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Galerie in Graz: Das Ganze passt ihm nicht

21.11.2009 | 18:46 | von Klaus Höfler (Die Presse)

Die Neue Galerie in Graz zieht um. Was Chefkurator Peter Weibel am Samstag für eine deftige Abrechnung mit Verhinderern, Verwaltern und Verkennern nutzte.

Zum Abschied packt Peter Weibel noch einmal die Boxhandschuhe aus. Anlässlich der vorübergehenden Schließung der Grazer Neuen Galerie holte der Chefkurator des Hauses am Samstag in Graz zu einem saftigen Rundumschlag gegen die (steirische) Kulturszene aus. Im Visier hat der streitbare Kunst- und Medientheoretiker vor allem die Leitung des Universalmuseums Joanneum, zu dem auch die Neue Galerie gehört. „Die Geschäftsführung hat nicht verstanden, worum es geht“, polterte Weibel in seinem Generalangriff, mit dem er einen intern seit Langem schwelenden und szenebekannten Konflikt mit Joanneum-Geschäftsführer Peter Pakesch prolongiert.

Auslöser dafür ist das Ende des angestammten Standorts der Neuen Galerie im Palais Herberstein. Die Räumlichkeiten im barocken Innenstadtpalais sind zwar nicht mehr zeitgemäß und waren laut Weibel auch in der Vergangenheit für ortsunkundige Besucher beinahe unauffindbar. Mit dem neuen Quartier im Hauptgebäude des Joanneums in der Raubergasse ist Weibel aber auch nicht zufrieden.

 

Es ist die architektonische Neugestaltung, die ihm im Magen liegt. Nach Plänen des spanischen Architektenpaares Fuensanta Nieto und Enrique Sobejano soll bis 2011 zwischen Altstadt und Mur rund um das Joanneum-Stammhaus ein Museumsviertel entstehen. Nach politischen Aufregungen wurde das Projekt zwar mittlerweile redimensioniert, mit einem Investitionsvolumen von knapp 40 Mio. Euro zählt es aber immer noch zu den größten Bauvorhaben der steirischen Landeshauptstadt.

Nur ein Dienstboteneingang! Geblieben ist als Kernstück ein zentraler unterirdischer Eingangsbereich für alle im Haus untergebrachten Einheiten im jetzigen Hof des Vierkantkomplexes. Die Schließung des derzeitigen Haupteingangs stößt Weibel sauer auf: „Das ist keine Öffnung, wenn man erst um die Ecke gehen muss, um den Eingang zu finden. Der neue pompöse Eingang dient allein der Landesbibliothek. Die Neue Galerie findet man nur mit Glück über einen Dienstboteneingang im Eck – ein Zeichen, dass man sich eigentlich gar nicht dafür interessiert“, lästert Weibel.

Für Peter Pakesch ist die Aufregung nicht nachvollziehbar „Die Umbaupläne waren immer bekannt. Die Neue Galerie war in die Planungen einbezogen“, kontert er im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. Er verstehe zwar die Unsicherheit, die es durch die Veränderung gibt. Aber es werde von der baudurchführenden Landesimmobiliengesellschaft (LIG) in der Vorbereitung und im Hintergrund professionell gearbeitet: „Da wird nichts dem Zufall überlassen.“

Weibel sieht das anders. Er fühlt sich und sein Haus von der Joanneum-Führung seit 2003 „absichtlich marginalisiert“. Mit der Übersiedlung ins Haupthaus habe er gehofft, diesem An-den-Rand-Drängen ein Ende setzen zu können. „Marginalisiert?“, wundert sich Pakesch: „Wenn man auf zwei Stockwerken eine Ausstellung über sich selbst und auch noch einige andere Ausstellungen machen kann, empfinde ich das nicht als Marginalisierung.“ Und Pakesch holt seinerseits zu einem verbalen Kinnhaken aus: „Peter Weibel ist offensichtlich selten in Graz und hat nicht so mitbekommen, was wirklich geschieht. Ich wäre froh gewesen, wenn ich ihn hier öfter gesehen hätte.“

Tatsächlich ist Weibel ein international gefragter und viel engagierter Mann. Neben seiner Tätigkeit in Graz leitet er seit zehn Jahren auch das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. Das deutsche Kulturmagazin „Cicero“ kürte ihn unlängst hinter Walter Jens zum zweitwichtigsten Kulturwissenschaftler im deutschsprachigen Raum.

Weibel – ein Star. Nur eben nicht der beste Freund von Pakesch, wiewohl dieser sich an ein „sehr amikal geführtes Telefonat“ erinnert, das erst vor einer Woche stattgefunden habe. „Dabei habe ich von den Vorwürfen nichts gehört, es wäre vieles rasch aufklärbar gewesen“, wundert sich Pakesch darüber, „jetzt alles über die Medien ausgerichtet zu bekommen“.

Beharren auf Autonomie. Unter „alles“ fallen diesfalls auch Klagen Weibels über Benachteiligungen bezüglich der personellen Ausstattung der Forschungsabteilung in der Neuen Galerie beziehungsweise bei Werbeaktivitäten. „Die Neue Galerie wurde immer wieder beworben. Im Bereich Marketing war sie immer auf Autonomie bedacht“, entgegnet Pakesch. „Die brauchen wir, damit unsere Kompetenz zum Tragen kommt“, beharrt Weibel.

Die Umzugsarbeiten gehen indes trotz des Hahnenkampfs in der Chefetage weiter. Bereits Anfang des Monats wurde die Schließ- und Übersiedelungsphase eingeläutet. Die Verwaltung, die Bibliothek, das Archiv und die Sammlungen des Museums werden interimsmäßig in dem neuen Studien- und Sammlungszentrum, dem ehemaligen Zentrallager einer Schuhfirma am Stadtrand, zwischengelagert. 2011 sollen dann die neuen Räumlichkeiten im Joanneum-Viertel bezogen werden. Trotz aller Unwägbarkeiten mit Peter Weibel. „Ich möchte nicht, dass diese Geschichte zu Ende geht“, sagt er.

Zulieferer für Wiener Galerien. Eine Geschichte, die er seit Anfang der 1990er-Jahre prägend mitgeschrieben hat. Stolz ist er vor allem auf die Vielzahl heute (teils welt-)bekannter Künstler, denen er in Graz schaffens- und ausstellungsmäßig einen Brutkasten geboten hat. Von Erwin Wurm bis Robert Voom, von Walter Niedermayer bis Günter Brus, von Bruno Latour bis William Kentridge reicht die Palette der Künstler, von denen man auch einige damals noch günstig erworbene Meisterwerke im Depot hat.

„Seit Mitte der 1960er-Jahre gehen immer wieder entscheidende Impulse von Graz aus“, ist Weibel rückblickend zufrieden. Wobei auch in Freude und Stolz ein wenig gehadert und gestichelt wird. „Wir sind eine Zuliefergalerie für die großen Galerien in Wien“, sagt er. Dort gehe man den „normalen österreichischen Weg“: „Man stellt erst dann aus, wenn einer schon bekannt ist, und tut dann so, als hätte man ihn entdeckt.“


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