„In Österreich sind wir Ausländer – und in der Türkei Deutschländer“, klagt ein Türke, der 1970 als Gastarbeiter nach Wien gekommen ist. Unter anderem vom Fremdsein hier wie dort erzählt der in der Türkei geborene, seit 1981 in Österreich lebende Regisseur Kenan Kiliç in seinem Dokumentarfilm Gurbet – In der Fremde, mit dem er ein einzigartiges Projekt im österreichischen Kino weiterführt: eine Chronik der Lebensbedingungen von türkischen Migranten.
Kiliç' 2002 mit dem Wiener Filmpreis ausgezeichnetes Langfilmdebüt Nachtreise schilderte den Alltag von (vorwiegend illegalen) Einwanderern rund um ein Lokal am Brunnenmarkt. Mit dieser Pionierarbeit erschloss er dem heimischen Film ein vernachlässigtes Milieu, Gurbet bietet nun eine historische Perspektive dazu: Sechs Männer und drei Frauen aus jener ersten Einwanderergeneration, die vor gut 40 Jahren infolge des „Anwerbeabkommens“ als Gastarbeiter nach Europa ging, schildern ihre unterschiedlichen Erfahrungen seit damals. Die Auswahl hat auch repräsentativen Charakter, aber die Persönlichkeiten sind so stark, dass dem Film die Balance zwischen weiterer Gesellschaftsbeschreibung und individueller Anteilnahme gelingt.
Im Gegensatz zur derzeitigen Tendenz im Dokumentarfilm, vorgefasste Meinungen populistisch zu illustrieren, strebt Kiliç bei aller Sympathie für seine Subjekte ein differenzierteres Bild an: Für die Widersprüche und den existenziellen Zwiespalt ihrer Situation hat er ein offenes Auge (und Ohr). Immer wieder wird von den paradoxen Folgen des Lebens zwischen zwei Welten berichtet, in meist sehr ruhigen, auf Türkisch geführten Interviews, die dennoch dank Sprachwitz und Aufrichtigkeit eine unmittelbare Kraft haben.
Wo man als Zuseher bei Nachtreise schon aufgrund der Produktionsbedingungen mit minimalem Budget eine gewisse Kargheit hinnehmen musste, macht Gurbet Zeitgeschichte(n) auf sehr lebensnahe – und durchaus für ein größeres Publikum ansprechende – Weise zugänglich.
Einen wesentlichen Anteil daran hat aus diversen Fernseharchiven ausgegrabenes, faszinierendes Filmmaterial: Ebenso wie einige Exkursionen an für die Protagonisten wesentliche Stationen (inklusive bezeichnend ambivalenter Türkei-Urlaube) lässt es einen in jene fremden Atmosphären eintauchen, von denen die langen Gespräche dazwischen geprägt sind. Auch das ist Teil der historischen Leistung von Gurbet:Kiliç liefert eine relativ unpolemische Beschreibung des Wegs der Politik und ihrer Diskurse, von Kreiskys Mai-Ansprache 1973, als er forderte nur so viele Gastarbeiter ins Land zu lassen, „wie man menschenwürdige Lebensbedingungen bieten könne“ bis zu Susanne Winters „Kinderschänder“-Rede 2008.