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Schlankheitswahn: Plädoyer für die Dicken

17.10.2009 | 18:23 | von Doris Kraus (Die Presse)

Wer zu viel Gewicht auf die Waage bringt, ist in der Leistungsgesellschaft schnell als Versager stigmatisiert. Jetzt aber werden die Stimmen gegen den Kilo-Terror immer lauter.

Rainer Hunold ist dick und steht dazu. Mittlerweile. Nach diversen Diäten und einigen Fahrten auf der Gewichtsachterbahn hat der ebenso beleibte wie beliebte Schauspieler („Ein Fall für zwei“, „Dr. Sommerfeld“) den zahlreichen Fans seine Botschaft jetzt auch per Buch mitgeteilt: „Ich bin nun mal dick.“ Nachsatz: „Und das ist gut so.“

Hunold ist nicht der Einzige, der sich derzeit „buchstäblich“ für die Dicken ins Zeug legt. Der deutsche Soziologe Friedrich Schorb stößt in dasselbe Horn – mit einem Buch, das bereits kurz nach seinem Erscheinen zum potenziellen Bestseller hochstilisiert wird: „Dick, doof und arm? Die große Lüge vom Übergewicht und wer von ihr profitiert“ (Droemer Knaur) will ebenfalls mit der Stigmatisierung derer aufräumen, die ein paar – oder auch mehr als ein paar – Kilos zu viel auf die Waage bringen.

Schorbs Erklärung: Dicke Menschen sind längst nicht das große Problem für die Volksgesundheit, zu dem sie von Ärzten, Politikern und Medien gemacht werden. Fett ist vielmehr ein gesellschaftliches Konstrukt geworden, das zunehmend mit dem „Prekariat“ assoziiert wird, mit Menschen auf den unteren Rängen der gesellschaftlichen Leiter, die zu „dumm“ sind zu verstehen, dass sie mit falscher Ernährung ihrer Gesundheit schaden, und die nicht einmal so viel Selbstdisziplin und Leistung erbringen können, ihren eigenen Lebensstil zu ändern. Daher, so Schorb, sei „Fett“ zu einer Barriere geworden, mit der sich die „Erfolgreichen“ von den „Erfolglosen“ abgrenzten. „Kennen Sie dicke Spitzenmanager?“, meint der Autor. „Ich nicht.“

Die Idee vom „Dicksein“ als Konzept mit sozialer Funktion ist nicht neu. Der Feminismus vertritt schon lange die These, dass der Druck zur Bella Figura in Wahrheit ein Instrument ist, um Frauen so mit sich selbst zu beschäftigen, dass sie keine Zeit haben, auf „dumme Ideen“ zu kommen. Susie Orbach brachte dies bereits 1978 in „Fat Is a Feminist Issue“ auf den Punkt. Beth Ditto, die Sängerin der Band Gossip, gehört zu den Idolen dieser Denkschule. Im Frühling 2009 führte Ditto zwei völlig gegensätzliche Welten zusammen – auf dem Laufsteg der Pariser Modeschauen. Ausgerechnet bei Karl Lagerfeld, dem hartnäckigen Anhänger von Magermodels.

Neu ist, dass die Absage an die Diskriminierung der Dicken jetzt als gesellschaftliche Befreiungstheologie in den Mainstream Einzug hält. „Das Pendel schwingt in die andere Richtung“, meint Friedrich Schorb. Ein begeistertes Publikum dafür sollte ausreichend vorhanden sein. Laut des österreichischen Ernährungsberichts 2008 sind 42Prozent der Erwachsenen zwischen 18 und 65 übergewichtig, elf Prozent davon sogar adipös (fettleibig). Als besonders bedenklich sehen Experten die Entwicklung bei Kindern und Jugendlichen: 19Prozent der sechs- bis 15-jährigen Schulkinder sind übergewichtig, acht Prozent davon adipös.

Als erwiesen gilt auch in Österreich der Zusammenhang zwischen Übergewicht und mangelnder Bildung. „Vor allem Frauen sind davon betroffen“, sagt Anita Rieder, Professorin für Sozialmedizin an der MedUni Wien, Zentrum für Public Health. „Wir wissen aber nicht, warum.“ Unklar ist auch, wieso es ein West-Ost-Gefälle zwischen „gesunden“ Vorarlbergern und „maroden“ Wienern gibt.


Leben Dicke länger? Die Frage, ob wirklich alle über einen Kamm bzw. einen Body-Mass-Index geschoren werden sollten, scheint dennoch berechtigt. Denn medizinische Forschungen haben zum Beispiel gezeigt, dass „dick“ nicht unbedingt krank macht, sondern im Krankheitsfall sogar von Vorteil sein könnte. Zeugnis dafür legt sogar die Österreichische Adipositasgesellschaft ab, auf deren Website vom „Obesity Paradox“ berichtet wird: Demnach haben übergewichtige Patienten bei einer Reihe chronischer Erkrankungen einen Überlebensvorteil gegenüber normalgewichtigen oder schlanken Patienten. Das gelte etwa für Menschen mit Herzinsuffizienz, chronisch obstruktiver Lungenerkrankung, chronischer Nierenerkrankung oder chronisch rheumatoider Arthritis. Die Adipositas-Gesellschaft warnt allerdings, dass das Obesity Paradox nicht wahllos auf jeden Patienten umgelegt werden könnte. Wichtig ist auch, dass hier nicht von fettleibigen Menschen die Rede ist, die kaum mehr vom Sessel aufstehen können.

Anita Rieder hat ebenfalls ein mulmiges Gefühl dabei, dass Körperfülle plötzlich unkritisch gesehen würde. „Ich bin für die Entstigmatisierung dicker Menschen. Aber nicht um den Preis der Verharmlosung“, meint sie. „Übergewicht erhöht das Risiko von Bluthochdruck und Diabetes. Das kann man nicht ignorieren und nicht wegdiskutieren.“

Orthorexia nervosa. In der gesamten westlichen Welt – sowohl auf EU- als auch auf nationaler Ebene – wuchern derzeit Aktionspläne und Handlungsanleitungen rund ums gesunde Leben und Essen. Und der Druck steigt stetig, sich diesen behördlichen Empfehlungen auch zu beugen.

Mit nicht immer positiven Folgen. Mittlerweile gibt es ein eigenes Krankheitsbild, die Orthorexia nervosa: eine Art Essstörung, bei der die Betroffenen die ganze Zeit daran denken, wie sie sich gesund ernähren können; die Schuldgefühle entwickeln, wenn sie von ihrem Ernährungsplan abweichen, und deren soziales Leben dadurch erheblich eingeschränkt wird. Friedrich Schorbs Fazit: „Es ist wirklich Zeit, mit der Panik rund ums Gewicht aufzuhören.“ Der Kampfschrei dürfe nicht mehr lauten: „Fit statt fett!“ Sondern „Fit und fett!“


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