Eigentlich dachte die junge Mutter, sie wäre früh dran, als sie ihren vier Monate alten Sohn schon jetzt in einer privaten Kinderkrippe anmelden wollte. Für 2011, wenn er zwei Jahre alt sein wird. Nur: Für 2011 gibt es keine Plätze mehr, die Warteliste ist ellenlang. Weitere Anfragen in anderen privaten und öffentlichen Kindergärten blieben auch erfolglos. „Aus vielen Kindergärten hieß es, dass freie Plätze für Geschwisterkinder reserviert sind. Das ist aber eine gängige Ausrede“, sagt die Mutter, „man muss intervenieren, bei privaten sowie öffentlichen.“
Seit der Einführung des Gratiskindergartens in Wien in diesem Herbst hat sich der Platzmangel in den Kinderbetreuungsstätten weiter verschärft. Vor allem Kleinkinder bleiben auf der Strecke, die Wartezeit für einen Krippenplatz beträgt in vielen privaten Einrichtungen – in den städtischen werden gar keine Wartelisten geführt – schon zwei bis drei Jahre. „Durch den beitragsfreien Kindergarten wurden Plätze, die für Säuglinge und Kleinkinder reserviert waren, an über Dreijährige vergeben“, sagt Heidemarie Lex-Nalis, Kindergarten- und Hortpädagogin und Mitglied der Bildungsplattform EduCare. Der Ansturm hätte anders nicht bewältigt werden können, so Lex-Nalis.
Mittlerweile sei die Wartezeit für Krippenplätze so lang, sagt Waltraud Aschenbrenner, Leiterin des St.-Marien-Kindergartens in Mariahilf, dass sie empfiehlt, das Kind bereits in der Schwangerschaft anzumelden. In ihrem Kindergarten gibt es erst für den Herbst 2012 wieder freie Plätze.
„Lage wird sich verschärfen“
Ähnlich ist die Lage in den privat geführten „Kiwi“-Kindergärten, die wienweit 4400 Kinder betreuen. „Unsere Wartelisten sind immer voll. Wir bekommen fast täglich Anfragen von verzweifelten Eltern, die dringend einen Platz suchen“, sagt Geschäftsführerin Monika Riha, Vor allem in Bezirken, in denen viele Jungfamilien wohnen (etwa im 22. und 23. Bezirk), übertreffe die Nachfrage das Angebot „um ein Zigfaches“. In einem „Kiwi“-Kindergarten gab es für 14 freie Plätze über 100 Anmeldungen. Und die Situation, sagt Riha, „wird sich weiter verschärfen“. Zum einen, weil ab Herbst 2010 das verpflichtende Kindergartenjahr für Fünfjährige startet und daher noch mehr Plätze für ältere Kinder benötigt werden dürften. Zum anderen, weil durch die Einführung des einkommensabhängigen Kindergeldes (ab 2010) noch mehr Krippenplätze gebraucht werden. Denn diese Kindergeldvariante endet nach zwölf oder 14 Monaten (wenn sie von beiden Elternteilen in Anspruch genommen wird), der Bedarf an Betreuungsplätzen für ganz Kleine dürfte also steigen.
Auch bei den Kinderfreunden, die in Wien 3000 Kinder unter drei Jahren betreuen, „war die Nachfrage heuer aufgrund des beitragsfreien Kindergartens größer als sonst“, so Geschäftsführer Christian Morawek. Durch den Ausbau des Angebots gebe es aber „durchaus noch da und dort“ freie Plätze.
Vor dem Gratiskindergarten sei die Lage besser gewesen, sagt Pädagogin Lex-Nalis. Die „Barcelona-Ziele“ – der EU-weite Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen – wurden in Wien fast erfüllt. Diese sehen vor, bis 2010 Kinderbetreuungsplätze für ein Drittel der unter Dreijährigen zu schaffen. Wien war mit 29 Prozent nahe dran. „Aber seit diesem Herbst ist die Quote sicher gefallen“, sagt Lex-Nalis.
Auch in der Steiermark musste man im Vorjahr einen Ansturm verkraften, als der kostenlose Kindergarten eingeführt wurde. Vor allem in den Ganztageskindergärten war die Nachfrage enorm, allein in Graz waren es um 230Anmeldungen mehr. Insgesamt waren zuletzt sechs Prozent aller Kinder bis sechs Jahre auf einer Warteliste. Das Fehlen von knapp über 300 Krippenplätzen soll schrittweise behoben werden. So wird bei der Gemeinderatssitzung heute, Donnerstag, die Einrichtung von neun neuen Krippengruppen beschlossen.
Aktionstag am Samstag
Österreichweit werden 18.000 Kinder unter drei Jahren betreut. Dazu kommt, dass sich in altersgemischten Kindergärten auch Kleinkinder befinden, „die sind allerdings statistisch nicht erfasst“, so Lex-Nalis.
Problematisch sei auch, dass es bundesweit keine einheitlichen Institute geben würde. „Kinderkrippen, Spielgruppen, Horte – das alles ist in den Ländern anders geregelt“, sagt Raphaela Keller, Sprecherin des Dachverbandes der Kindergarten- und Hortpädagoginnen (ÖDKH). Der Verband fordert daher ein einheitliches Bundesrahmengesetz. In einem für diesen Samstag geplanten Aktionstag mit einer Kundgebung auf dem Sigmund-Freud-Platz in Wien will der ÖDKH auf Personalmangel und Platzprobleme aufmerksam machen. „Mehr Fachkräfte können rekrutiert werden, wenn die Bezahlung besser wäre“, sagt Keller. „Die Personalsituation ist eng, das ist kein Geheimnis“, gesteht auch Wiens Bildungsstadtrat Christian Oxonitsch (siehe unten).
Die Mutter des vier Monate alten Buben hat übrigens doch noch einen Platz bekommen – mithilfe des Vereins „Kinderdrehscheibe“.
