brauchen Kinder erweiterte soziale Kontakte. Diese sind zusätzliche Entwicklungsimpulse, die aber eine Mutter nicht leisten kann. Auch wenn sie die „Idealmutter“ ist.