diepresse.com

Textversion
Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur | Leben | Tech & Science | Sport | Bildung | Gesundheit | Rechtspanorama | Spectrum      Vollansicht

Artikel drucken

GERD quält sehr viele Österreicher

12.10.2008 | 18:26 | CLAUDIA RICHTER (Die Presse)

Die gastro-ösophageale Reflux-Krankheit kann Sodbrennen auslösen, aber auch Speiseröhrenkrebs.

GERD plagt sehr viele Österreicher, verursacht Sodbrennen und artet immer wieder in Speiseröhrenkrebs aus. GERD, die gastroösophageale Reflux-Krankheit, wird im Volksmund häufig einfach mit Sodbrennen bezeichnet, weil es eines der Leitsymptome ist, das aber keineswegs immer vorhanden sein muss. Für diese chronische Krankheit, an der mindestens 30 Prozent der erwachsenen Bevölkerung leiden, fordern Experten neuerdings eine Screening-Untersuchung.

„Damit wollen wir die Zahl der Krebserkrankungen senken“, vermerkt Univ.-Prof. Dr. Franz Martin Riegler von der Wiener Universitätsklinik für Chirurgie, Laboratorium für chirurgische Funktionsdiagnostik. Auf dessen Initiative wurde unlängst ein „GERD Center of Excellence“ gegründet, eine interdisziplinäre Plattform für das Management der Reflux-Krankheit und für Krebsvorsorge. Derzeit gibt es in Österreich rund 300 Fälle von Speiseröhrenkrebs jährlich, Tendenz steigend.

 

Brennen in der Herzgegend

Ursache der Reflux-Krankheit: Der Schließmuskel am Übergang zwischen Magen und Speiseröhre (Ösophagus) funktioniert nicht mehr einwandfrei (ein Grund dafür ist regelmäßiges Überessen), Magensäure, mitunter auch Gallensalze, fließen in die Speiseröhre, manchmal sogar in die Luftröhre zurück (Reflux). Ausgelöst werden kann dieser Reflux (bei bestehender Muskelschwäche) auch durch fettes Essen, Übergewicht, Rauchen, große Mahlzeiten am späten Abend.Der ständige Rückfluss der Magensäure kann zum oben erwähnten Sodbrennen führen, auch Schluckstörungen, saures Aufstoßen, Oberbauch- und Magenschmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Speiseröhrenentzündung (= Reflux-Ösophagitis), Hustenanfälle und Heiserkeit oder Brennen in der Herzgegend können die Folgen sein.

„Zudem wird häufig auch die gesunde Schleimhaut der Speiseröhre zerstört und in eine magen-artige Schleimhaut umgewandelt“, berichtet Riegler. Die erste Stufe dieser Umwandlung nennt man Kardia-Schleimhaut, die zweite Barrett-Ösophagus. „0,5 Prozent aller Patienten mit Barrett-Ösophagus entwickeln innerhalb eines Jahres ein Speiseröhrenkarzinom. Das bedeutet, dass eine von zehn betroffenen Personen in 20 Jahren einen solchen Krebs bekommen kann“, sagt Riegler.

Was ihn und seine Kollegen alarmiert habe: „15 Prozent all jener, die keinerlei Anzeichen einer Reflux-Krankheit zeigten und die sich nur aus Sicherheitsgründen untersuchen ließen, hatten ein Barrett-Ösophagus. Die spüren lange gar nichts und merken oft erst dann etwas, wenn der Tumor so groß ist, dass sie nicht mehr schlucken können.“

Daher fordern er und andere Experten eine entsprechende Screening-Untersuchung zur Vorsorge. „Und zwar eine Speiseröhrenspiegelung mit Entnahme kleiner Gewebeprobe aus der Speiseröhre. Meist werden bei einer Gastroskopie, die wegen Sodbrennen durchgeführt wird, nur Biopsien aus dem Magen entnommen und so der Barett-Ösophagus übersehen.“

 

Weltweit erste Studie

Nächstes Jahr wird das Wiener GERD Center of Excellence eine Studie starten, die weltweit erstmals die Häufigkeit von Barrett-Ösophagus in der Normalbevölkerung untersucht. „Denn nur so kann man Risikopatienten herausfinden und entsprechend reagieren, um die Krebsentwicklung zu verhindern.“

Kann der Einzelne die Entstehung von Sodbrennen von vorneherein überhaupt verhindern oder zumindest die Symptome lindern? Zum Teil, denn die Zunahme der Reflux-Krankheit hängt auch mit der Zunahme des Körpergewichts zusammen. Abnehmen heißt also – im Falle von Übergewicht – die Devise. Und vielleicht etwas weniger Kaffee, weniger Weißwein, weniger kohlensäurehaltige Getränke und süße Speisen, keine Zigaretten, keine allzu großen und fetten Mahlzeiten, lieber häufiger und weniger essen und zum letzten Mal drei Stunden vor dem Schlafengehen.

 

Magen als Manschette

Hilfreich sind im Falle einer Reflux-Krankheit auch Medikamente: Sogenannte Protonen-Pumpen-Inhibitoren (PPI) hemmen die Säureproduktion des Magens und beseitigen damit bei vielen die Beschwerden. In etlichen Fällen hilft allerdings nur eine Operation.

„Mit einer sogenannten Fundoplicatio lässt sich der Ventilmechanismus des Schließmuskels zwischen Magen und Speiseröhre wiederherstellen“, erwähnt Univ.Prof. Dr. Karl Glaser, Vorstand der II. chirurgischen Abteilung am Wiener Wilhelminenspital.

Es wird dabei, sehr einfach und knapp erklärt, ein Teil des Magens wie eine Manschette um den untersten Abschnitt der Speiseröhre gelegt. Dies wird in vielen Fällen laparoskopisch gemacht, also mittels eines Eingriffes durch ganz kleine Löcher in der Bauchdecke. Neu ist eine endoskopische Behandlung, die in Österreich nur in wenigen Einrichtungen durchgeführt wird, unter anderem im Refluxzentrum des Wilhelminenspitals. Univ.-Prof. Dr. Michael Gschwantler, Gastroenterologe und Vorstand der 4. Internen Abteilung: „Dabei schluckt der Patient, wie bei einer Magenspiegelung auch, ein spezielles Gerät, in diesem Fall einen Plicator.“

Unter Sicht werden dann im Bereich des Schließmuskels ein bis zwei Nähte gesetzt. „So wird der Schließmuskel gerafft und wieder funktionstüchtig gemacht.“ Die Vorteile dieser Methode: kein Operationsrisiko, keine Narben.

 

Maßgeschneiderte Lösung

Allerdings eignet sich der endoskopische Eingriff nicht für alle Betroffenen. Vor allem für jene nicht, die bereits einen größeren Zwerchfellbruch aufweisen (ein Bruch des Zwerchfells ist bei Reflux-Patienten häufig vorhanden; Anm.). „Man wird von Fall zu Fall entscheiden und für jeden Patienten eine maßgeschneiderte Lösung finden müssen“, betont Gschwantler. Dazu aber sei eine medizinisch interdisziplinäre Zusammenarbeit förderlich und notwendig.

Faktbox


Home | Politik | Wirtschaft | Panorama | Kultur | Leben | Tech & Science | Sport | Bildung | Gesundheit | Rechtspanorama | Spectrum      Vollansicht

© DiePresse.com