Die Presse: Was ist so besonders an Ihrer Art zu lehren, dass Sie im Jahr 2010 zum „Professor of the Year“ in den USA gewählt wurden?
John Zubizarreta: Ich versuche immer mich für meine Studenten zu interessieren – als Individuen und nicht als Kunden, die durch meine Klassen kommen. Ich fühle mich wohl dabei, vor vielen Menschen zu sprechen. Und ich versuche stets, das Publikum miteinzubeziehen und zu aktivieren. Die Leute müssen sich bei mir einbringen, nur zuhören reicht nicht aus. Irgendwann im Laufe meiner 30-jährigen Karriere habe ich dann angefangen, mich für die Entwicklung der universitären Lehre zu interessieren und aktiv daran zu arbeiten.
Teilen Sie den Eindruck, dass nach wie vor die Forschung ein höheres Prestige genießt als die Lehre?
Die weltweite Hochschullandschaft ist im Wandel begriffen. Einer der Paradigmenwechsel bezieht sich darauf, dass die Universitäten die große und spezielle Bedeutung von guter Lehre erkennen. Oft wird geglaubt, ein guter Forscher sei automatisch ein guter Lehrer – aber das stimmt nicht immer. Die Institutionen fangen an zu erkennen, dass wir – wenn wir die Standards für unsere Studenten heben und von ihnen erwarten, im komplexen 21.Jahrhundert zu funktionieren – lernen müssen, bessere Lehrer zu sein. Wir können nicht mehr einfach in den Hörsaal gehen, eine Ladung Information auf die Studenten ablassen und erwarten, dass sie damit etwas anfangen können. Wir müssen die Studierenden dabei unterstützen, dieses Wissen zu nutzen und zu vernetzen. Das heißt nicht, dass Forschung nicht wichtig wäre, aber die Lehre muss zumindest gleichgestellt sein.
Aber für das Fortkommen einer wissenschaftlichen Karriere zählt die Forschung immer mehr als die Lehre.
Das stimmt. Aber weil wir uns im Wechsel befinden, sitzen viele Universitätsmitarbeiter in der Klemme. Sie arbeiten an Institutionen, die sagen, dass sie die Lehre wertschätzen. Aber was in Wirklichkeit belohnt wird, ist die Forschung. Und das führt so weit, dass man Probleme bekommt, wenn man ein guter Professor ist. Dir wird gesagt, dass du forschen musst, dass du Papers schreiben musst, um Drittmittel einzuwerben. Wer sich zu sehr auf die Lehre konzentriert, bringt seine Karriere in Gefahr. Das ist eine Tragödie.
Ein weiteres Problem ist, dass – zumindest in Österreich – praktisch keinerlei didaktische Ausbildung notwendig ist, um an der Uni zu lehren. Fänden Sie eine verpflichtende Ausbildung notwendig?
Das ist nicht nur in Österreich so, das ist überall zu wenig verankert. Der Großteil jener Leute, die an Universitäten unterrichten, haben nie irgendeine Vorbereitung dafür erhalten. Alles, was sie gelernt haben, ist Inhalte zu generieren und zu forschen. Das verändert sich im Moment stark. In den USA verlangen Graduiertenstudiengänge von den Studierenden, bereits Erfahrung im Bereich der Lehre zu haben. Sie verlangen Lehrportfolios, in denen die Studierenden ihre Philosophie vom Unterrichten und der Lehre artikulieren müssen. Für PhD-Kandidaten wird es immer wichtiger, solche Portfolios vorweisen zu können. Das ist ein exzellenter Schritt in die richtige Richtung.
Welche Rolle werden die Möglichkeiten, die das Internet bietet, in der Zukunft der Lehre spielen?
Das ist die 20-Millionen-Dollar-Frage. In den USA boomen derzeit die profitorientierten Online-Universitäten. Sie werden immer mehr. Dort kann ein Student einen Abschluss erlangen, ohne jemals in einem Hörsaal gewesen zu sein. Ich glaube allerdings, der persönliche Kontakt zwischen Lehrenden und Studierenden ist sehr wichtig. Ich bin sicher kein Technikhasser. Aber ich glaube, keine Technik der Welt kann diesen Kontakt ersetzen.
Welche Bildungsphilosophie steckt hinter solchen Online-Universitäten?
Ein Großteil ist getrieben von ökonomischen Gesichtspunkten. Die Auffassung, die hier vorherrscht, ist jene, dass die Bewegung hin zu einer Online-Lernumgebung Geld spart. Ich bin davon nicht überzeugt, aber so wird tatsächlich argumentiert. Die Studenten können 24Stunden am Tag Lernen, sie sind örtlich flexibel, sie können Arbeit und Freizeit besser abstimmen, die ganze Infrastruktur ist billiger und noch vieles mehr. Einige dieser Argumente sind natürlich richtig, aber mich werden sie dennoch nie überzeugen. Ich bin „old school“, was das betrifft.
Sie selbst betreiben „Mischformen“. Darüber haben Sie dieser Tage bei der „Improving University Teaching“-Konferenz in Innsbruck referiert.
Ich glaube natürlich, dass Internet und Social Media künftig eine immer stärkere Rolle in der Lehre spielen werden. Ich selbst nutze etwa Online-Foren dazu, um mit den Studierenden nicht nur zu reflektieren, was sie lernen, sondern vor allem, wie sie lernen. Das ist manchmal wichtiger als der Inhalt. Denn selbst wenn sich der Inhalt nach einiger Zeit verflüchtigt – der Lernprozess und die Erkenntnis bleiben.
