Wie sehr ein gebrochenes Bein die eigene Lebensqualität einschränkt, kann man anderen Menschen recht einfach vermitteln. Und jeder weiß, wie sich eine heftige Erkältung anfühlt. Aber wie soll man seinem Umfeld klar machen, was eine Depression für das eigene Leben bedeutet? Denn Worthülsen wie jene vom „tiefen schwarzen Loch“ oder der „Leere in der Seele“ können die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die die Krankheit bedeutet, gerade einmal andeuten. Und das besonders, wenn der Kranke ein Idol der Männlichkeit ist – wie etwa ein Spitzensportler.
Als der deutsche Nationaltorhüter Robert Enke zuletzt neun Wochen lang pausieren musste, um sich einer Psychotherapie zu unterziehen, begründete sein Verein Hannover 96 das mit einer „bakteriellen Darminfektion“. Erfunden, um die Öffentlichkeit nicht damit zu konfrontieren, dass da ein Mann wegen psychischer Probleme Hilfe suchte. Dieses Eingeständnis kam erst, nachdem sich Enke am vergangenen Dienstag das Leben genommen hatte – die Folge einer langjährigen seelischen Krankheit. Er hatte zuletzt den Tod seiner herzkranken zwei Jahre alten Tochter Lara 2006 nicht verkraftet.
Die neue Volkskrankheit? Mediziner und Psychologen sehen in Depressionen eine neue Volkskrankheit. Weltweit sind nach WHO-Schätzungen 120Millionen Menschen betroffen, das entspricht der Einwohnerzahl von Deutschland und Polen zusammen. Allein in Österreich leiden 400.000 Menschen unter einer behandlungsbedürftigen Depression, schätzt das Bündnis gegen Depression, anderen Analysen zufolge ist jeder zehnte Österreicher betroffen. Einer WHO-Studie zufolge kosten psychische Erkrankungen die Volkswirtschaft in jedem Jahr sieben Milliarden Euro. Die Zahl der Krankenstandstage aufgrund psychischer Probleme ist seit 1991 um 125 Prozent auf fast zwei Millionen im Jahr gestiegen.
Konsequenterweise ist auch die Zahl der Menschen gestiegen, die sich wegen psychischer Probleme behandeln lassen. Allein die staatlich geförderte Behandlung nehmen rund 42.000 Patienten in Anspruch, jährlich verordnen Ärzte in Österreich 10,56Millionen Einheiten Psychopharmaka. Dabei zeigt sich aber ein deutliches Ungleichgewicht der Geschlechter: Frauen bekommen doppelt so häufig Antidepressiva verschrieben wie Männer. Liegt das daran, dass Frauen tatsächlich häufiger depressiv werden – oder lassen sich Männer einfach nicht so oft helfen?
„Frauen haben ab der Pubertät ein mindestens doppelt bis dreifach höheres Risiko, im Laufe ihres Lebens an Depressionen zu erkranken, als Männer“, sagt Karin Kalteis, Psychotherapeutin und Depressionsexpertin des Berufsverbandes Österreichischer Psychologen. Allerdings würden sich Depressionen bei Männern generell anders äußern als bei Frauen: Während sich Letztere generell schneller eingestehen, ein Problem zu haben, würden Männer lange zuwarten, bevor sie auch nur zum Hausarzt gingen.
Besonders, weil die Symptome von Depressionen – wie länger anhaltende Zurückgezogenheit, Müdigkeit und Antriebslosigkeit – sich nicht immer auf Anhieb als Zeichen einer Erkrankung identifizieren lassen, entscheiden sich Männer im Zweifel oft dagegen, einen Arzt aufzusuchen: „Das Suchen nach Hilfe widerspricht dem männlichen Stereotyp“, sagt Kalteis.
„Ein Mann muss stark sein, sonst ist er ein Weichei oder ein Warmduscher – dieses Rollenbild gibt es nach wie vor“, bestätigt auch der Wiener Psychotherapeut Gerhard Klicka. Aus seiner täglichen Praxis schätzt er, dass sich der Anteil der Männer mit Depressionen mit jenem der Frauen durchaus die Waage halten kann. „Während sich Frauen infolge der Krankheit zurückziehen und immer ruhiger werden, reagieren Männer eher aggressiv und mit Verbitterung.“ Studien attestieren depressiven Männern mehr Ärgerattacken, Feindseligkeit, aggressives und antisoziales Verhalten. Im Gegensatz zu Frauen kompensieren Männer ihre depressiven Symptome häufig mit Suchtverhalten, etwa mit Alkohol und Drogen, Spiel- und Arbeitssucht oder exzessivem Sport.
Physis und Psyche. Dazu kommt noch, dass eine therapeutische Behandlung von Depressionen in der Öffentlichkeit bei Weitem nicht so akzeptiert ist wie jene körperlicher Verletzungen: Ein Mann, der sich wegen eines Bruches behandeln lässt, riskiere weit weniger Stigmatisierung als einer, der eine Psychotherapie beginnt, sagt Klicka.
Therapien sind in vielen Fällen aber notwendig: Depressionen lassen sich nur selten ausschließlich durch medikamentöse Behandlung oder Psychotherapie bekämpfen. Für eine erfolgreiche Behandlung sei eine Kombination der beiden notwendig – wie auch bei der Ursache der Krankheit psychische und physische Ursachen eine Rolle spielen. In der Tatsache, dass Männer wesentlich seltener Hilfe bei Fachärzten und Therapeuten suchen, sehen Experten einen der Hauptgründe dafür, dass rund drei Viertel der 1265 Suizide, die in Österreich vergangenes Jahr stattgefunden haben, von Männern verübt worden sind – aber, immerhin, mit fallender Tendenz.
Siehe auch Interviewmit Manfred Lütz auf S. 38.