Hat es Mariss Jansons also wieder einmal geschafft: Dass einen schon während der ersten Takte eines von ihm dirigierten Werkes fast Glücksgefühle überkommen. Richard Strauss mag mit dem Beginn seiner Tondichtung „Don Juan“ dafür eine passende Vorlage geliefert haben, doch die muss man eben auch zu verwerten wissen – so wie eben Jansons. Wem angesichts der unbändigen Musizierfreude des 69 Jahre alten und so jugendlich wirkenden Letten nicht das Herz aufgeht, der hat keines.
Die Wiener Philharmoniker haben. Bereitwilligst erfüllen sie die Forderungen des Dirigenten, scheinen ihm noch jeden kleinsten Wunsch von den Lippen, den Augen, den Fingerspitzen abzulesen. Was das bedeutet, zeigte sich schon beim „Don Juan“, mit dem am Samstag das zweite Konzertprogramm der Philharmoniker bei den Salzburger Festspielen eröffnet wurde, überdeutlich: Es bedeutet eine Flexibilität, die ganz neue Möglichkeiten eröffnet, gerade im Bereich der Mikrodynamik. Kleinste Lautstärkeabstufungen können auf diese Weise herauspräpariert werden, um die sich mancher sonst vergeblich bemühen würde. Zusammen mit der notorisch sicheren und agilen Phrasierungskunst der Philharmoniker ergibt das eine Frische und Vitalität, die Strauss jeglichen Parfums entkleidet. Jansons setzt nichts mehr drauf, er lässt das Werk aus sich selbst heraus strahlen, und Strahlkraft hat es ja wahrlich genug.
Man kann des Letten Fähigkeit, Schlachtschiffe des Repertoires so zu interpretieren, dass man sie wie zum ersten Mal hört und geradezu das Gefühl hat, ihrem Entstehungsprozess beizuwohnen, nicht oft genug bestaunen. Etwas Unerhörtes, Ungehörtes gelang ihm hier bei Brahms symphonischem Erstling in c-Moll: Neun von zehn Dirigenten lassen die Einleitung des Kopfsatzes wie eine Dampfwalze über den Saal rollen. Jansons überlässt diese Unerbittlichkeit den peinigend pochenden Paukenschlägen und bürstet die Streicher dezent dagegen: Statt eine undurchdringliche Wand zu bilden, lässt er sie bestimmt, aber doch behutsam in den Satz vordringen und schafft auf diese Weise etwas, was man wohl am ehesten als Ausdruckspolyfonie bezeichnen kann. Eine Zärtlichkeit der Dampfwalze gewissermaßen.
Immer wieder scheint Jansons in diesem ersten Satz den von Brahms aufgetürmten Bombast regelrecht zu hinterfragen, was allerdings manchmal dazu führt, dass man den letzten, konsequenten Zug nach vorn, das manchmal eben auch nötige Quantum Härte vermisst. Mit großer Natürlichkeit spannt Jansons dann einen Bogen über die beiden Mittelsätze zum triumphal-erlösenden Finale: Das zuerst im Blech erscheinende, die angestaute Spannung pulverisierende Motiv kommt bei ihm nicht aus fernen Sphären, sondern aus dem Hier und Jetzt – ein Triumph der Lebensbejahung.
Wenig intensiver Wagner. Triumphiert hat Brahms bei diesem Konzert gewissermaßen auch über seinen Antipoden Richard Wagner: Dass bei dessen fünf Wesendonck-Liedern – auf Gedichte seiner Geliebten Mathilde Wesendonck – die Intensität in der Programmmitte deutlich abflaute, lag wohl auch an Nina Stemme: Stimmstark, sobald es etwas ins Dramatische ging, war das Ausdrucksspektrum in den vielen zarten Piano-Passagen leider doch recht eingeschränkt. „Dass in selig süßem Vergessen ich mög' alle Wonnen ermessen“, heißt es in „Stehe still!“, dem Zweiten der Lieder. Die Botschaft hörte man wohl, sie zu glauben war nicht leicht. Schließlich die letzten Takte der beschließenden „Träume“: „Und dann sinken in die Gruft“, heißt es da. Man liest es im Programm, man hört, dass Stemme es singt. Aber gefühlt hat man's im Orchester. Immerhin.