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Walter Kohl: Mutter gesucht, Leben gefunden

30.06.2012 | 18:07 | von Eva Winroither (Die Presse)

Drei Halbschwestern werden von ihrer Mutter nach der Geburt verlassen. Immer wieder werden sie darüber im eigenen Leben stolpern, bis sie beginnen, nach ihr zu suchen.

Es ist eine dieser Geschichten, die während des Lesens eine große Wucht entwickeln, schlicht und ergreifend, weil sie nicht der Fantasie des Autors entsprungen sind, sondern von einer wahren Begebenheit handeln. Der oberösterreichische Schriftsteller Walter Kohl erzählt die Geschichte dreier Schwestern, die von der Mutter nach der Geburt verlassen und teilweise zur Adoption freigegeben wurden. Eine Tatsache, die sich später bewusst oder unbewusst sehr selbstzerstörerisch auf das Leben der drei Frauen auswirkt.

Da wäre einmal die älteste Tochter Tania. Noch die robusteste von allen dreien. Aufgewachsen in einem kleinen Ort in der Nähe von Amsterdam bei liebevollen Pflegeeltern und mittlerweile selbst Mutter eines Sohnes. Danach kommt Iris, eine auffallend schöne Blondine, die bei ihrem Vater in Linz zwar bleiben konnte (alle drei Frauen haben unterschiedliche Väter), deswegen aber nicht mehr Liebe und Aufmerksamkeit bekommen hat. Sie wird später psychisch krank. Dann gibt es noch die jüngste Tochter Tamara. Eine Rebellin, die immer wieder von Zuhause ausreißt, tagelang verschwindet, sich mit den falschen Leuten einlässt und ihr Umfeld mit ihren Eskapaden fast in den Wahnsinn treibt. Walter Kohl weiß das so genau, weil er selbst dabei war. Er ist der Adoptivvater von Tamara.

Vererbte Lieblosigkeit. Behutsam arbeitet Kohl nun die Lebensgeschichte der drei Frauen auf. Beginnend bei der Großmutter, Erna aus Linz, die ihrerseits schon Verachtung vom Vater erfahren hat, weil sie sich von dem reichen Emil scheiden und mit dem kriminellen Rudolf eingelassen hatte. Weiter zu Patricia, die aus der Liaison Ernas mit Rudolf entspringt und die später ihre drei Töchter allesamt als Babys weggeben wird. Wegen einer Verkettung von Umständen, weil sie keine Unterstützung bekommen hat und weil sie nicht in der Lage war, auf die Kinder aufzupassen. Sagt zumindest Erna, die es als Großmutter und Mutter auch nicht schafft, ihrer Tochter zu halten und ihre Enkelkinder aufzufangen.

Als Erwachsene – und ohne voneinander zu wissen – beginnen die drei Frauen schließlich nach ihrer Mutter Patricia zu suchen. Ausschlaggebend dafür sind im Hause Kohl die Eskapaden Tamaras, die – so behauptet zumindest eine Psychologin – mehr über ihre Wurzeln erfahren will.

In einer klaren, schnörkellosen Sprache hat Walter Kohl diese Spurensuche aufgeschrieben. Erzählt mit den Erinnerungen der Anwesenden, belegt durch offizielle Dokumente. Kohl führte dafür lange Interviews – er war von 1988 bis 1996 Korrespondent der „Presse“ – und lässt so jeden der Involvierten in einzelnen Passagen zu Wort kommen: Töchter, Großmutter (auch die eigene Ehefrau) und schließlich auch die leibliche Mutter seiner Tochter. Die bereits in jungen Jahren zum Drogenjunkie wurde, eine Zeitlang als Drogenkurier gearbeitet hat, jahrelang in Thailand lebte, für tot gehalten wurde und schließlich wieder nach Europa zurückgekehrt ist. Wo sie von ihren Töchtern wiedergefunden wird.

Auffallend sind dabei die unterschiedlichen Versionen und Erinnerungen der drei Generationen an die eigene Geschichte. Gemeinsam ist ihnen die Hin- und Hergerissenheit zwischen Schuldzuweisungen, unbewältigten Hassgefühlen und der Frage: Kann man jemanden lieben, wenn man selbst nicht von Anfang an geliebt wurde?

Unerklärliche Parallelen. Nach und nach ergibt sich so ein Spinnennetz, das zum Teil unerklärbare Parallelen im Leben der Schwestern sowie dem der Mutter preisgibt, aber schlussendlich auch den Weg aufzeigt, wie man dieser Teufelsspirale aus Nicht-geliebt-Werden und Nicht-lieben-Können wieder entkommen kann.

„Mutter gesucht“ ist nicht das erste Buch von Schriftsteller Walter Kohl, vermutlich aber das persönlichste. Dabei hat der Schriftsteller bereits 2009 mit „Wie riecht Leben?“ eine eindrucksvolle, weil sehr unsentimentale, Dokumentation über sein Leben ohne Geruchssinn veröffentlicht. Die Geschichte seiner Tochter hat er auf deren Wunsch niedergeschrieben. Und vermutlich dabei auch selbst diese harte Zeit in seinem Leben aufgearbeitet.

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