Der langjährige Bayreuth-Leiter und Komponisten-Enkel Wolfgang Wagner ist tot, teilte der Festspielsprecher Peter Emmerich mit. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang lenkte Wagner die Geschicke des weltweit renommiertesten deutschen Musikfestivals. Am Sonntag starb er in seinem Privathaus in Bayreuth im Alter von 90 Jahren. Er sei friedlich eingeschlafen, sagte seine Tochter Katharina Wagner, die die Festspiele seit 2008 gemeinsam mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier leitet.
Wolfgang Wagner widmete sein ganzes Leben dem Erbe seines berühmten Großvaters: Mehr als ein halbes Jahrhundert lang hat er die Geschicke der Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth gelenkt. Als er Ende August 2008 als dienstältester Intendant der Welt seinen Abschied nahm, ging Wagner als Sieger: Nach langem Tauziehen hatte er sich im Streit um die Nachfolge durchgesetzt und die Herrschaft seiner Familie auf dem Grünen Hügel gesichert. Seine Töchter Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier geben seither den Ton im Festspielhaus an.
Wolfgang Wagner wurde am 30. August 1019 als drittes Kind von Siegfried und Winifred Wagner in Bayreuth geboren. 1939 wurde er im Krieg gegen Polen verwundet. 1940 aus der Wehrmacht entlassen, begann Wagner seine künstlerische Mitarbeit bei den Festspielen sowie an der Preußischen Staatsoper Berlin.
Durch NS diskreditierte Festspiele
Nach dem Zweiten Weltkrieg baute er gemeinsam mit seinem älteren Bruder Wieland Wagner ab 1950 die durch die Nähe zu den Nationalsozialisten diskreditierten Festspiele wieder auf. Bereits ein Jahr später fanden die ersten Festspiele statt. Die Inszenierungen von "Neu-Bayreuth" sorgten in den 1950er Jahren weltweit für Aufsehen.
Nach Wielands frühem Tod im Oktober 1966 übernahm der Jüngere die alleinige Verantwortung für die Festspiele, die alljährlich fast 60.000 Besucher anziehen und sich einer weltweiten Nachfrage erfreuen. Es gelang ihm, die besondere Atmosphäre am "Grünen Hügel" zu erhalten. Bis heute versammeln sich im Sommer renommierte Sänger und Musiker aus aller Welt in Bayreuth, um hier - zu deutlich niedrigeren Gagen als anderswo üblich - aufzutreten.
Als Intendant Mut zu Neuerungen
Unter Wagners Ägide entstanden mehr als 1700 Aufführungen im Festspielhaus. Daneben schuf er zwölf eigene Inszenierungen. Während er für seine eigenen, oft konventionellen Arbeiten auch Kritik ertragen musste, bewies Wagner als Intendant immer wieder Mut zu Neuerungen. Er öffnete die Festspiele für Regisseure von außen und holte schon 1972 Götz Friedrich, dessen "Tannhäuser" für einen Skandal sorgte.
Später kamen Patrice Chereau ("Der Ring des Nibelungen" 1976), Heiner Müller ("Tristan und Isolde" 1993) und Christoph Schlingensief ("Parsifal" 2004) hinzu. Auch alle großen Wagner-Dirigenten von Hans Knappertsbusch bis Christian Thielemann folgten Wagners Ruf. Daneben lag sein großes Verdienst in der finanziellen Stabilisierung der Festspiele. Auch die bauliche Substanz im Festspielbezirk sanierte und erneuerte er unermüdlich.
Zwist im Wagner-Clan
Zwist im Wagner-Clan sorgte immer wieder für Schlagzeilen. Nach dem Tod von Bruder Wieland brach Wolfgang Wagner zunächst mit dessen Familie. Nichte Nike Wagner, Tochter von Wieland Wagner, gehörte danach zu seinen schärfsten Kritikern. 1976 ließ sich Wagner von Ehefrau Ellen Drexel (gestorben 2002) scheiden, um seine Mitarbeiterin Gudrun Mack zu heiraten. In der Folge kam es zum Bruch mit Tochter Eva und Sohn Gottfried, der in seinem Buch "Wer nicht mit dem Wolf heult" mit dem Vater abrechnete.
Wagner widerstand jahrelang allen Versuchen, ihn aus dem Amt zu drängen - er war mit einem lebenslangen Vertrag ausgestattet. Da er Katharina, seine Tochter aus zweiter Ehe, als Nachfolgerin zunächst nicht durchsetzen konnte, verweigerte er den Rücktritt. Die Situation war festgefahren, als ein privates Drama die Lösung brachte: Völlig überraschend starb Wolfgang Wagners zweite Ehefrau Gudrun, 25 Jahre jünger als er und heimliche Herrscherin auf dem Hügel, im November 2007.
Versöhnung mit der Tochter
Für Wagner ein schwerer Schlag, der aber zugleich die Tür öffnete für die verstoßene Tochter aus erster Ehe, Eva Wagner-Pasquier. Es kam zur Wiederannäherung und schließlich zur Einigung auf die schwesterlichen Doppelspitze - der gesundheitlich angeschlagene Wolfgang Wagner konnte in Frieden seinen Abschied nehmen.
