Jehoschua Kenaz' erste Story „Wildes Fleisch, fremdes Fleisch“ erzählt von der Klavierlehrerin Zofia, die sich den sozialen Aufstieg durch ihren Sohn, einen Geiger, erhofft. Zofia glaubt sich in ihren Ambitionen gebremst durch die Cousine ihres Mannes, Klara Hofmann, die sie bei sich aufgenommen haben. Klara hat den Holocaust überlebt. Sie ist überzeugt, dass „wildes, fremdes Fleisch“ in ihrem Körper wachse. Dieses Fleisch sei das der Deutschen. Zofia schämt sich für die seltsame Verwandte. Und Klara bleibt auch im gelobten Land eine Fremde.
Das Motiv des Fremd- und Ausgestoßenseins zieht sich durch die Erzählungen des israelischen Autors. Und auch das des kafkaesken Nichtankommens: Vater und Sohn sitzen im Lokal. Der Vater hat eine geheimnisvolle schwarze Aktentasche mit. Was da drin ist? Der Sohn wird es nie erfahren.
Neben Kafka klingt auch Samuel Beckett an. Auf einer Party warten alle auf den eigentlichen Gastgeber Bonaventura. Er kommt nicht.
Jehoschua Kenaz gelingt es, das dem sinnlosen Streben inhärente Komische zu enthüllen. Doch direkt unter der Oberfläche dieser scheinbar harmlosen Geschichten lauert auch das Grauen. Die erwarteten Schrecken treten nicht ein, dafür die unerwarteten. Die Geschichten beginnen irgendwo und enden irgendwann, als habe man aus einem Film ein Stück in der Mitte herausgeschnitten, das vor den Augen der Zuschauer vorbeigezogen wird. Lebensecht. cle
Jehoschua Kenaz: „Die Nachmittagsvorstellung“, übersetzt von Barbara Linner, Luchterhand, 270 Seiten, 19,60 Euro.