Es ist nicht nur Erholung, es trägt auch essenziell zur Entwicklung aller höheren Lebewesen bei, sei es im sozialen oder kognitiven Bereich. Das sagt die Entwicklungspsychologie über das Spiel, bei dem man einigen Experten zufolge auch neue Kräfte sammeln kann. Etliche Vertreter von Evolutionsbiologie und Neurowissenschaft vertreten die These: Spielen ist wichtig für die Hirnentwicklung, macht intelligent. Jedenfalls, so der Evolutionsbiologe Marc Bekoff von der University of Colorado, aktiviere Spiel zumindest bei Tieren höhere kognitive Prozesse. Und Forscher vom University College London wiesen darauf hin, dass sich bei jungen Ratten, die keine Gelegenheit zum Spiel hatten, kleinere Großhirnrinden ausbildeten und sie keine Fähigkeiten zum sozialen Verhalten entwickelten.
Mehr Glückshormone
Die Evolutionspsychologie geht noch einen Schritt weiter und vertritt die (nicht unumstrittene) Meinung, angelehnt an die Thesen des niederländischen Kulturanthropologen Johan Huizinga: Spiel ist ein elementarer Bestandteil beim Erlernen überlebenswichtiger Funktionen und Eigenschaften sowie des Sozialverhaltens.
Auch wenn dem Spiel nicht so hochtrabende Effekte innewohnen mögen, Spaß macht's in jedem Fall. Wer sich freut und lacht, schüttet die Glückshormone Dopamin und Serotonin aus, was wiederum generell der Gesundheit zuträglich ist. Erwiesen ist ebenfalls: Spiel knüpft und fördert soziale Netzwerke und kann auf diesem Wege der Alzheimerkrankheit bis zu einem gewissen Grad vorbeugen. Und last, not least: Spielerisch lässt sich vieles lernen, Spiel kann auch komplementärer Bestandteil einer Therapie sein – ob Rollen-, Bewegungs- oder Brettspiel.
Grimassen gefragt
Ein neues Brettspiel mit logopädischem Hintergrund ist Grimassimix, das vier österreichische Logopädinnen entwickelt haben (Logopädie ist eine medizinisch-therapeutische Fachdisziplin, die sich mit angeborenen oder erworbenen Beeinträchtigungen der Sprache, des Sprechens, der Atmung und des Schluckens, der Stimmgebung, der Mundfunktion und des Hörvermögens beschäftigt). Beim erwähnten Spiel dürfen und sollen die Teilnehmer Grimassen schneiden und „fördern dabei gleichzeitig die Zungen- und Lippengeschicklichkeit. Zudem werden Mundmotorik sowie Beweglichkeit der Gesichtsmuskeln trainiert“, erwähnt Herta Strehl, eine der vier Entwicklerinnen des Spiels, das heuer mit einem Preis der österreichischen Spieleakademie ausgezeichnet wurde.
Mehr Sprachprobleme
Freilich: Wenn Kinder Sprachprobleme haben und etwa das K ständig durch ein T ersetzen, weil sie den Zungenrücken nicht heben können, wenn sie mit drei Jahren noch immer kaum sprechen können oder an Legasthenie oder ständiger Heiserkeit leiden, wird das Spiel alleine nie und nimmer ein Problemlöser sein. „Aber es kann unterstützend sehr gut helfen“, meint die Logopädin Sonja Trausmuth, ebenfalls in die Entwicklung von Grimassimix involviert.
„Im deutschsprachigen Raum haben etwa 25Prozent der Kinder Sprachschwierigkeiten, zehn Prozent davon sind behandlungsbedürftig“, sagt Trausmuth. Sprachprobleme, so die Logopädin, seien im Zunehmen. „Wir merken eine Sprachverarmung. In vielen Familien gibt es keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr, da wird viel weniger miteinander geredet, da sitzen die Kinder stundenlang alleine vorm Computer.“
Stichwort Familie: Spielen, insbesondere Gesellschaftsspiele, wirkt sich stabilisierend auf die Familienbande aus, fand eine Studie der Universität Leipzig heraus. Gefördert werde freilich auch die Kommunikation. „Wer sich verbal gut ausdrücken kann, wird viel weniger zuschlagen“, meint Kathi Poteranski, ebenfalls Miterfinderin von Grimassimix. Das Spiel wird übrigens beim großen Spielefest im November in Wien vorgestellt werden.
Da darf dann im Austria Center Vienna vom 20. bis 22.November von neun bis 19Uhr wieder hemmungslos gespielt werden. Und das ist gut so. Denn Spielen ist bei Kindern eine tragende Säule für eine positive Entwicklung. Aber auch Erwachsene brauchen hie und da etwas Ausgelassenheit. „Wer nie spielt läuft Gefahr, in der täglichen Geschäftigkeit und Eile aufgerieben zu werden. Erwachsene, die sich keine kreativen Auszeiten nehmen, sind schneller erschöpft“, sagt Marc Bekoff und betont, dass Spielen sogar das Burn-out verhindern könnte.
