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"Cosmopolis": Das Gespenst des Kapitalismus

30.06.2012 | 18:07 | von Christoph Huber (Die Presse)

David Cronenbergs "Cosmopolis" entwirft ein irres Zeitbild zur Finanzkrise nach Don DeLillo. Robert Pattinson als der lebende Tote der Wall Street: Eine apokalyptische Komödie.

Die Schlagzeile vom Blutsauger-Kapitalismus wäre bei diesem Film aufgelegt: Ausgerechnet Robert Pattinson, umschwärmter Teenagerstar als Vampir der „Twilight“-Filme, spielt in David Cronenbergs „Cosmopolis“ den 28 Jahre jungen, dabei schon steinreichen Währungsspekulanten Eric Packer, der in seiner Luxuslimousine quer durch ein New York im Aufruhr kutschiert wird, um sich die Haare schneiden zu lassen. Aber bei der Cannes-Premiere des Films vor einem Monat blieben die naheliegenden Vampir-Wortspiele aus. Ein Großteil der Berichterstatter war zu sehr damit beschäftigt, sich über die Ausdruckslosigkeit von Pattinson zu mokieren und über den aggressiven Wortreichtum von Cronenbergs Film: Er sei so seelenlos wie sein Porträt der superreichen Wall-Street-Elite.

Tatsächlich ist Pattinson das ideale Cronenberg-Model(l) für dieses Projekt: ein Gesicht und ein Körper so perfekt wie die Glasfassaden der Bürotürme, unter denen die Limousine fährt. Ein roboterhaftes Auftreten, das den unmenschlichen Wortkaskaden entspricht: Die pausenlosen Dialogduelle, die sich Packer – meist in der Limousine – mit wechselnden Gegenübern liefert, verlaufen in ihrer Geschwindigkeit an der Grenze zur Überforderung. Kaum zu durchschauen, was die Figuren selbst wissen und wo sie bluffen: Als Finanzkrisen-Apokalypse ist „Cosmopolis“ darin die direkte Weiterführung von Cronenbergs visionärem Medienzeitalter-Albtraum „Videodrome“ (1983). Nur der „Body Horror“, durch den der Kanadier Cronenberg berühmt wurde, ist größtenteils sublimiert. Der neue Film ist eigentlich eine Komödie.

Lachen und Grauen sind sich nicht fern: Früher lenkten wohl Schockeffekte von Cronenbergs absurdem Witz ab, in „Cosmopolis“ steht jetzt alles im Zeichen einer Absurdität, die etwas vom Grauen ablenkt. Aber es ist natürlich der Kern: Das verdankt sich auch Don DeLillos gleichnamiger Romanvorlage von 2003. Nicht das erste angeblich unverfilmbare Buch, dessen sich Cronenberg annimmt: Nach seiner halluzinatorischen Burroughs-Exegese „Naked Lunch“ (1991) und seinem erotischen Ballard-Totentanz „Crash“ (1996) verblüfft er diesmal anders – durch Werktreue. Minimiert ist ausgerechnet das „Filmische“ an DeLillos Werk, dafür hat Cronenberg dessen „erstaunliche Dialoge“ fast wortgetreu übernommen und ausgehend davon binnen der (jedenfalls persönlichen) Rekordzeit von sechs Tagen das Drehbuch konzipiert: ein Sprechstück, das theatralisch, aber nicht bühnenhaft ist – Cronenberg akzentuiert DeLillos Ideen mit beiläufiger visueller Raffinesse. Die Tiraden kreisen um ein Netz von Schlagwörtern, die sich aus dem rhythmischen Rattern intellektueller Phrasen abheben. Darin erfasst „Cosmopolis“ etwas Wesentliches über die gängige Darstellung von Wirtschaftszusammenhängen, dieweil die Ästhetik ein ebenso zeitgemäßes Bild von gleichzeitigem Stillstand bei hochrasantem Vorantreiben entwirft.


