Johann (18 Monate) sitzt in seinem Buggy und weint. Allein und abgestellt am Rande des Spielplatzes. Seine Kollegen aus der Kindergruppe spielen Fangen, Verstecken und „70 Varianten, sich den Hals zu brechen“, die beiden Erzieherinnen sind vollauf damit beschäftigt, Nerven und Überblick zu behalten. Johann bettelt ein ums andere Mal: „Die Mami soll kommen. Ich will meine Mami. Wo ist meine Mami?“ Endlich kommt eine Betreuerin, nimmt ihn in den Arm, tröstet ihn. Ohne Erfolg. Der ganze Spielplatz fühlt schon mit dem Kind. Auch die beiden älteren Damen, die ihre Enkel zu den Wippen begleiten. „Der arme Bub“, sagt eine Oma zur anderen. „Und so klein. Welche Rabenmutter tut ihrem Kind das an?“
In Zukunft gar nicht so wenige. Denn die Neuregelung des Kindergeldes sieht eine finanziell besonders attraktive Variante vor, bei der die Unterstützung der Mutter/des Vaters durch den Staat aber bereits nach 14 Monaten endet und dann irgendeine Form der „Fremdbetreuung“ erforderlich wird: Papa, Oma, Kindermädchen, Tagesmutter oder Krippe.
„Krippenstaat“ gegen Kampfmütter. Diese politische Vorgabe hat auch in Österreich eine Debatte angefacht, die in Deutschland schon seit Jahren ebenso ideologisch wie erfolglos geführt wird: Wie viel Mutter braucht eigentlich ein Kind? Wo verläuft die Grenze zwischen einem lieblosen „Krippenstaat“ und einer klaustrophoben „Nation über- oder unterforderter Vollzeitmütter“? Und vor allem: Richten Eltern, die ihr Kind schon früh von anderen Personen betreuen lassen, bleibenden Schaden an oder geben sie dem Nachwuchs einen Startvorteil in einer zunehmend kompetitiven Arbeits- und Lebenswelt?
Klare Antworten auf diese Fragen gibt es nicht. Und deshalb tun viele Familien das, was Agnes Bugajska-Schretter (39) und Herwig Schretter (45), Eltern von Elena Leonora (vier), genannt Ella, getan haben: Sie konstruieren diese Entscheidung rund um ihre ganz spezifische Familiensituation, Bedürfnisse, Zwänge und Erwartungen. Obwohl Agnes überlegt hatte, bald wieder in Teilzeit in ihren Job als Head of Strategic Marketing in einem Biotechkonzern zurückzukehren, entwickelten sich die Dinge anders. Stattdessen blieb sie relativ lange bei Ella zu Hause und versucht, ihre Vorstellung von einer schönen Kindheit für ihre Tochter umzusetzen. Und da gibt es einiges, das „nur die Eltern leisten können“: „Was einem bei einem Kind wichtig ist, muss man selbst machen. Förderung etwa kann man nicht delegieren.“ Ella wächst zweisprachig auf – Polnisch und Deutsch –, bekommt viel von Kunst und Kultur mit – ohne dass eine gesunde Dosis Spielplatz vernachlässigt würde. In den Kindergarten ging sie erst mit drei. „Wir wollten, dass sie sauber ist, dass sie gehen und reden und sich auch wehren kann.“ Eine Entscheidung ganz im Sinne des Schweizer Kinderpsychologen Andrea Lanfranchi: „Wir wollten, dass unsere Kinder bereits laufen können – damit es ihnen wenigstens theoretisch möglich gewesen wäre davonzulaufen, falls ihnen irgendwas nicht gepasst hätte.“
Marina Seiwald (32, Name geändert) traf eine andere Entscheidung. Eine, mit der sie meistens im Reinen ist. Ihr Sohn Markus wurde bereits mit vier Monaten von der Oma betreut, mit 18 Monaten kam er dann in die Krippe. Markus ist ein besonders lebhaftes Kind, hat nicht sehr viel Sitzfleisch und neigt zu Gefühlsausbrüchen. „Mir ist aber die Begründung zu einfach, dass das auf seine Betreuungssituation zurückzuführen ist“, meint Marina Seiwald. „Viele Buben sind so, auch die, die ständig an der Mama kleben.“
„Absolute Größe Mutterliebe“. Seiwald hat mit dieser Einschätzung nicht ganz unrecht. Die Forschung ist sich zwar einig, dass „Mutterliebe eine absolute Größe ist“ (Lanfranchi) und „die Mutter eine ganz besondere und ganz besonders attraktive Figur für das Kind“ (Lieselotte Ahnert, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Uni Wien). Gleichzeitig kristallisiert sich aber auch ein differenzierteres Bild als bisher heraus, wie viel Mutter ein Kind tatsächlich braucht.
