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Mündige Patienten tun dem Gesundheitswesen gut

12.10.2008 | 18:26 | BARBARA URBAN (Die Presse)

Informierte Krebskranke steigern nicht nur ihre Überlebens-chance, sondern auch die Kosteneffektivität.

„Mündige Krebspatienten können die Kosteneffektivität im Gesundheitswesen steigern“, betonte der österreichische und international renommierte Marketingexperte Univ.-Prof. Dr. Reinhard Angelmar auf einem Workshop in Chicago.

Angelmar lebt seit Jahrzehnten in Frankreich und lehrt an einer der renommiertesten Wirtschaftsuniversitäten weltweit, der INSEAD Business School in Fontainebleau. Seinen Untersuchungen zufolge können informierte, mündige Krebspatienten die Kosteneffektivität im Gesundheitssystem eindeutig steigern.

 

Erhöhter Therapieerfolg

„Es beginnt schon bei der Prävention: Gut informierte Menschen können sich bewusst für einen gesünderen Lebensstil entscheiden und dadurch bereits präventiv etwas gegen Krebs unternehmen. Erkranken solche Menschen an Krebs, wird die Diagnose zumeist früher gestellt, da diese Menschen eher an Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen, Symptome besser deuten können und dadurch auch früher einen Arzt aufsuchen. Im Frühstadium diagnostizierter Krebs ist wesentlich besser behandelbar als fortgeschrittener.“

Bereits diagnostizierte Krebspatienten, die sich intensiv über ihre Krankheit und das diesbezügliche Behandlungsangebot informieren, steigern ihre Überlebenschance und Lebensqualität, meint Angelmar. Welche Ärzte, welche Klinik oder welches Krankenhaus hat die meiste Erfahrung und erzielt die besten Ergebnisse bei „meinem“ Krebs? Welche Form der Behandlung, welche zusätzlichen therapeutischen Maßnahmen weisen die besten Ergebnisse auf? Information kann den Behandlungserfolg positiv beeinflussen.

 

Schlechte werden zusperren

„Patienten, die selbst beziehungsweise gemeinsam mit dem Arzt entscheiden, weisen außerdem eine viel höhere Therapietreue auf und tragen somit maßgeblich zum Behandlungserfolg bei.“ Dadurch wird die Kosteneffektivität des vorhandenen Angebots gesteigert. Und: Je mehr Patienten sich informieren und darauf basierend ihre Entscheidungen treffen, desto mehr kommt das Prinzip des freien Marktes zum Tragen. „Gute Krankenhäuser werden prosperieren, schlechte werden zusperren müssen“, so der Marketingexperte. Und dies würde letztendlich unserem Gesundheitssystem helfen, Kosten zu sparen.

Der „Haken“ bei der Sache: Keinesfalls alle Patienten wollen oder sind in der Lage, sich ausreichend zu informieren und selbst Entscheidungen bezüglich der Auswahl von Ärzten, Krankenhäusern und therapeutischen Optionen zu treffen. Angelmar: „Hier spielen soziodemografische Merkmale eine Rolle: Studien haben gezeigt, dass der Ausbildungsstand, der Beruf, die soziale Schicht, das Alter und der Schweregrad einer Krankheit eine entscheidende Rolle spielen. Im Allgemeinen wollen jüngere, besser ausgebildete Patienten aus höheren sozialen Schichten, die weniger schwer krank sind, mehr mitreden und mitentscheiden als ältere, weniger gebildete, schwer kranke Patienten.“

Auch dem Verhalten des Umfelds der Patienten kommt Bedeutung zu: Angehörige und Freunde können den Kranken auf seinem Weg durch die Krankheit aktiv begleiten und unterstützen, zum Beispiel beim Einholen von Information: „Sie können durchaus ein ,Agent' des Kranken werden“, so Angelmar.

Die individuelle Persönlichkeitsstruktur spielt ebenfalls eine Rolle: „Bei jeder Krankheit, nicht nur bei Krebspatienten, gibt es am einen Ende der Skala die aktiven, die kämpferischen Patienten und am anderen Ende die, die bereits aufgegeben haben und nur mehr eine möglichst schmerzfreie ,Komfortlösung' haben wollen.“

 

Endlich gute Aussichten

Von größter Wichtigkeit ist daher, so Angelmar, dass die Balance stimmt. Der Patient muss genau jenes Maß an Verantwortung übertragen bekommen, das er zu tragen bereit ist. „Der Arzt muss also quasi eine weitere Diagnose stellen können: Wie sehen die Präferenzen des Patienten aus? Ist das ein Patient, der Verantwortung will oder nicht? Dies abzuschätzen ist oft sehr schwierig, und tatsächlich zeigen die vorliegenden Studien leider, dass die Ärzte hier sehr oft falsch liegen.“

Eine logische Konsequenz aus Angelmars Untersuchungen wäre also, nach geeigneten Maßnahmen zu fahnden, die Ärzte in Zukunft bei diesem Entscheidungsprozess unterstützen könnten. Eine weitere wäre, dass Selbsthilfegruppen und Organisationen, die Patienten unterstützen und „empowern“.

„Patienten, die sich von passiv Leidenden zu aktiven Partnern und selbstbewussten Konsumenten des Gesundheitssystem entwickeln und über diese Wandlung dazu beitragen, die Kosteneffektivität des Systems zu steigern, das wären doch endlich einmal gute Aussichten“, resümiert der Experte.


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