Die Szene erschließt sich auf den ersten Blick: Hier soll ein Mord geschehen. Ein Mann starrt auf sein Handy, wo eben eine Textnachricht eingegangen ist. Dahinter steht ein zweiter, eine Pistole auf den Kopf vor ihm gerichtet. Der Frau neben ihnen sieht fassungslos zu, die Puderdose fällt aus ihren Händen zu Boden. Aber der Schein trügt – es ist auch mehr als ein Blick. Ein „Zoom-Spiel“ nennt der Franzose Marc-Antoine Mathieu den Comic „3 Sekunden“. Diesen Zeitraum durchmisst er auf 80 Seiten in Form einer einzigen langen Vorwärtszoombewegung.
Kühne Spiegelungen. Neun quadratische Panels pro Seite, mit jedem kommt man dem Ziel ein bisschen näher: So geht schon das Eröffnungstableau über sieben Seiten. Aus absoluter Schwärze zu auf einen Lichtpunkt, der sich als Türöffnung erweist. Durch sie auf die andere Straßenseite zur Pupille des Mannes mit dem Handy. Mathieus Kunstgriff ist, dass er spiegelnde Flächen ansteuert, von denen aus – jeweils nach dem Seitenumbruch – der Zoom weiter reflektiert wird: Das Handy spiegelt sich in der Pupille, in der Kameralinse des Mobiltelefons dann der zweite Mann. In der sorgfältig gekrümmten Reflexion eines Pokals wird die Frau sichtbar – und deren Puderdose, in der ein weiterer Spiegel...
Zeichnerisch und kompositorisch ein Virtuosenstück: Mathieu folgt sogar dem Sprung der Blickachse bei jeder Spiegelung – die Schrift auf dem Handy-Display ist ergo seitenverkehrt. Zugleich funktioniert die Methode schlagend einfach: Die Leserpersepektive ist diejenige eines körperlosen Blicks, der immer weitergeht, einen unwiderstehlichen narrativen Sog erzeugend, der Mathieu erst erlaubt, gewagte Experimente anzustellen, ohne damit zu verwirren. In immer kühneren Spiegelungen, oft an einem im ersten Panel noch gar nicht sichtbaren mikroskopischen Detail wie einem blitzenden Goldzahn, bewegt er sich weit über die Ausgangsposition hinaus: Der Zoom geht durch ein Fußballstadion, vorbei an einem Flugzeug, sogar bis ins Weltall. Erst gegen Ende der in Lichtgeschwindigkeit durchmessenen, titelgebenden drei Sekunden kommt man wieder zurück und am Eröffnungsszenario vorbei – das sich nun ganz anders darstellt.
„3 Sekunden“ ist auf zwei Arten ein Spiel. Zum einen Krimivergnügen: Der Leser kann aus im Vorüberfliegen erfassten Details eine Verschwörung zusammensetzen. Zeitungsschlagzeilen erzählen von einem Fifa-Skandal, eine Richterin mit angeketteter Aktentasche sitzt im Flugzeug, als dort Panik ausbricht, andere Perspektiven rücken verborgene Hintermänner ins Bild. Ein klassischer Paranoia-Plot, dessen Umrisse klar nachvollziehbar sind – dennoch zu diffus, um eine klare Auflösung zu ermöglichen. Denn die eigentliche Spannung von Mathieus Comic liegt in einem anderen, zweiten Spiel: einem philosophischen und erkenntnistheoretischen. Typisch für den französischen Zeichner: Bekannt wurde er mit der Serie über die absurden Abenteuer des „Gefangenen der Träume“, eines Beamten im Ministerium für Humor. Dessen kafkaeske Erlebnisse sprengten oft den formalen Rahmen der Comics, parallel zu existenziellen Fragestellungen. In Mathieus Comic „Gott höchstselbt“ wird ebendiesem (in Menschengestalt) wegen seiner Fehler der Prozess gemacht: die Theodizee als Groteske.
Es werde Licht. Verwandt paradoxe Probleme formuliert auch „3 Sekunden“ in Form einer Genre-Arbeit: Die unglaubliche Serie von Spiegelungen ist nur in einem ganz bestimmten Moment möglich. Sie ist reiner Zufall oder ein Wunder – oder eben die perfekte Schöpfung, geordnet von der Hand des Zeichners. Mathieu spielt Gott, im vollen Bewusstsein seiner formalen Mittel: Er schafft seine Welt aus der Dunkelheit und lässt es am Ende (durch eine endlose Reflexionsserie) reines Licht werden. Der Leser darf mitspielen: der Schöpfungsmythos als Denksportaufgabe mit beträchtlichem formalen und ästhetischem Mehrwert.
Nebenbei bewegt sich die rein visuelle Auflösung des Bandes weg vom derzeitigen „GraphicNovel“-Trend zum Filmischen. Als Bonus erhält der Leser einen Code für die Homepage des Verlags Reprodukt, in dem er sich „3 Sekunden“ als Animationsfilm ansehen kann, mit verstellbarer Geschwindigkeit des Zooms. Auch das hat seinen Reiz, wirkt aber stilistisch weniger konsequent als die bildgenaue Auflösung im Albumformat: In Mathieus Schöpfungsexperiment findet letztlich das Wesen des Comics ganz zu sich.

