Die Presse: Kritiker des Bologna-Prozesses behaupten, dass mit diesem die humboldtsche Universität zu Grabe getragen wurde. Ist das ein berechtigter Vorwurf?
Mitchell Ash: Nein. Humboldt war schon tot. Wenn es der politischen Polemik dienlich ist, kann man ihn gern zum dritten, vierten oder fünften Mal begraben, aber den Fakten entspricht diese Behauptung nicht. Die Massenuniversität hat Humboldt schon immer widersprochen. Die komplette Lernfreiheit ist dort niemals realisierbar gewesen. Durch Bologna wird die Massen-Uni nun endlich akzeptiert.
Haben die österreichischen Unis dem humboldtschen Gedanken jemals vollständig entsprochen?
Man kann durchaus die Frage stellen, ob das deutsche Modell jemals vollständig nach Österreich importiert wurde. Ich will und kann diese Forschungsfrage noch nicht beantworten.
Der Bologna-Prozess und die damit verbundene Umstellung auf ein Bachelor- und Mastersystem hat die von Ihnen angesprochene humboldtsche Lernfreiheit in vielen Fällen weiterbeschränkt.
Das Problem mit Bologna hat mit Humboldt in Wirklichkeit nur wenig zu tun. Bologna trägt nur dem Faktum Rechnung, dass die modernen Unis zumeist Massen-Unis sind. Das Gros der Studierenden hat ein strukturiertes Curriculum bekommen, das sie ohnehin gewollt haben. Jetzt besteht die Chance, darüber nachzudenken, was der Bachelor eigentlich sein soll.
Wie soll der Bachelor ausgestaltet sein?
Derzeit sind die Curricula überfrachtet. Es ist nicht genug Platz, um zu schnüffeln, zu reflektieren, zu experimentieren. In der Studieneingangsphase sollte es nicht nur enge Facheinführungen geben, sondern auch transdiziplinäre Reflexionsangebote. Dabei soll es um Dinge gehen, die nicht fachbezogen sind, die aber zum Denken anregen.
Wie lange sollten Studenten herumschnüffeln dürfen?
Über den sechssemestrigen Bachelor sollte man diskutieren. Diese Dauer wurde von niemandem vorgegeben, das hat ausschließlich finanzielle Gründe. Festgelegt ist nur eine Mindestdauer von sechs Semestern.
Eine längere Studiendauer bringt auch höhere Kosten mit sich.
Wenn man aus Kostengründen eine Verfachhochschulung des Studiums haben will, dann soll man nicht überrascht sein, wenn die Beschäftigungsfähigkeit nicht gegeben ist. Ein längeres Studium würde zu einer erhöhten Qualität der Abschlüsse führen und diese lässt sich auf dem Markt wahrscheinlich besser unterbringen als eine zu enge Fachausbildung.
Eine zunehmende Orientierung der Bachelorabschlüsse an der Wirtschaft ist also nicht zielführend?
Das kommt auf die Berufszweige an. Der ursprüngliche Bologna-Gedanke sah nicht vor, dass alle Bachelorstudien berufsqualifizierend sind. Gedacht wurde daran, dass Bachelorabsolventen in die Wirtschaft gehen und in den Betrieben herausgearbeitet wird, welche Weiterbildung sie benötigen. Je nachdem kann dann ein Masterstudium angeschlossen werden. Die Österreicher denken da viel zu rigid.
Für die Geisteswissenschaften ist dieses Konzept aber unbrauchbar.
Dafür ist das Modell tatsächlich nicht richtig. Die Uni muss eine Vielfalt an Möglichkeiten anbieten.
Sie haben in Ihrem Vortrag beim Sommerdiskurs der Uni Wien gemeint, dass Hochschulen gleichzeitig Elite- und Masseninstitutionen sein können. Wie soll das funktionieren?
Ich warne vor dem „Entweder-oder“. Es soll möglich sein, dass sich Unis verschiedene Zielsetzungen aussuchen. Diese Vielfalt ist für ein kleines Land nicht einfach finanzier- und denkbar. Ich möchte einen Vergleich mit ähnlich großen US-amerikanischen Bundesstaaten machen. Sie haben alle Systeme von staatlich finanzierten Universitäten. Das heißt, es gibt eine sogenannte Flagship University – in Österreich wäre das die Uni Wien – und eine technisch orientierte Uni – das wäre die TU Wien; beide richtet man auf die Spitzenforschung aus. Man finanziert ihnen eine Infrastruktur, die es ermöglicht, vermehrt Drittmittel einzuwerben. Dies soll ihnen dabei helfen, international bekannt zu werden. Das macht man nicht im gleichen Maß für alle Unis. Dadurch hört man auf, von der Universität zu reden, als wären sie alle nach demselben Muster gestrickt.
Damit würde sich eine Zweiklassengesellschaft bilden. Es gäbe die Top-Unis und den Rest.
Das ist in Österreich längst Faktum. Man würde es nur nicht sagen.
Von welchen Unis sprechen Sie?
Alle wissen, welche Unis gemeint sind, das muss nicht gesagt werden. Den Begriff Zweiklassengesellschaft finde ich nicht klug formuliert. Denn man hat die Wahl. Entweder hat man die Leute, die gut sind und Drittmittel einwerben, oder man hat stattdessen gleiches Mittelmaß für alle. Will man das wirklich? Ich glaube nicht, dass das gewünscht ist.
