Wien.Eine umfassende Gesundheitsreform kommt zwar mit der laufenden Krankenkassensanierung noch nicht in Gang. Dennoch bringt die legistische Umsetzung, wie sie Gesundheitsminister Alois Stöger in der „Presse“ erläutert, einschneidende Änderungen für Ärzte und Patienten. Im Vordergrund steht die Verpflichtung zu mehr Ökonomie bei gleichzeitigem Ausbau der Qualität. Eine Effizienzsteigerung, die einen radikalen Umbau der Versorgung beinhaltet, plant auch Wien. Als erstes Bundesland legt es einen detaillierten „Regionalen Strukturplan Gesundheit“ (RSG) vor. Er beschäftigt sich nicht nur mit dem Angebot in Spitälern und Ambulanzen, sondern auch mit niedergelassenen Ärzten und dem Pflegebereich.
Die Kernpunkte des Plans, der der „Presse“ vorliegt: Die Akutbetten werden vom Zentrum und dem Südosten der Stadt Richtung Westen, vor allem aber in den Nordosten verlagert. Die Bettenzahl wird um insgesamt 300 reduziert, wobei es auch Fachgebiete gibt, die aufgewertet werden, wie die Unfallchirurgie, die Akutgeriatrie oder die Psychologie. Dafür erwartet sich Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely eine bessere Patientenversorgung in Tageskliniken. Das muss sich allerdings erst rechnen. Und dafür müsste der Bund Grundsätzliches an der Gesundheitsfinanzierung ändern.
1Zu viele Spitalsbetten, vor allem in den falschen Bereichen
Die Stadt Wien analysierte den Bettenstand 2008 und errechnete ein Plansoll für 2015. Grundlage bildeten die Reduktion der Verweildauer, die Verlagerung zu niedergelassenen Ärzten, Tageskliniken und Ambulanzen sowie die Bevölkerungszunahme (plus 100.000) und der Nachholbedarf in Neurologie, innerer Medizin oder Palliativmedizin. Demnach braucht Wien in sechs Jahren 10.078 Spitalsbetten, 334 weniger als derzeit.
2Der Ausbau der Tageskliniken muss sich künftig rechnen
40Prozent aller Aufnahmen bei Augenkrankheiten könnten tagesklinisch erledigt werden, bei Hautkrankheiten sind es 35Prozent. Derzeit rechnet sich das für die Länder allerdings nicht. Denn stationäre Behandlungen sind zu 55 Prozent aus Fondsmitteln (Sozialversicherungsgelder etc.) abgedeckt, den Rest zahlt das Land. Ambulante Behandlungen sind nur zu 18 Prozent gedeckt, Tageskliniken unterschiedlich geregelt. „Ob das klappt, hängt also vom Bund ab. Wir stellen den Zug nur auf das richtige Gleis“, so Wehsely.
3Bessere Verteilung von Fachärzten auf das Stadtgebiet
Wien hat im Vergleich zu anderen Bundesländern mehr Fachärzte, dafür weniger Allgemeinmediziner. Das entspricht dem durchschnittlichen Bild einer Großstadt, liegt an anderen Krankheitsbildern und am hohen Gastpatientenanteil. 20 Prozent kommen aus dem Wiener Umland – nicht nur in die Spitäler, auch zu niedergelassenen Ärzten. Das ist in der Stellenplanung berücksichtigt, die zum Beispiel für den Wiener Westen mehr Augen-, Haut- oder Kinderärzte vorsieht, aber weniger Neurologen und Pulmologen oder im Nordosten mehr Gynäkologen und Zahnärzte, dafür geringfügig weniger Urologen.
Bedingung für eine Aufwertung des niedergelassenen Bereichs ist für Wehsely aber eine Änderung bei den Öffnungszeiten der Ärzte. Sie hofft auch auf eine Umsetzung der Ärztegesellschaften. So könnten sich beispielsweise alle Fachärzte, die im engeren und weiteren Bereich mit Kindern zu tun haben, in einem Zentrum zusammenschließen und zumindest für Teilbereiche eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung anbieten. „Aber auch dafür fehlt noch eine legistische Umsetzung durch den Bund.“
4Ein neues Großspital und drei Krankenhäuser weniger
Im neuen Krankenhaus Nord plant Wien 779 Betten, 24 davon in einer Erstaufnahmestation. Sie soll, wie schon in anderen Ländern erprobt, Patienten, die nicht ins Spital gehören, wieder zum Hausarzt schicken. Die Verlagerung über die Donau trifft das Krankenhaus Floridsdorf (176 Betten), das orthopädische Krankenhaus Gersthof (102) und die Semmelweisklinik (109), die zur Gänze wegfallen. Auf das Stadtgebiet aufgeteilt werden außerdem 251 psychiatrische Betten des Otto-Wagner-Spitals. Mengenmäßig noch größer ist die Verlagerung in den Pflegebereich. Bis 2015 soll es in Wien 10.000 Pflegebetten geben, derzeit hat man etwa 9100. „Vor allem in der inneren Medizin liegen noch immer viele alte Menschen in Akutbetten, die eigentlich in Pflegebetten gehören“, so Wehsely. Die Stadträtin tut sich da freilich leichter als andere Gesundheitsreferenten in den Ländern, ist sie doch auch für den Pflegebereich zuständig.