„Prophetische Vorlage“. „Wenn der Film zeitgenössisch ist, dann war das Buch prophetisch“, hat Cronenberg die Faszination dieses speziellen DeLillo-Romans erklärt: Das Buch spielt vor dem Hintergrund des Platzens der Dotcom-Blase 2000, aber es nimmt vieles von der schwereren Finanzkrise der letzten Jahre vorweg. Nur Details hätte er geändert, meint Cronenberg: Packers Finanzimperium droht nun wegen des Yuan statt des Yen der Kollaps.

Bezeichnenderweise ist aber das Motto des Buches geblieben: „A rat becomes the new unit of currency“, eine Gedichtzeile vom Polen Zbigniew Herbert. Während der Börsianer Packer (absurd buchstäblich) inmitten seiner Limousine thront, um nach Leibwächterkontrolle diverse Besucher einzulassen, protestiert in den Straßen ein eigenartiger Rattenkult, der heute unweigerlich an die „Occupy“-Bewegung erinnert. Beim Besprechen ihrer Strategien ignorieren Packer und seine Finanzberaterin beharrlich, dass die Demonstranten ihre Limousine umzuwerfen drohen. Sie ist mit Kork gegen die Außenwelt gedämpft – „prousted“ nennt das in Anlehnung an Marcel Prousts Schallisolierung der Dialog. Aber Packer ist nicht auf der Suche nach der verlorenen Zeit, sondern auf einem Egotrip der besonderen Art: Bei der Finanzbesprechung im Wagen lässt er sich nebenbei die Prostata untersuchen (Befund: „asymmetrisch“). Die trockene Debatte wird so in zusehends orgasmischen Zuckungen geführt. Frauen steigen für Sex zu, darunter Juliette Binoche in einem hochkomischen Gastauftritt als Kunsthändlerin, die Packer eine ganze Rothko-Kapelle andrehen will. Für Treffen mit seiner Frau steigt Packer gelegentlich aus und hat ihr gar nichts zu sagen. Während sie in einer Bar essen, stürmen zwei rattenschwingende Protestierende herein und schreien: „Ein Gespenst geht um in der Welt!“


Moderne mit Marx. Eine Neonleuchttafel vervollständigt (und verkehrt) später dieses Marx-Zitat: „Das Gespenst des Kapitalismus“. Zuletzt hat Cronenberg im großen Jung-Freud-Film „A Dangerous Method“ die Moderne über die Psychoanalyse kritisch untersucht, nun geht er sie als kapitalistisches Phänomen an. Das Zitat sei auch da, weil Marx im Kommunistischen Manifest schon 1848 über die Moderne geschrieben habe, erläutert Cronenberg: „Dass die Gesellschaft den Menschen überholt und das Vergängliche und das Unberechenbare regieren.“

So gesehen ist „Cosmopolis“ eine Comédie inhumaine. Trotz Dauerstau wegen Präsidentenbesuchs lässt sich Parker zum Friseur fahren, von der Außenwelt abgeschottet im Allzweck-Lebensraum seiner Limousine, die sogar als Klo dient. Ein Rapper-Begräbnis zwischendurch verstärkt die Aura einer Leichenprozession: Parker als „Ulysses“ der lebenden Toten. Eine Odyssee im Zeichen von haarsträubendem Pokerface-Witz und selbstverständlich surrealer Entgleisung: Wie Rupert Murdoch 2011 wird Parker von einem Torten-Attentäter (Mathieu Amalric mit rumänischem Akzent!) attackiert, bevor die ständig steigende Paranoia im epischen Treffen mit einem unbekannten Widersacher (Paul Giamatti) entladen wird. „Mein Fusspilz hat es mir befohlen“, räsoniert der einmal, als wäre es die ganz normale Quintessenz des Wahnsinns der Gegenwart. „Cosmopolis“ destilliert ihn zu einer zwerchfellerschütternden Schreckensvision: Wie das Leben von abstrakten Konzepten gesteuert wird. In den Untergang.

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