„In diesem großen Augenblick erneuerte ich meinen Schwur zu Gott und lenkte den Hieb herab auf das ruchlose Genick“ – doch kein frommer Kriegsknecht oder gar extremistischer Attentäter hat das Schwert geführt und berichtet nun von dem großen Befreiungsschlag, der die Stadt von der Belagerung erlösen konnte, sondern eine vermeintlich schwache Witwe: Judith hat Holofernes geköpft und damit Bethulien befreit. Keine triumphierende Arie stimmt sie an, kein Siegesgeschmetter verbrämt ihren Bericht. Stattdessen kleidet der Komponist ihre unaufgeregten Worte in die Aura schimmernder Streicherklänge, erzeugt eine Art Heiligenschein, wie er etwa aus Bachs Matthäuspassion bekannt ist: ein auf Entrücktheit zielender, fast somnambul anmutender Effekt.
Nicht die Darstellung emotionaler Strudel zwischen Krieg, List und der Frage nach persönlicher Schuld wie etwa in einer Oper, sondern religiöse Erbauung ist das Ziel von Pietro Metastasios Oratorien-Libretto „La Betulia liberata“, das der 15-jährige Wolfgang Amadeus Mozart für Padua komponiert hat – ob für eine reale Aufführung oder nur in der Hoffnung auf eine solche, ist nicht gesichert. Bei den 18. Donaufestwochen im Strudengau nimmt sich nun Intendantin Michi Gaigg mit ihrem L'Orfeo Barockorchester der Rarität gleich in doppelter Weise an: Parallel zu den szenischen Aufführungen im pittoresken Arkadenhof von Schloss Greinburg entsteht im Studio auch die erste CD-Aufnahme in historischem Klanggewand.
Fast furchterregende Hornstöße
Jene Dramatik, welche die auf Dialoge und Erzählungen reduzierte Handlung vermissen lässt, wird da orchestral nachgeliefert – expressiv aufgewühlte Streicher, klangvoll forsche, manchmal fast furchterregende Hornstöße, aber auch zärtliche Geschmeidigkeit (etwa in Amitals letzter Arie) zeigen, wie selbstverständlich der jugendliche Salzburger die barocke Affektenlehre beherrschte. Ein junges, homogenes Ensemble mit schlanken, instrumental geführten Stimmen begegnet den teils fast unbekümmert hohen Anforderungen der Partitur mit Fortune: der trotz seiner Koloraturgewandtheit glaubwürdig zaudernde Tenor Christian Zenker als bethulischer Fürst Ozìa etwa oder die virtuos klagende Marelize Gerber als noble Amital.
Weniger von der Komposition her als selbstverständlich szenisch steht freilich Giuditta (Judith) im Zentrum: Wünscht man sich den homogenen, aber fast zu zarten Mezzosopran von Margot Oizinger mit etwas mehr vokalem Fleisch und Blut ausgestattet, wird sie in der oratorienhaft dezenten, ja manchmal fast karg zu nennenden Inszenierung Manuela Kloibmüllers zur beherrschenden Figur. Zunächst mit Witwenschleier, dann im verführerischen Abendkleid, versinkt sie nach vollbrachter Tat vor dem zur Klagemauer gewordenen Stadtwall Bethuliens (Bühne: Isabella Reder) wieder in der Anonymität – ein Würgeengel, eine Priesterin des Todes, die ins kollektive Unbewusste zurückkehrt.
Noch von 10. bis 12. August, 18 Uhr. Karten: 07268/26857