Erstens braucht das Kind vor allem eine „gute Mutter“ oder zumindest eine „good enough mother“ (eine Mutter, die gut genug ist). Funktioniert dieses Verhältnis nicht, kann eine liebevolle fremde Betreuungsperson wenigstens Defizite ausgleichen. Zweitens kommt es nicht unbedingt darauf an, wie viel Zeit eine Mutter mit ihrem Kind verbringt, sondern wie diese Zeit gestaltet ist. Gerade eine berufstätige Mutter, die ihr Kind in fremde Obhut gibt, muss darauf achten, dass sie die gemeinsame Zeit qualitativ hochwertig gestaltet. „Man soll nicht nach der Krippe oder dem Kindergarten noch zum Einkaufen rennen, sondern sich auf das Kind konzentrieren“, meint Lieselotte Ahnert.
Liebe allein reicht nicht. Drittens schafft es auch die beste Mutter nicht, wirklich alle Bedürfnisse ihres Kindes zu befriedigen. Denn ab dem 18.Lebensmonat steigt das Interesse der Kinder an sozialen Kontakten. „Liebe allein genügt nicht“, meint Andrea Lanfranchi in einem Interview mit dem Schweizer Familienmagazin „wir eltern“. „In der Krippe trifft das Kind auf eine komplexe Gemeinschaft. Es muss seinen Platz finden, es erlebt Brüche und Widersprüche. Solche Herausforderungen sind eine gute Vorbereitung für später.“
Viertens ist die Mutter-Kind-Bindung, die von der Forschung mittlerweile als zentrales Element für die weitere Entwicklung des Menschen, seiner sozialen Kompetenz und seiner Bindungsfähigkeit angesehen wird, recht belastbar. Eine amerikanische Langzeitstudie untersucht seit 1991 das Verhältnis zwischen Müttern und ihren Kindern vom Zeitpunkt der Geburt bis jetzt. Dabei werden regelmäßig die Mutter-Kind-Bindung getestet und auch die verschiedenen Betreuungserfahrungen des Kindes in Betracht gezogen. „Da wurde festgestellt, dass die Mutter-Kind-Bindung wirklich relativ unabhängig ist“, sagt Ahnert. „Früher wurde immer wieder gesagt, dass sich das Kind abgeschoben fühlen könnte und das vielleicht der Mutter anlastet. Das hat sich nicht bestätigt.“
Ergebnisoffen verläuft hingegen die Debatte, ob „Krippenkinder“ anders sind als Kinder, die länger bei der Mutter daheim sind. Laut dem Frühpädagogen Martin Textor konnten bisher keine größeren Unterschiede in der emotionalen oder Persönlichkeitsentwicklung festgestellt werden. In der kognitiven Entwicklung hingegen belegen viele Studien, dass „Krippenkinder“ oft weiter sind als jene, die zu Hause bleiben. Das gilt vor allem für Kinder aus Migranten- oder sozial benachteiligten Familien. Im Sozialverhalten der Kinder nennt Textor sowohl positive als auch negative Unterschiede: Fremdbetreute Kinder seien sozial kompetenter, selbstbewusster, durchsetzungsstärker, hilfsbereiter, kooperativer und offener; aber auch unhöflicher, unverträglicher, ungehorsamer, gereizter und aggressiver.
Keine schlüssige Antwort gibt es auch auf die Frage, ob es einen besonders guten – oder besonders schlechten – Zeitpunkt gibt, um Kinder einer dritten Person zu übergeben. In Frankreich oder Belgien findet man nichts dabei, Säuglinge bereits ab einem Alter von fünf Monaten in der „Crèche“ zu deponieren. Die Begründung ist, dass die Kinder in diesem Alter noch keine Scheu vor Fremden haben. Dennoch lassen Untersuchungen darauf schließen, dass fremdbetreute Säuglinge unter Umständen eine unsichere Bindung zu ihrer Mutter entwickeln können. Laut Lieselotte Ahnert gibt es auch heikle Zeitfenster, in denen der Übergang zur Fremdbetreuung nicht ratsam ist. Dazu zählt das Alter von acht Monaten – das „Fremdelalter“ –, wo das Bindungssystem insgesamt eine kritische Phase erreicht.
Tagesmutter für Kleinere. Die Entwicklungspsychologin plädiert dafür, Kinder unter 18 Monaten zu einer Tagesmutter zu geben. Voraussetzung: Die pädagogische Qualität muss stimmen und die Betreuerin die Bedürfnisse der Kinder kennen. Eine Tagesmutter hat weniger Kinder, muss die Aufmerksamkeit nicht so stark verteilen und ist eine permanente Betreuungsperson.
Als gut geeignet für den Eintritt in die Krippe gilt das Alter von 18 Monaten. Dem eineinhalbjährigen Johann vom Spielplatz war das offenbar nicht klar, das mit dem idealen Alter. Doch nicht immer ist alles so, wie es scheint. Denn eine Nachfrage ergab, dass seine „Rabenmutter“ an dem Tag mit 39 Grad Fieber im Bett lag, sich nicht um ihren Sohn kümmern konnte und ihn am Morgen noch putzmunter im Kindergarten abgegeben hatte. Dass er dort selbst krank wurde, leider aber warten musste, bis seine Tante ihn holen konnte, war wohl Pech.
Und eine Erinnerung, dass man sich in der heiklen Diskussion über Kinder und ihre Mütter vor allzu schnellen Schlüssen hüten sollte.