Auf den Gutenachtkuss folgt ein glückliches Kinderlächeln. So enden im Hause Heueck-Mauß auch konfliktbeladene Familientage in Liebe und Harmonie. Eines Abends ist alles anders: Cornelia, vier, drückt ihre Mutter von sich weg und sagt: „Mama, geh raus. Ich mag dich nicht mehr.“ Doris Heueck-Mauß verlässt das Zimmer. „Ich war so verletzt,“ sagt sie, „mir sind die Tränen übers Gesicht gelaufen.“
Die zweifache Mutter, Psychologin und Autorin von Erziehungsratgebern ist Expertin im Umgang mit kindlichen Emotionen. „Auch, wenn es nicht immer leicht ist“, sagt Heueck-Mauß, „sollte man Kritik von Kindern ernst, aber nicht wortwörtlich oder persönlich nehmen.“ Gespräche mit Eltern und ein Blick in Onlineforen zeigen, dass diese Reaktion den meisten Eltern theoretisch vollkommen klar ist – und dass viele Betroffene dennoch leiden. „Ich komme mir im Moment so überflüssig vor“, schreibt etwa „Olivia75“ im Forum von parents.at. „So kindisch es von mir ist – es kränkt mich: Mein Kind mag mich nicht mehr.“
Depressionen. Eine Schlussfolgerung, die weitreichende Folgen haben kann. Die vermeintliche Ablehnung durch die eigenen Kinder kann zu Depressionen, Stress, Burn-out-Syndromen oder Partnerschaftskonflikten führen. Dass Menschen, die sich ungeliebt fühlen, anfälliger für Krankheiten von Grippe bis Herzinfarkt sind, ist durch eine Vielzahl von Studien belegt. Auch der Beruf kann durch das per Liebesentzug angekratzte Selbstwertgefühl leiden. Natürlich hat es aber auch Folgen für die Kinder, wenn sich ihre Eltern von ihnen „schlecht behandelt“ fühlen. Welche Dimensionen das annehmen kann, weiß Belinda Mikosz, Leiterin des psychologischen Dienstes der Mag elf Wien. „Eine Mutter war völlig verzweifelt, weil sie sich von ihrer zweijährigen Tochter ausgelacht gefühlt hat“, erzählt Mikosz. Die Frau habe ihr Kind deshalb angeschrien und bestraft. „Dabei wollte es die Mutter natürlich nicht auslachen, sondern hat versucht, sie positiv zu stimmen.“ Ein extremes Beispiel für die falsche Interpretation kindlichen Verhaltens.
„Besonders Eltern, die sich lange auf ein Kind gefreut haben, generell viel hinterfragen und zum Perfektionismus neigen, nehmen es oft persönlich, wenn die Kleinen Verhaltensweisen zeigen, die als Ablehnung interpretiert werden können“, erklärt Doris Heueck-Mauß. Enttäuschte Erwartungen, gekränkte Eitelkeit und Eifersucht auf den im Moment beim Kind beliebteren Partner können das Gefühlschaos weiter verstärken. Wie kann man es überwinden? „Wenn ich nur unglücklich und gekränkt bin, verhalte ich mich passiv, und nichts ändert sich“, sagt Christiane Laszlo vom Institut für europäische Glücksforschung. „Man muss handeln.“ „Aber ohne zu fragen: Warum magst du mich nicht“, betont Heueck-Mauß. Stattdessen solle man Ursachenforschung betreiben und den Motiven für die vermeintliche Ablehnung auf den Grund gehen. Dabei offenbaren sich häufig Probleme der Kinder, eigene Troubles oder suboptimale Erziehungsmethoden.
Neben altersspezifischen Auslösern wie Trotzphase, Ödipuskonflikt oder Pubertät sorgen nämlich auch hausgemachte Gründe dafür, dass Kinder einem Elternteil die kalte Schulter zeigen. Die Kids können sich vernachlässigt oder benachteiligt fühlen, eifersüchtig auf ein Geschwisterchen sein, durch häufige Kritik verunsichert sein. Wenn Eltern zu streng oder gestresst und überlastet sind, geht der Nachwuchs ebenfalls auf Distanz. Auch Konflikte zwischen Mutter und Vater führen häufig zu einem unterkühlten Verhalten der Kinder. „Eine Familie ist wie ein Mobile“, sagt Heueck-Mauß. „Wenn ich einen Teil berühre, bewegen sich auch alle anderen.“
Rollenverteilung. Oft liegt es auch an der Rollenverteilung, dass Kinder in bestimmten Situationen einen Elternteil bevorzugen und auf den anderen vergleichsweise ablehnend reagieren. Bewältigt beispielsweise die Mutter mit dem Kind den Alltag, ist sie auch bei Krankheiten oder in Krisenzeiten (Schulprobleme, Liebeskummer etc.) die erste Ansprechperson. Der Vater, in dieser Familienkonstellation hauptsächlich für Spiel und Spaß zuständig, ist dafür am Wochenende heiß begehrt.
Fühlt sich ein Kind vernachlässigt oder ist eifersüchtig, helfen altersadäquate Erklärungen – etwa, dass man im Moment weniger Zeit hat, weil in der Arbeit viel zu tun ist – und kleine Aufmerksamkeiten. „Eltern sollten echtes Interesse zeigen, aber keinesfalls um die Gunst des Kindes buhlen oder sie erkaufen wollen“, warnt Maria Neuberger-Schmidt, Obfrau des Vereins Elternwerkstatt. „Nur dann können die liebevollen Gefühle authentisch in beide Richtungen fließen.“