Niemand kann Johnny Depp vorwerfen, dass er sich nicht für Hunter S. Thompson stark machen würde: Hollywoodstar Depp lernte den Begründer des radikal subjektiven Gonzo-Journalismus kennen, als er sich 1997 auf die Verfilmung von dessen berühmtesten Buch „Fear and Loathing in Las Vegas“ vorbereitete. Um die Manierismen des irren Schreibers zu studieren, zog Depp für ein paar Monate im Keller von dessen „Owl Farm“ ein. Angeblich bauten sie gemeinsam schon in der ersten Nacht sturzbesoffen eine Bombe und zündeten sie gleich auf Thompsons Grundstück.
Nach dem Suizid des Schriftstellers 2005 finanzierte Depp nicht nur eine Dokumentation über ihn, sondern auch die Spezialkanone, mit der Thompsons Asche wunschgemäß in alle Winde verteilt wurde. (Depp feuerte den Schuss höchstpersönlich ab.) Dank Depp erschien auch 1998 Thompsons Roman „The Rum Diary“, ein lange liegen gebliebenes Frühwerk über seine Zeit als Reporter in Puerto Rico Anfang der 1960er.
Die gleichnamige Verfilmung des Briten Bruce Robinson ist nun auch vor allem ein Herzensanliegen von Depp: umso irritierender ist das erstaunlich wenig motivierte Auftreten des Stars. In der ersten Szene erwacht er im demolierten Hotelzimmer aus der Benommenheit nach schwerem Minibarmissbrauch. Den weiteren Weg beschreitet er mit Understatement. Kein Wort, das man für Depps heftig halluzinierenden Hawaiihemdträger Raoul Duke (das berühmteste von Thompsons vielen Alter Egos) in „Fear and Loathing“ benutzen würde: Aber auf dieser umnachteten Reise durch die falsche Glitzerwelt von Las Vegas und den echten Ruin des amerikanischen Traums war Depp trotzdem der „Normale“ – sein Widerpart war Benicio del Toro in einer unvergesslichen Tour de Force als vollends verrückter samoanischer Anwalt namens Dr. Gonzo.
Der Regisseur wurde rückfällig
In „Rum Diary“ fehlt nicht nur der Gegenpol, der ganze Film leidet an einem Zwiespalt. „Fear and Loathing“ floppte, wurde aber zum Kultfilm: Thompsons Exzess-Prosa fand im überkandidelten Barock der Inszenierung von Ex-Monty-Python Terry Gilliam die ideale Entsprechung. Regisseur-Autor Robinson respektiert jetzt dagegen zwar meist die Tatsache, dass „Rum Diary“ noch ein milder Thompson-Trip ist, aber dann wird doch immer wieder mit Gonzo-Einlagen der Geist des Vorgängerfilms beschworen. Mit Alkohol hat der Filmemacher auch Erfahrung: 1987 drehte er „Withnail & I“, eine autobiografische Komödie über zwei degenerierte Bohemiens, die durch die Ruinen von Swinging London taumeln. In England bleibt der Film ein Klassiker für diverse Trinkspiel-Vergnügungen. Robinson hat erzählt, dass er nach sechs Jahren Abstinenz rückfällig werden musste, um das Drehbuch für „The Rum Diary“ schreiben zu können.
Als Philip Kemp (noch ein Thompson-Pseudonym) wird Depp darin Zeuge der Pläne hässlicher Amerikaner, das Inselparadies profitabel umzuwidmen, während er mit Zeitungskollegen durch die Bars zieht. Darunter Giovanni Ribisi als gestörter Drogenfreund (auch in „Ted“ spielt er eben den Irren), was zu einer Halluzination führt, die weniger organischer Teil des Films scheint, sondern wie Restmaterial aus „Fear and Loathing“ wirkt. Dabei plätschert „Rum Diary“ nicht unsympathisch dahin, fast wie ein Nachzügler des engagierten „New Hollywood“ der 70er: Kemp wettert gegen Vizepräsident Nixon im TV, lässt sich von einem eleganten Kapitalisten zu Lohnknechtschaften verführen und verschaut sich in dessen junge Freundin (Amber Heard). Höhepunkt ist eine Rauschnacht, in der sie die Besucher eines Tanzschuppens zur Weißglut treibt.
Leider schleppt sich „Rum Diary“ dann noch ein Drittel weiter, um Kemp aufgesetzte journalistische Erleuchtung zu schenken – und ein Happy End, das nicht nur angesichts von Thompsons weiterem Lebensverlauf der absurdeste Coup des Films bleibt.