Der Moslem kniet auf seinem Gebetsteppich und spricht das Morgengebet. Dann macht er Klimmzüge. Als er am Bett seiner Frau vorbeikommt, öffnet sie die Augen: „Du hättest mich doch wecken sollen.“ Die Frau ist schwanger. Ein liebevoller Blick, dann geht der Mann in voller Montur aus dem Haus, vorbei an einem Älteren, zu dem er sagt: „Ich werde ihn zurückbringen.“ Der junge Muslim heißt Rama und ist ein Polizist in Jakarta. Er macht sich auf den Weg zu seinem ersten großen Spezialeinsatz. Geradewegs in die Hölle.
Eine zwanzigköpfige Polizeieinheit soll die Zentrale eines Drogenbarons ausheben: ein schäbiger Betonklotz, die brutalistische Version eines unseligen Film-noir-Schauplatzes. Die Farbpalette der Digitalvideobilder ist konstant sinister: ein Albtraum in Fahlgrün, Düstergrau, Matschbraun und Todschwarz, gelegentlich garniert mit Blutrot. Denn der Drogenbaron, der im obersten Stockwerk residiert und wie Dr. Mabuse den Hochhauskomplex per Videokamera überwachen lässt, erwartet die Eindringlinge. Den Bewohnern seines berüchtigten Wohnhauses, meist Schwerverbrecher in seinen Diensten, verspricht er über Lautsprecher freie Miete und ewiges Wohnrecht, so sie die Polizisten töten. Und zwar als die Invasoren nach gut einer Viertelstunde Film in einem oberen Stock in der Falle sitzen: eine scheinbar unerschöpfliche Armee von Abtrünnigen gegen zwanzig Mann, die bald nur mehr zehn sind, dann fünf, dann drei...
Ein Inferno der Konfrontation
Und dennoch geben sie nicht auf: Der Großteil des Films „The Raid“ ist ein Inferno der blutigen Konfrontation, virtuos choreografiert, rigoros durchexerziert. Wilde Schießereien, dann Nahkampf: Macheten werden ins Fleisch gehackt, rhythmisch wie in klassischen Musicals der Steptanz von Fred Astaire; die zugleich atemberaubenden und schmerzhaft anzusehenden Hand- und Fußgemenge im Stil der indonesischen Martial Arts, Pencak Silat, verraten eine Körperbeherrschung wie einst Gene Kelly. Aber nicht die enorme Brutalität ließ diesen indonesischen Film schon bei der Premiere beim Filmfest Toronto 2011 zum Phänomen werden, sondern die Körperlichkeit: das, was Hollywood durch Digitalisierung und Computereffekte zunehmend verloren gegangen ist.
Im Martial-Arts-Film ist die Kinetik des Körpers nicht nur Actionspektakel, sondern auch Ausdruck des Charakters. Das hat die zusehends nur dem Spektakulären hörige Traumfabrik selten verstanden: Martial Arts wurde von Quentin Tarantino über die „Matrix“ und zahllose Comic-Blockbuster bis zu Steven Soderberghs unlängst gestarteter Kämpferinnen-Geschichte „Haywire“ längst zu einem mitprägenden Element im Mainstream gemacht. Aber die Kampfkunst bleibt meist bloßer Blickfang. Nächste Woche wird das der Actionfilm „The Expendables 2“ zeigen, dessen Parade von 1980er-Actionstars wie Sylvester Stallone, Arnold Schwarzenegger oder Chuck Norris auch etwas von der Nostalgie für Körper im Kino erzählt: Da lässt Regisseur Simon West keine räumliche Orientierung zu – die Choreografie wird beim US-Import meist im Schnellschnitt atomisiert.
Allegorie einer gespaltenen Gesellschaft
„The Raid“ hingegen ist ein Musterbeispiel filmischer Organisation und Montage: Erst das gibt den Kampfszenen spürbaren Druck, sicher mit ein Grund, warum in den USA überraschenderweise Sony Classics die Rechte erwarb, und der Film nun auch im deutschen Sprachraum einen großen Kinostart hat, selten bei asiatischen Filmen. Der letzte Versuch war 2003 der Muay-Thai-Reißer „Ong Bak“, dessen Hauptdarsteller Tony Jaa so zum Genrestar wurde. Nur war der Film echter Trash. Im Gegensatz zu „The Raid“: Da ist zwar Hauptdarsteller Iko Uwais bei aller kämpferischer Leistung nicht sehr charismatisch (was immerhin zur Rolle als junger Rekrut passt), aber Regisseur Gareth Huw Evans, ein gebürtiger Waliser, zeigt sein Talent. Ob seine sture, minimalistische Brillanz dem Martial-Arts-Film neue Freunde bringen kann, ist dennoch zweifelhaft: „The Raid“ ist eher eine essenzielle Verdichtung des Genres – wie John Carpenters Klassiker „Assault on Precinct 13“ eine des B-Actionfilms ist. Dort verteidigten Cops ihre abgeriegelte Vorstadt-Polizeistation gegen eine Übermacht, bei Evans sind sie Eingeschlossene.
Wie bei Carpenter ist hinter dem knappen Erzählkonzept das düstere Bild einer gespaltenen Gesellschaft zu erkennen: das Gangstergebäude als enthumanisierender Mikrokosmos, eine Allegorie auf Indonesien als „Brutalität in Stein“, wie es bei Alexander Kluge hieß. Aber wie der Anfang angemessen ökonomisch demonstriert, hat „The Raid“ auch eine spirituelle Dimension – jener Aspekt des Martial-Arts-Films, der schon in seiner 1970er-Hochblüte wegen Bahnhofskino-Ambiente, entstellender Kürzungen und Synchronisation kaum im Westen ankam. Die Polizeieinheit lässt sich auch als islamische Abordnung im (politisch motivierten – und korrumpierten) Jihad gegen Abtrünnige sehen. Paradoxerweise ist „The Raid“ aber vor allem ein Familienfilm: Der Mann, den zurückzubringen der Held anfangs versprach, ist sein Bruder, der zu den Gangstern überlief. Ein Bruderkrieg bleibt aus, aber die Gegensätze sind nicht zu überbrücken. Am Ende schließt sich eine Tür. Für immer?
