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Chris Marker: Geheimnisvoller Innovator

30.07.2012 | 16:39 |  (Die Presse)

Der französische Filmemacher Chris Marker ist am Montag gestorben, an seinem 91. Geburtstag. Er prägte den Essayfilm mit Werken wie „La Jetée“. Markers Bedeutung und Einfluss sind noch immer nicht abzuschätzen.

Nach dem Dritten Weltkrieg wird ein Mann durch die Zeit zurückgeschickt, um den Überlebenden zu helfen. Ein Bild zieht ihn obsessiv in die Vergangenheit: eine Kindheitserinnerung an eine faszinierende Frau auf dem Flughafen Orly. Auf seinen Missionen trifft er die Frau, verliebt sich in sie. Bei der letzten Zeitreise kehrt er in den Moment der Kindheitserinnerung zurück – und begreift zu spät: Es ist der Moment, in dem er als kleiner Bub Zeuge des eigenen Todes wurde . . .

„La Jetée“ heißt der Kurzfilm von 1962, auf Deutsch: „Am Rande des Rollfelds“ – eines der reichsten, rätselhaftesten Werke des Kinos. Es gibt ein respektables Remake mit Bruce Willis, „12 Monkeys“, aber allein das Original ist paradoxe Poesie in Vollendung: ein (Zeit-)Reisefilm, komponiert fast nur aus Standbildern, ein philosophischer Traktat als romantische Vision, ein letztes Wort zum Wesen des Kinos.

Sein Schöpfer war einer der großen Geheimnisvollen des französischen Films: 1921 als Christian-François Bouche-Villeneuve in Neuilly-sur-Seine geboren, wählte er das Pseudonym Chris Marker (später Chris.Marker). Er gab kaum Interviews, ließ sich nicht fotografieren, offerierte lieber Bilder seines Markenzeichens, einer Katze. Er war Philosophiestudent bei Sartre, Résistance-Mitglied, nach dem Weltkrieg begann er zu schreiben und zu fotografieren. Mit gewitzter Assoziationsgabe und scharfer Intelligenz prägte er den Essayfilm mit Werken wie der Reiseballade „Sans Soleil“ (1984), ungewöhnlichen Dokumentationen über seine Idole Akira Kurosawa und Andrej Tarkovskij oder „Rot liegt in der Luft“ (1977/93), einem Montage-Epos über die Linke zwischen 1966 und 1977.

Alain Resnais nannte seinen Kollegen den „Prototyp des Menschen des 21. Jahrhunderts“: Bis zuletzt arbeitete Marker mit neuen Technologien, machte Multimediakunst und baute eine eigene Welt im virtuellen Online-Universum von „Second Life“. Am Montag ist er gestorben, an seinem 91. Geburtstag. Doch nicht nur in „La Jetée“ hat er den Tod und die Zeit hinter sich gelassen: Chris Markers Bedeutung und Einfluss sind noch immer nicht abzuschätzen. hub


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