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Vielfalt zu Haydns Zeiten

21.11.2009 | 18:47 | von Martin Kugler (Die Presse)

Eine CD-Aufnahme von Flötenuhren beweist: In der Entstehungszeit klassischer Kom- positionen hielt man sich kaum an die Vorgaben der Maestri.

Flötenuhren sind ganz besondere Zeitmesser: Jede Stunde ertönt eine andere Melodie, die durch Metallstifte in einer Walze festgeschrieben ist. Wenn sich diese dreht, dann öffnen die Stiftchen Ventile zu Orgelpfeifen und es erklingt Musik. Höchstens 40 bis 50 Sekunden dauert sie – so lange braucht die Walze für eine Umdrehung. Flötenuhren wurden ab 1780 in betuchten Wiener Kreisen beliebt. Und zwar so beliebt, dass selbst große Komponisten wie Mozart, Salieri oder Beethoven eigene Stücke komponierten. Und auch Joseph Haydn: Wer seine Musik für Flötenuhren hören will, der kann das nun auch: Das Phonogrammarchiv der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat eine CD mit allen einschlägigen Kompositionen Haydns herausgebracht.

Für Musikhistoriker ist das ein seltener Glücksfall: „Wir können die Musik so hören, wie Haydn sie selbst gehört hat“, freut sich der Direktor des Phonogrammarchivs, Rudolf Brandl. Nachsatz: „Das kann keine auch noch so kritische Ausgabe bieten.“ Die Flötenuhr-Stücke Haydns sind sowohl im Notentext als auch auf den Walzen der fünf Flötenuhren erhalten. Sie wurden nach 1792 und vor 1804 gebaut, vier von ihnen hat Primitivus Niemecz, Kaplan und Bibliothekar am Esterhazy'schen Hof und Schüler wie Freund Haydns, konstruiert.

Die CD enthält insgesamt 65 Stücke. „Davon sind 18 originale Kompositionen bzw. Einrichtungen, die Haydn mit eigener Hand gemacht hat“, erläutert Projektleiter Helmut Kowar. Auch einige Wiederholungen derselben Stücke auf verschiedenen Walzen befinden sich darunter.


Legato oder staccato? Man könnte nun fragen, warum auch die Dubletten auf der CD verewigt wurden– denn mechanische Musik sollte doch immer gleich sein, oder? Hört man genauer hin, dann erkennt man aber Unterschiede zwischen den Fassungen: Manchmal werden die Töne einer bestimmten Phrase gebunden, in einer anderen Version werden sie dagegen kurz („staccato“) gespielt. Wer die Noten zur Hand nimmt, ist noch mehr verwundert: Die Aufnahmen unterscheiden sich alle auch von der geschriebenen Komposition. „Man könnte glauben, dass Haydns Vorstellungen selten umgesetzt wurden“, sagt Kowar. Das sei aber nur dann wahr, wenn man annimmt, dass es die einzig richtige Artikulation von Haydn gegeben hat.

Die andere, plausiblere Erklärung: Es hat nicht eine einzig richtige Aufführungsart gegeben, sondern eine Vielfalt von Varianten. Folgt man dieser Interpretation Kowars, dann kommt man zu dem Schluss, dass sehr viel Wert auf Erfindungsreichtum, auf das Bemühen um eine neue Interpretation und auf die Gestaltung des Ausdrucks gelegt wurde. „Die Automaten halten die Vielfalt der zeitgenössischen Praxis fest.“ Dadurch relativiere sich der Wert eines Autografen für die Aufführungspraxis.

Flötenuhren scheinen uns heute ziemlich exotisch: Es sind Maschinen, bei denen der Interpret völlig ausgespart bleibt. Auf den zweiten Blick gibt es aber Parallelen zu heute: „Mehr als 90 Prozent der Musik, die wir heute hören, wurde elektronisch erzeugt oder bearbeitet – auch hier wird der Interpret bewusst ausgeschaltet“, merkt der Wiener Musikhistoriker Gernot Gruber an. Ergo: „Was einst ein Kuriosum war, wird nun zum Normalfall.“

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