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Brigitte Fehrle: DuMonts neue Frontfrau

30.06.2012 | 18:06 | von Anna-Maria Wallner (Die Presse)

Brigitte Fehrle ist ab heute Chefredakteurin der "Berliner Zeitung". Ein Gespräch über Quoten, Gemeinschaftsredaktionen und ihre Pläne für das Blatt.

Glückwünsch! Sie sind ab heute Chefredakteurin der „Berliner Zeitung“ („BLZ“) und damit immer noch eine Ausnahme in der deutschen Medienbranche. Woran liegt das?

Brigitte Fehrle: Leider ist es ja nicht nur in der Medienbranche so, dass wenig Frauen in Führungspositionen sind. Überall gibt es hoch qualifizierte Frauen, die nicht zum Zug kommen. Offenbar fürchten sich die Männer vor starken Frauen.

 

Dabei werden derzeit die meisten großen deutschen Verlage – Axel Springer, WAZ, Gruner+Jahr/Bertelsmann, Bauer – von Frauen geführt. Nur in den Chefredaktionen spiegelt sich das noch nicht wider.

Das stimmt. Aber Frauen sind eben nicht automatisch bessere Menschen, und sie sind nicht von Haus aus Frauenförderinnen. Vielleicht mischen sich die Verlagschefinnen zu wenig in die Personalplanungen ihrer Häuser ein.

 

Seit der Aktion proquote.de, die eine Frauenquote in Medien fordert, wird das Thema in Deutschland diskutiert. Zufall oder nicht, dass Sie jetzt in diese Position aufrücken?

Das ist wirklich ein Zufall. Aber kein Zufall ist es, dass es bei der BLZ eine Chefredakteurin gibt. In der Redaktion gab es immer Frauen in Führungspositionen. Ich beobachte aber mit großer Freude, dass sich aufgrund der Debatte jetzt auch in anderen Medien etwas tut. Grade wurden beim „Spiegel“ drei leitende Posten mit Frauen besetzt. Ich hoffe, das geht weiter so.

Ihre Bestellung kam für die Branche überraschend, weil Ihr Vorgänger Uwe Vorkötter, der auch Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“ („FR“) war, plötzlich gehen musste. War es für Sie auch überraschend?

Absolut. Diese Entwicklung hat keiner geahnt. Wir hatten auch noch viele Aufgaben vor uns, die wir gemeinsam bewältigen wollten.

 

Zwei Zeitungen, ein Chefredakteur: Hat das nicht funktioniert?

Doch, es hat sogar sehr gut funktioniert. Wir haben mit der gemeinsamen Chefredaktion signalisiert: Diese beiden Blätter werden von einem Team mit gleicher Verantwortung und gleichem Engagement gemacht. Der Verlag hat sich jetzt entschieden, diese gemeinsame Chefredaktion aufzulösen und die einzelnen Blätter durch eigene Chefredakteure zu stärken.

Wie sieht der Redaktionsalltag aus?

Es gibt eine Redaktion, die zwei Zeitungen produziert. Es gibt ein Politik-, ein Wirtschaftsressort, ein Feuilleton – und die Ressortleiter sind für die jeweiligen Teile beider Zeitungen verantwortlich. Der Grundgedanke ist, möglichst viel gemeinsam zu machen. Darüber hinaus wissen wir, dass beide Zeitungen Eigenheiten haben, auf die wir bei der Planung Rücksicht nehmen.

In der „FR“ wird seit Jahren mit Kündigungen gedroht. Ist die „BLZ“ der stärkere Spieler im Redaktionsteam der beiden?

Nein, beide Zeitungen profitieren von der Kooperation. Beide haben durch den Austausch von Autoren gewonnen. Ökonomisch ist sicher die „FR“ in einer schwierigeren Lage als die „BLZ“.

Wirkt die Vergangenheit der Zeitung, die in der DDR unter SED-Patronanz stand, nach?

Wir hatten in den 1990er-Jahren sehr intensive Debatten über die DDR-Vergangenheit der Zeitung, die Stasi-Verbindungen einzelner Kollegen und die Ausrichtung des Blattes. Mit dem Umzug der Hauptstadt nach Berlin war das abgeschlossen. Die „BLZ“ fühlt sich jetzt in der Mitte der Stadt. Wir haben noch sehr viele treue Traditionsleser aus den Ostbezirken, die wir sehr ernst nehmen. Wir haben aber auch viele Leser, die hauptsächlich in der Mitte Berlins leben und neu in die Stadt kommen.

Die Zeitung hat im vergangenen Jahrzehnt mehrmals den Eigentümer gewechselt. Welche Spuren hat das hinterlassen?

Für die Redaktion waren die vergangenen Jahre natürlich sehr schwierig. Die längste stabile Zeit war Anfang der 2000er-Jahre, seither gab es eigentlich ständig Turbulenzen. Das geht an einer Redaktion nicht spurlos vorbei. Die Kollegen wünschen sich vor allem Klarheit und Perspektive. Ich hoffe, dass wir uns diesem Zustand nähern.

Die „Berliner Zeitung“ hat Anfang 2012 deutlich an Auflage verloren. Wie geht es ihr derzeit gesundheitlich?

Die Lage ist ernst und ein bisschen angespannt wie bei allen Zeitungen. Wir unternehmen viel, um unsere Leser zufrieden zu machen, und untersuchen, warum sie uns verlassen. Wir bekommen auch sehr viele neue Leser dazu, aber im Moment ist die Bilanz nicht positiv. Das ist richtig.

 

Was sind Ihre Ziele für die Zukunft?

Wir wollen die regionale Berichterstattung stärken und ausbauen. Mein Ziel ist, dass wir in Berlin unsere Position als meistgelesene Abo-Zeitung ausbauen, und da ist immer noch etwas zu tun.

Wie würden Sie Ihren Aufstieg in die erste Führungsreihe beschreiben?

Ich habe meine Karriere nicht geplant. Aber wenn ich vor die Entscheidung gestellt war, habe ich mich immer für mehr Verantwortung und mehr Führung entschieden. Vieles in meiner Karriere habe ich glücklichen Zufällen zu verdanken und Männern, die keine Angst vor qualifizierten Frauen hatten. Es waren immer Männer, die mich befördert haben.

 

Welche Rolle spielt Verlagschef Alfred Neven DuMont?

Ohne ihn wäre ich nicht da, wo ich heute bin, denn ohne ihn wird keine Personalentscheidung gefällt.

 

Die „taz“ nennt Sie die „kühle Chefin“. Wie finden Sie solche Einschätzungen?

Grässlich. Ich lese nicht, was über mich geschrieben wird. Ich habe eine klare Vorstellung von dem, was ich kann und was ich will. Alles andere ist für mich bedeutungslos.


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