„Die Presse“: Die protestierenden Studenten sind vor Kurzem direkt vor das Haus der Industrie gezogen. Liegt da eine nicht studentenfreundliche Positionierung der Industriellenvereinigung vor?
Gerhard Riemer: Erstens ist es das gute Recht der Studenten zu protestieren, wo immer sie glauben. Zum anderen ist es leider so, dass die Forderungen der Studentenschaft sehr unpräzise sind. Und drittens könnte ich mir schon vorstellen, dass es gar keine Alternative für die IV gibt, als für einen international wettbewerbsfähigen Hochschulstandort mit den besten Köpfen zu argumentieren.
Die IV tritt für die beste Ausbildung ein, die Studentenforderung lautet: „Bildung statt Ausbildung.“
Riemer: Das ist auf den ersten Blick kein Gegensatz. Denn auf der einen Seite braucht eine dynamische internationale Entwicklung einer Gesellschaft und Wirtschaft flexible, geistig wendige junge Menschen und Mitarbeiter. Zum anderen erwarten sich immer mehr junge Leute auch eine verwendbare und verwertbare Qualifikation, daher auch etwas Ausbildung. Das fordern sie auch ein. Daher ist das Abwägen zwischen Bildung und Ausbildung eine echte Aufgabe der universitären Curricula.
Mit dem Bologna-System und dem Bachelorstudium kam es tatsächlich zu einem Mehr an Verschulung.
Riemer: Ich glaube, dass das Bologna-System und der Bachelor in dieser Form vielleicht nicht optimal gelungen sind. Manchmal kann das ein Zurück an den Start bedeuten. Um ein Beispiel zu nennen: Es darf nicht sein, dass einzelne Unis den Bachelor ganz einfach als Titel nach dem ersten Studienabschnitt angesiedelt haben. Das ist weder im Interesse noch im Sinn der ganzen Reform.
Die Forderung nach einer höheren Budgetierung der Universitäten ist aber wohl berechtigt.
Riemer: Es ist richtig, dass es die Politik seit vielen, vielen Jahren, versäumt hat, politische Entscheidungen zu treffen – was es nämlich bedeutet, wenn mehr junge Menschen, was auch wir wollen, an die Universitäten gehen und dort auch fertig werden sollen. Da braucht man eben ein Mehr an Budget und Innovation. Es ist auch, zweitens, richtig, dass mehr junge Leute an Universitäten und Hochschulen gehen, die Aufgabenstellung an diese Einrichtungen größer werden und höhere Qualität gefordert wird. Da braucht man insgesamt mehr Geld.
Und das wird im erforderlichen Ausmaß nicht bereitgestellt.
Riemer: Auf der einen Seite ist das leider so, auf der anderen Seite aber kommt die Diskussion gerade zur Unzeit. Es gilt, Budgetdefizite von unglaublichem Ausmaß langsam abzubauen, gleichzeitig ist es richtig, dass wir für die Zukunftspolitik einfach mehr Mittel für die Unis brauchen, um bessere Qualität in Wissenschaft und Forschung erreichen zu können. Aber auch der universitäre Sektor kommt nicht umhin, die Effizienzfrage zu stellen, nachzuschärfen, wie da und dort der Mitteleinsatz erfolgt...
...der nicht immer ideal ist.
Riemer: Der auf keinen Fall ideal ist. Man ruft zuerst sehr gern nach Geld; nachher schaut man, ob man nicht das eine oder andere besser machen kann.
Haben Sie nach fast zwei Monaten noch Verständnis für die Proteste?
Riemer: Nein, überhaupt nicht. Die Universitäten werden aus öffentlichen Mitteln von den Steuerzahlern finanziert, es geht nicht an, dass einige kleine Gruppen die Unis in Geiselhaft nehmen.
Minister Hahn hat am 25.November einen Hochschuldialog abgehalten. Kann dieser etwas bewirken?
Riemer: Der Hochschuldialog ist eine der wichtigsten Weichenstellungen, er war dringend überfällig. Wir wünschen dem nächsten Minister, der Ministerin viel Erfolg.
