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Die Mühen einer Audimax-Besetzung

06.11.2009 | 18:11 | BETTINA STEINER (Die Presse)

Bei den Protestierenden treten langsam erste Ermüdungserscheinungen auf.

WIEN. Es beginnt pünktlich. Das Plenum nämlich – ein tägliches Treffen im Audimax, bei dem die Arbeit verteilt, diskutiert und das weitere Vorgehen besprochen wird. Seit mehr als zwei Wochen, als Studenten das Audimax der Uni Wien besetzten, läuft das nun schon so.

Zum Auftakt sprechen Vertreter der Arbeitsgemeinschaften (AG): Die AG Volksküche braucht Mitarbeiter, die AG Entradikalisierung bittet darum, jeden „ideologischen Subtext“ zu vermeiden. Die AG Presse sucht Studierende, die bei einer Podiumsdiskussion mitwirken wollen. Wer mag, der darf. So salopp werden hier die Aufgaben verteilt. Aber es klappt. Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte: Die Stimmung ist schon besser gewesen. Die Studenten im Saal wirken gelangweilt, jene am Podium etwas gereizt, vor allem als sich zunächst kein Freiwilliger findet, der das Mikrofon betreut: „Kommt jetzt eine Person von oben?“, fragt der junge Mann mit blonden Dreadlocks ungeduldig. Nach zwei Wochen Streik erleben die Studenten die Mühen der Ebene. Dabei haben sie schon etwas erreicht: Wissenschaftsminister Hahn hat versprochen, Geld lockerzumachen, nicht viel, aber immerhin. Kanzler Faymann hat verstanden, dass er mit seinen Zugangsbeschränkungen auch keinen Stich macht. Und noch wichtiger: Die Öffentlichkeit diskutiert.

 

Probleme mit sich selbst

Nein, was die Studenten frustriert, hat nur wenig mit dem Erreichten zu tun. Mehr mit ihnen selbst. Auf der Uni hat sich in den letzten zwei Wochen eine kleine Parallelgesellschaft gebildet. Die Studierenden arbeiten, essen, schlafen, feiern und entscheiden gemeinsam. Und wie sie essen, feiern, schlafen, arbeiten und entscheiden, ist nichts weniger als der Versuch, eine Utopie zu verwirklichen. Dabei stoßen sie immer wieder an ihre Grenzen.

Da gibt es eine AG Müllentsorgung, die offiziell gar nicht existiert, weil offiziell jeder Student seinen eigenen Müll wegräumen soll. Was aber nicht klappt, weshalb dann doch eine Studentin mit Müllsack durch die Reihen geht. Da gibt es Möchtegern-Dutschkes. Eine Frau vom „Frauen, Lesben Inter Trans Raum“ moniert etwa, dass sich sexistische Bemerkungen häufen.

Die Basisdemokratie hat ihre Tücken: Sie bedeutet etwa, dass fast eine Stunde lang darüber diskutiert werden muss, ob die Sendung „Willkommen Österreich“ im Audimax gedreht werden darf. Ob man denn die Witze vorher sehen könnte, will einer wissen. Andere Debatten betreffen die Toiletten: Soll man sie ausschildern für jene, die den Weg nicht finden? Oder weiß das eh jeder – und manche pinkeln nur aus Faulheit in den Arkadenhof?

Klingt lächerlich. Soll es nicht sein. Die Studenten proben den Aufstand, aber da es für Aufstände keine Blaupause gibt, müssen sie alles neu erfinden: Wie organisiert man ein Plenum? Wie wird abgestimmt? Was macht man mit Randalierern, wenn man keine Autoritäten rufen will? Wie verhindert man, dass Fraktionen die Kontrolle an sich reißen?

Nach drei Stunden Plenum ist die Stimmung im Saal gestiegen. Da erzählt eine Studentin mit einem überdimensionierten Hut begeistert von Aktionen auf dem Urban-Loritz-Platz. Eine Studentin erhält für ihr Vorhaben, Postkarten zu gestalten, Applaus: „Wenn man verreist, schreibt man ja auch eine Karte an die Oma.“

 

Selbstkritik und Kinoabend

Ein Moderator berichtet, dass das iranische Staatsfernsehen drehen will und schlägt vor, die Studierenden sollten am kommenden Tag in Grün erscheinen, der Farbe der Opposition.Je später der Abend, desto voller der Saal. Trotzdem: Die AG Abendgestaltung übt Selbstkritik: Hin und wieder wollen sie jetzt einen ruhigen Kinoabend einlegen. Siehe auch Seite 4


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