Nachdem die Studentenproteste am Mittwoch mit einer Großdemonstration in Wien ihren bisherigen Höhepunkt erreicht haben, setzte die Politik am Donnerstag erstmals auf Verhandlungen. VP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn lehnt Gespräche über die Forderungen von "irgendwelchen Studentengruppen" aber ab und wird auch keine besetzten Hörsäle an der Universität Wien besuchen. Aber es gab Gespräche mit der Österreichischen Hochschülerschaft - alledings ohne Ergebnis.
Kontakt gab es heute trotzdem mit unzufriedenen Studenten: Hahn ist bei der Eröffnung des neuen Technologiezentrums der Boku von Demonstranten empfangen worden.

Die ÖH, die bisher eher die Rolle des Zuschauers einnahm, hatte kurz vor dem Treffen noch einmal bekräftigt, auf welcher Seite sie steht. "Hahn kann die Protestierenden nicht weiter ignorieren und soll sich den Demonstranten im Audimax endlich stellen", forderte Thomas Wallerberger vom Vorsitzteam der ÖH. Bei dem Treffen mit dem Wissenschaftsminister habe es sich auch "lediglich um ein Gespräch, nicht um Verhandlungen" gehandelt, betonte ÖH-Chafin Sigrid Maurer.
Professionelle Verhandlungen mit den Besatzern wären ohnehin schwierig: Sie tun sich schwer damit zu formulieren, wie man ihnen den Abzug schmackhaft machen könnte. Das Problem ist die Menge an unterschiedlichen Vorstellungen, die basisdemokratisch in Endlosdebatten münden.
Uni Wien verhandlungsbereit
Trotzdem zeigt sich heute die Leitung der Universität Wien zu Gesprächen mit Vertretern der Besetzer des Audimax bereit - unter der "Voraussetzung, dass das ÖH-Vorsitzendenteam der Universität Wien, das laufend mit uns in Kontakt steht, aktiv mitwirkt und die Vorbereitung des Gesprächs übernimmt", heißt es in einem gemeinsamen Schreiben von Rektor Georg Winckler, Uni-Rats-Vorsitzendem Max Kothbauer und Senats-Vorsitzendem Helmut Fuchs an die "Sehr geehrten Vertreterinnen und Vertreter des Plenums".
Gleichzeitig weist die Uni-Leitung darauf hin, dass die Anliegen der Besetzer "Antworten der für die Politik in Österreich Verantwortlichen erfordern".
ÖGB-Vizepräsidentin besuchte Audimax
Am Donnerstag Nachmittag erhielten die Besetzer Besuch durch Vertreter des Österreichischen Gewerkschaftsbunds (ÖGB). Vizepräsidentin Sabine Oberhauser (SP) und Jugendfunktionär Jürgen Michlmayr machten sich im Audimax der Hauptuni selbst ein Bild von der Situation, zuvor hatte man im ÖGB eine Solidaritätsbekundung verabschiedet.
"Haltet durch, solidarisiert euch untereinander", motivierte Oberhauser in einer kurzen Ansprache die Studenten, wofür sie Jubel und Applaus erntete. Die ÖGB-Vizepräsidentin betonte, dass die Besetzer des Audimax "ein Vorbild für das, was jeder einzelne Mensch machen kann", seien. Und weiter: "Wir können zeigen, was geht, wenn die Macht vom Volke ausgeht."
Faymann äußert "viel Verständnis"
SP-Bundeskanzler Werner Faymann hat Minister Hahn aufgefordert, er solle "so rasch wie möglich mit den Studierenden eine konstruktive Basis aufbauen und die Dialogbereitschaft der Regierung beweisen", wie er sagt. Er habe "viel Verständnis für die Anliegen der Studierenden". Auf eines könnten sich die Studierenden in Österreich "auf jeden Fall verlassen", so Faymann: "Die Studiengebühren werden nicht wieder eingeführt. Ich stehe zu meinem Wort."
Hörsaal im Alten AKH besetzt
Die Protest-Besetzungen gehen derweil weiter. Nach dem Audimax haben Studenten in der Nacht auf Donnerstag auch den Hörsaal C1 am Wiener Uni-Campus im Alten AKH besetzt. Dabei handelt es sich um Studenten vor allem geistes-wissenschaftlicher Studienrichtungen wie etwa Romanistik, Politikwissenschaft oder Internationale Entwicklung, die am Campus beheimatet sind. Nach Angaben der Uni Wien seien derzeit 70 bis 80 Personen im C1, die Besetzer sprechen von ca. 300. Diese sind größtenteils vom Audimax herübergewechselt, um "ihre" Räumlichkeiten nutzen zu können.
Die Studenten haben sich jedenfalls aufs Bleiben eingerichtet, so eine Besetzerin. Derzeit sei man damit beschäftigt, ähnlich wie im Audimax eine "Volksküche" aufzubauen. Der C1 ist der größte Hörsaal am Uni-Campus. Die Uni Wien will das Gespräch mit den Studenten suchen, derzeit rede ein Dekan mit den Besetzern, so eine Sprecherin. Es seien auch zahlreiche Studenten vor Ort, die auf eine Lehrveranstaltung im C1 warten.
Am Mittwoch zogen über zehntausend Wiener Studenten durch die Wiener Innenstadt, der Ring wurde danach zur "Partyzone". Es vermischten sich konkrete Bildungskritik und gesellschaftspolitische Proteste.

Weiter Vorlesungen im Austria Center
Die im Audimax angesetzten Vorlesungen werden am Freitag wieder im Austria Center Vienna in Wien-Donaustadt abgehalten. Selbst wenn die Besetzer abziehen würden, dauert es einige Zeit, bis der Hörsaal wieder für den Vorlesungsbetrieb tauglich gemacht werden kann.